Zur Ausgabe
Artikel 5 / 84

»Getreide wird heuer noch wenig abbekommen«

Wie verseucht ist die Nahrung der Deutschen? *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Die ganze Ernte«, meint Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, Europaparlamentarier der Grünen, »gehört auf eine Sondermülldeponie« Auch das Unterpflügen strahlenverseuchter Spinatpflanzen sei »absolut unverantwortlich«.

Mit solchen - unverantwortlichen - Alarmparolen wird von der Öko-Seite gegenwärtig die Diskussion darüber geführt, was die durch Tschernobyl verursachte zusätzliche Strahlenbelastung der Nahrung für die Menschen in der Bundesrepublik bedeutet.

Äußerungen wie die des Europa-Grünen waren geeignet, die begründete ungewisse Angst vor Strahlenschäden zur Hysterie zu steigern: Mit Hamsterkäufen räumten Bundesbürger Tiefkühltruhen und Konservenregale leer, der Umsatz auf Frischgemüse-Märkten, gleichgültig woher die Ware kam, sank gegen Null - H-Milch, vor Tschernobyl abgepackt, war ausverkauft.

Nicht zur Ruhe kam der Streit um den zulässigen Höchstwert bei Frischmilch: Bis zu einer Belastung von 500 Becquerel pro Liter dürfe sie ohne Bedenken verkauft werden, lautete die Bonner Richtlinie, gestützt auf ein Votum der Strahlenschutzkommission beim Innenministerium. Bundesländern wie Hamburg. Hessen und Nordrhein-Westfalen erschien der Wert viel zu hoch, sie erkannten auf 50, 20 beziehungsweise fünf Becquerel pro Liter Milch.

Beide, die Bonner Einschätzung und die der Abweichler, lassen sich mit Argumenten begründen, die gleichermaßen stichhaltig oder windelweich erscheinen.

Die Bonner Überlegung: Wenn ein Kind eine Woche lang pro Tag einen Liter Milch trinkt, der mit 500 Becquerel Radioaktivität von Jod 131 belastet ist, so bedeutet dies für die kindliche Schilddrüse eine Strahlenbelastung von zwei bis drei rem. Bei der Diagnostik von Schilddrüsenerkrankungen haben Mediziner seit vielen Jahren Erfahrungen sammeln können über die Einlagerung von radioaktivem Jod 131 in die Schilddrüse. Bei der Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen wird diese radioaktive Substanz verwendet in einem Dosis-Bereich von etwa 100 rem. Epidemiologische Untersuchungen des betreffenden Patientenkollektivs, besonders in Schweden, haben gezeigt, daß bei den so behandelten Patienten keine signifikante Erhöhung des Krebsrisikos festzustellen war.

Die im medizinischen Bereich als sicher« angenommene Jod-131-Dosis wurde von der Strahlenschutzkommission noch um den »Sicherheitsfaktor« 30 herabgesetzt. So gelangte man zu den 500 Becquerel - unter der Annahme, daß keine neuen Strahlenwolken aus Tschernobyl kommen, daß also die Belastung mit radioaktivem Jod sich jeweils innerhalb von acht Tagen halbiert- in zehn Wochen wäre sie dann auf ein Tausendstel der Anfangsdosis gesunken.

Die Gegenmeinung im Milch-Streit stützt sich auf die Grundüberzeugung, daß keine noch so geringe Strahlendosis ungefährlich sei. Außerdem wurde eine Rechnung aufgemacht: Bei 500 Becquerel pro Liter und einem Liter Tageskonsum bekäme ein Kleinkind in 20 Tagen etwa so viel Strahlung ab, wie laut Strahlenschutzverordnung von 1976 einem Kernkraftwerksarbeiter im Laufe eines ganzen Jahres maximal zugemutet werden darf.

Die Verordnung von 1976 freilich nannte gleichfalls frei gegriffene, sich nur ganz allgemein auf die Erfahrungen von Hiroschima und Nagasaki stützende Grenzwerte, allein mit der Zielrichtung so gering wie möglich. Nach dieser - noch gültigen - Verordnung müßte Milch, die mit 500 Becquerel belastet ist, als Sondermüll behandelt werden.

Die in der Molkerei-Milch gemessenen Werte lagen im (stärker strahlenbelasteten) Süden der Republik durchschnittlich zwischen 30 und 70 Becquerel, nur in wenigen Ausnahmefällen jenseits der Bonner Höchstgrenze. In Hamburg wurden Anfang der Woche Werte zwischen 5,9 und 8,7 Becquerel je Liter gemessen.

Die Verwirrung bei Experten und in der Öffentlichkeit war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß die möglichen schädlichen Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf den Menschen von einer Vielfalt unterschiedlicher, sich gegenseitig beeinflussender und noch weithin unerforschter Faktoren abhängen.

Die (in der Einheit rem gemessene) biologische Wirksamkeit auf den Menschen ist verschieden, je nachdem, ob es sich um Alpha-, Beta-. Gamma- oder Neutronenstrahlung handelt. Alphastrahlung ist »weich« und kann kaum die Haut durchdringen; Gammastrahlung ist die härteste, wirkt aber auch unterschiedlich, je nach ihrem Energiegehalt. Neutronenstrahlung wiederum kann harmlose Elemente im Organismus radioaktiv machen ("Sekundärstrahlung").

Entscheidend ist ferner, ob der Körper nur von außen einer radioaktiven Strahlung ausgesetzt ist oder ob radioaktiv

strahlende Partikel mit der Luft oder über die Nahrungskette in den Körper eindringen ("inkorporiert« werden) und dort als Strahlenquellen eingelagert, unter Umständen sogar über längere Zeit angehäuft werden.

Über all diese Differenzierungen sagt die Maßeinheit Becquerel nichts aus; sie registriert nur die Zahl radioaktiver Zerfälle pro Sekunde, etwa in einem Liter Milch, einem Kubikmeter Luft oder auf einem Quadratmeter Boden. Die für eine Gefährdungsabschätzung beim Menschen einzig relevante rem-Dosis jedoch ist mit Meßgeräten nicht zu ermitteln. Zu rem-Einheiten gelangt man nur durch komplizierte Umrechnungen, für welche die wissenschaftlichen Grundlagen aber noch weithin fehlen.

Erst in den nächsten Wochen und Monaten wird sich ein klareres Bild gewinnen lassen, in welchem Ausmaß Cäsium 137 und Strontium 90- langlebige Radionuklide, die den Wissenschaftlern sehr viel mehr Sorgen machen als das relativ kurzlebige Jod 131 - die Bundesrepublik schon verseucht haben oder noch verseuchen werden.

Cäsium 137 (Halbwertzeit: 30 Jahre) und Strontium 90 (Halbwertzeit: 28 Jahre), von denen bisher in der Bundesrepublik nur sehr geringe Dosen gemessen wurden, sind für den Menschen dann besonders gefährlich, wenn diese radioaktiven Stoffe in höherer Dosis auf Blattgemüse, also etwa Salat oder Spinat abgelagert sind. Abwaschen bringt wenig: Mindestens die Hälfte der abgelagerten Partikel, so schätzen Wissenschaftler, wird durch die Photosynthese oder durch andere biochemische Prozesse in das Blattgewebe aufgenommen.

Sind jedoch Cäsium 137 und Strontium 90 erst durch Regen oder durch Unterpflügen in den Boden eingedrungen, verteilt sich die Gefahr für den Menschen wenigstens auf längere Zeiträume: Nur etwa fünf Prozent des im Erdreich vorhandenen Cäsiums beispielsweise werden pro Jahr durch das Wurzelwerk der Pflanzen absorbiert. Nimmt der Mensch die verseuchten Pflanzen zu sich ("Pflanze-Mensch-Transfer"), gelangen rund 50 Prozent des aufgenommenen Cäsiums in seinen Stoffwechsel, der Rest wird durch Magen und Darm wieder ausgeschieden.

Der menschliche Organismus verwendet das tückische Cäsium 137, als sei es das lebenswichtige Kalium: Zur Regelung des Elektrolyt-Haushaltes kreist es gelöst im Blut und anderen Körperflüssigkeiten und wird dementsprechend auch nach Tagen oder Wochen wieder ausgeschieden. Im Gegensatz zu Strontium 90, das (anstelle von Kalzium) in die menschlichen Knochen eingebaut wird und mithin lange präsent bleibt, verhält sich das Cäsium eher »wie ein Windhund«, so Professor Hans Steinhart, Lebensmittelchemiker an der Universität Hamburg.

Deshalb hat Steinhart wenig Verständnis für die Panik wegen der angeblichen Cäsiumbelastung von Frischfleisch. Zum einen, meint der Professor, habe Schlachtvieh, das jetzt auf dem Markt ist, wohl kaum lange auf cäsiumbelasteten Wiesen geweidet. Zum anderen lasse man doch beim Schlachten das Blut herauslaufen - im Muskelgewebe des Tieres werde sich Cäsium mithin allenfalls noch in Spuren finden lassen.

Es sei »ernsthaft zu befürchten«, erklärte nach Tschernobyl die Umwelt- und Naturschutzorganisation BUND, »daß die diesjährige Ernte von Getreide, Gemüse und Obst wegen radioaktiver Verseuchung unbrauchbar sein wird«.

Dem widerspricht Professor Steinhart entschieden. Das Getreide werde »heuer«, meint der gebürtige Münchner, »noch wenig abbekommen« - im Frühjahr und Sommer 1986 befänden sich Strontium und Cäsium noch überwiegend an der Bodenoberfläche, »da dürfte über die Wurzeln nicht viel aufgenommen werden«. Das gleiche gelte für Wurzelgemüse aller Art.

Bei Gemüse, das jetzt schon angebaut ist und von dem später die Blätter genossen werden, sei hingegen ein erhöhtes Risiko nicht auszuschließen. »Die radioaktive Belastung wird eine Funktion der Oberfläche sein": Pflanzen, die in den Tagen seit Tschernobyl schon größere Blätter aufwiesen, werden eine relativ höhere Dosis von Radionukliden einlagern. Pflanzen hingegen, die gerade die ersten Triebe dem Licht - und dem radioaktiv belasteten Regen - entgegenstrecken, werden entsprechend weniger einfangen.

Zur Ausgabe
Artikel 5 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.