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Geteiltes Leben

Eine neue Formel für den Generationenvertrag: Die höhere Rentenlast einer überalterten Bevölkerung sollen Alte und Junge je zur Hälfte tragen.
aus DER SPIEGEL 6/1997

Die Deutschen werden immer älter. Das hat Auswirkungen auf die Kosten der Alterssicherung. 1960 konnte ein Rentner sich im Schnitt nur 9,9 Jahre an seinem Alterslohn erfreuen, 1995 waren es bereits 15,7 Jahre.

Bezahlen müssen den Lebensabend der Alten die Jungen, die einen Job haben. Die längere »Rentenlaufzeit«, sagt der Darmstädter Finanzwissenschaftler Bert Rürup, sei ein Problem jeder Alterssicherung, egal, ob sie privat oder gesetzlich abgeschlossen wird.

Rürup, Mitglied der Blümschen Kommission zur Reform der Rentenversicherung, hat jene komplizierte Formel entwickelt, nach der künftig die »demographische Komponente«, also die längere Lebenserwartung, in der Rentenberechnung berücksichtigt werden soll. Ziel ist es, die Rentner durch eine behutsame, bis zum Jahre 2030 dauernde Reduzierung des »Rentenniveaus« an den Kosten zu beteiligen.

Konsequent wäre es gewesen, den Beginn der Rente hinauszuschieben und so die Laufzeit konstant zu halten. Das aber hätte Tücken: Arbeiten die Alten länger, stehen den Jungen weniger Jobs zur Verfügung - bei über vier Millionen Arbeitslosen kein empfehlenswerter Weg.

Rürup setzt deshalb beim regelmäßigen Rentenanstieg an. Jährlich zum 1. Juli wird der »aktuelle Rentenwert« ermittelt. Die Höhe ergibt sich im wesentlichen aus dem Anstieg der Netto-Einkommen im Vergleich zum Vorjahr. Der demographische Faktor kommt nun hinzu.

Die Rentner des Jahres 1995 haben statistisch eine geringfügig kürzere Lebenserwartung als die des Jahres 1996. Rürup dividiert die erste, kleinere Zahl durch die zweite, höhere. Das ergibt als Maß der längeren Lebenszeit zwangsläufig stets einen Wert kleiner als eins. Mit dieser Maßzahl multipliziert Rürup den nach alter Methode ermittelten Rentenwert. Er senkt die jährlich fällige Rentenanpassung.

Auf diese Weise würden die Alten tatsächlich allein für ihr längeres Leben bezahlen - wie es die Junge Union fordert. Aber das Rentenniveau würde sehr rasch von heute knapp 70 Prozent des Nettoeinkommens auf 61 Prozent sinken. Das wiederum brächte die Reformer in die Klemme.

Denn eine Zwangsversicherung mit gesetzlicher Verpflichtung zur Beitragszahlung sollte zu Renten führen, die im Schnitt deutlich über der Sozialhilfe liegen. Sonst wäre den Beitragszahlern kaum noch zu vermitteln, daß sie ein Leben lang für eine Rente arbeiten müssen, Sozialhilfeempfänger jedoch im Alter fast den gleichen Betrag ohne eigene Leistung erhalten. Bei einem Rentenniveau von nur 61 Prozent aber ist der Abstand zur Sozialhilfe nicht mehr garantiert.

Deswegen entschied die Kommission: Die aktiven Versicherten sollen auch eine Hälfte der Kosten des längeren Lebens der Alten finanzieren. Das funktioniert so: Ganz ohne demographische Komponente klettern die Renten 1997 schätzungsweise um 1,7 Prozent. Mit demographischer Komponente dagegen nur um 1,3 Prozent.

Die Differenz von 0,4 Prozentpunkten wird geteilt. Die Rentner verzichten auf 0,2 Prozent, und die Versicherten zahlen für jene anderen 0,2 Prozent, die den Längerlebenden kostenneutral eigentlich auch noch gestrichen werden müßten. Das führt dann zu einer Rentenanhebung von 1,5 Prozent.

Einzige Begründung für diese Halbteilung: Nur so kann das Rentenniveau dauerhaft über 64 Prozent gehalten werden.

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Rürup-Formel

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Rürup-Formel

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