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»Gewalt ist nicht die letzte Lösung«

SPIEGEL-Interview mit Pastor Volker Schmidt über Unterdrückung und Opposition auf den Philippinen Volker Schmidt, 42, evangelischer Theologe aus Hamburg, war seit Sommer 1981 im Auftrag der kirchlichen »Dienste in Übersee« auf der südphilippinischen Insel Mindanao tätig. Im März 1983 wurde er wegen angeblicher Spionage und Subversion verhaftet. Mitte September kam er aus dem Militärgefängnis von Davao wieder frei. *
aus DER SPIEGEL 39/1983

SPIEGEL: Herr Schmidt, knapp zwei Jahre lang waren Sie als kirchlicher Entwicklungshelfer auf den Philippinen tätig. Die philippinischen Behörden kannten Ihre Arbeit - und behelligten Sie nicht. Aber im März dieses Jahres wurden Sie dann plötzlich verhaftet. Warum?

SCHMIDT: Es gibt keinen Hinweis darauf, daß meine Arbeit Anlaß der Verhaftung war. Im Gegenteil, die Soldaten, die unser Haus durchsuchten und mich und meine drei Mitarbeiter festnahmen, hatten die Vorstellung, sie jagten einen ausländischen Agenten. Sie wollten von mir wissen, ob mein Geburtsort Hamburg in der DDR liege, wann ich je in Moskau, Peking oder Kuba gewesen sei. Als ich darauf hinwies, daß ich ja wohl kaum für alle gleichzeitig spionieren könnte, beriefen sich die Offiziere auf einen »Reader''s Digest«-Artikel, daß der internationale Kommunismus zusammenarbeite. Obwohl sie mich angeblich ein halbes Jahr lang observiert hatten, wußten die gar nicht, daß ich Pastor bin oder was ich arbeitete.

SPIEGEL: Das Militär geht so naiv bei Verhaftungen vor?

SCHMIDT: Das ist die Realität auf den Philippinen. Es gibt auch einfach zu viele Verhaftungen. Die Verfolgungsorgane können sich gar nicht besser auf den Einzelfall vorbereiten. Und sie brauchen es auch nicht, weil man normalerweise davon ausgehen muß, daß es keinen wirklich fairen Prozeß gibt oder geben wird.

SPIEGEL: Das Kriegsrecht auf den Philippinen wurde von Präsident Marcos vor zweieinhalb Jahren aufgehoben. Wieso wurden Sie trotzdem von Soldaten verhaftet und nicht von der Polizei?

SCHMIDT: Ich bin von einer 25köpfigen Truppe verhaftet worden, an ihrer Spitze zwei Offiziere, ein Oberst und ein Leutnant. Das Team setzte sich zusammen aus Soldaten und Polizisten. Das zeigt, daß die Polizei der Philippinen in das Militär integriert ist.

SPIEGEL: Hat Präsident Marcos noch das Sagen, oder entwickeln sich die Philippinen schon zur Militärdiktatur hin?

SCHMIDT: Marcos ist ganz eindeutig derjenige, der die Macht hält. Das Militär steht loyal zu ihm, wenigstens bislang. Und Marcos kann seine Macht nur aufrechterhalten durch das Militär und die Integration aller anderen Kräfte ins Militär, von der Feuerwehr über die Polizei bis zur Heimwehr, den bewaffneten Schutzgruppen gegen die angeblich Aufständischen.

SPIEGEL: Es heißt, das philippinische Militär führe sich im eigenen Land schlimmer und selbstherrlicher auf, als man es von fremden Besatzungstruppen erwarten dürfte. Stimmt das?

SCHMIDT: Ja. Doch ich muß vorausschicken, daß ich während meiner Haft in vier Gefängnissen viele Offiziere kennengelernt habe, die aufrechte, ehrliche Männer waren. Einer versuchte mich sogar zu trösten: Er sei früher auch einmal politischer Gefangener gewesen, ich sollte meine Haft deshalb nicht als Schande ansehen ... Aber es ist andererseits völlig klar, daß weite Kreise des Militärs ihre Macht selbstherrlich mißbrauchen. Ja, man hat sogar das Gefühl, dieser Machtmißbrauch sei von oben erwünscht.

SPIEGEL: Machtmißbrauch in welcher Form?

SCHMIDT: Auf Mindanao, zum Beispiel, hat das Militär die Bauern von den Feldern geholt und in sogenannte Wehrdörfer zwangsumgesiedelt. In diesen Wehrdörfern gibt es in den Läden heute keine Getränke oder Zigaretten mehr zu kaufen, weil es übliche Praxis war, daß die Soldaten sich bedienten, ohne zu bezahlen.

Oder schlimmer: Ich bin ja zusammen mit zwei Frauen und einem Mann in unserem Haus verhaftet worden. Der Mann, Jethro Dionisio, hatte bei der Festnahme nur eine Sorge - ob er im Militärhauptquartier lebend ankommen würde. Das ist kein Einzelfall; das kennzeichnet _(Mit einem Photo seines Mitarbeiters ) _(Jethro Dionisio im Militärgefängnis ) _(Davao. )

die normalen Befürchtungen der Filipinos.

Und die eine Frau, Hilda Narciso, wurde während des Verhörs durch das Militär vergewaltigt - Verhör, Vergewaltigung, Verhör, Vergewaltigung.

SPIEGEL: Meinen Sie denn, daß dieses barbarische Verhalten des Militärs aus Eigenmächtigkeit der Soldaten geschieht, oder billigen militärische Führung und die Regierung solche Exzesse?

SCHMIDT: Die philippinischen Militärbehörden haben, wie ich selber erfahren habe, ein Gespür dafür, wie man Menschen weich bekommt.

SPIEGEL: Baut sich da nicht in der Bevölkerung eine Wut auf das Militär und damit gleichzeitig auf das Regime auf, die sich irgendwann explosionsartig entladen müßte?

SCHMIDT: Ich habe im Gefängnis, und meine Mithäftlinge waren ja alle politische Fälle, sehr oft die Bemerkung gehört: »Das Militär lebt sehr gefährlich!« Dahinter steckt die Haltung: Dieser oder jener Offizier wird erschossen, sollte man seiner habhaft werden können. Diese Stimmung ist weit verbreitet. Als Ausdruck der Schwäche wurden im Gefängnis von vielen Seiten ähnliche Gewaltphantasien formuliert.

SPIEGEL: Nun wird Gewalt auf den Philippinen ja nicht nur in der Phantasie ausgelebt. Bombenexplosionen, Schießereien mit der Polizei - meßbare Teile der Bevölkerung sind zum bewaffneten Widerstand gegen das Marcos-Regime angetreten. Haben Sie, Herr Schmidt, Kontakt zur militanten Opposition gehabt?

SCHMIDT: Ich habe fast sechs Monate zusammen mit Männern der »Moslemischen Befreiungsorganisation« von Mindanao und mit Leuten der »Neuen Volksarmee« im Gefängnis gesessen.

SPIEGEL: Die »Neue Volksarmee« ist die Kampforganisation der Kommunisten. Hatten Sie auch Kontakt mit denen vor Ihrer Verhaftung?

SCHMIDT: Es gab Kontakte, ja.

SPIEGEL: Waren die Kontakte so intensiv, daß sich daraus in der Sicht des philippinischen Militärs eine subversive Betätigung formulieren ließe? Die Mitglieder der »Volksarmee« sind offiziell Staatsfeinde.

SCHMIDT: Ich habe im Rahmen meiner Arbeit viele Begegnungen in den Dörfern oder bei den Gewerkschaften oder auf den Plantagen mit Leuten gehabt, die zu erkennen gaben, daß sie zum bewaffneten Untergrund gehören. Einige ließen auch durchblicken, sie gehörten zum kommunistischen Bereich, also zur »Neuen Volksarmee«.

SPIEGEL: Hat der kommunistische Widerstand eine breite Basis in der Bevölkerung?

SCHMIDT: Ich glaube, ja. Genau ist das aber nicht auszumachen. Denn die verschiedenen Bereiche des Widerstandes gegen Marcos von nicht-kommunistischen Gruppen, christlichen, gewerkschaftlichen, bis hin zu bewaffneten Gruppen bilden eine Einheit. Ich kann nicht sagen, hier ist eine Fraktion mit Waffen, hier kämpft eine ohne ...

SPIEGEL: Herr Schmidt, von Ihnen stammt der Satz: »Ich sehe keine Möglichkeit einer gewaltlosen Lösung der philippinischen Probleme.« Ist das nicht praktisch ein Aufruf zum gewaltsamen Umsturz?

SCHMIDT: Nein. Sehen Sie, ich bin Pastor; ich komme aus einer gewaltfreien Tradition auf deutschem Boden. Die halte ich nach wie vor für richtig und christlich.

Ich habe aber akzeptieren müssen, daß Leute auf den Philippinen, auch aus kirchlichen Kreisen, eine andere Position bezogen haben. Ich habe das oft mit anderen Pastoren besprochen, darin waren wir uns immer einig: Gewalt, auch wenn sie aus philippinischer Sicht jetzt nötig sein mag, ist nicht die letzte Lösung, Frieden zu schaffen.

Ich brauche auf den Philippinen keine Waffe in die Hand zu nehmen, ich stehe nicht im philippinischen Kampf. Doch mit dieser Einstellung kann ich mich nur auf neutralem Boden bewegen und aus allem raushalten. Wenn mich dann philippinische Kirchenleute fragen: Wie siehst du unsere Lage, in der wir für unsere Familien, für die Gemeinde schwere Entscheidungen fällen müssen, dann muß ich antworten: Ich sehe auf dem Hintergrund der philippinischen Geschichte, der derzeitigen militärischen

Unterdrückung keine andere Möglichkeit, als daß der Konflikt - hoffentlich begrenzt - in gewaltsamen Formen verläuft.

SPIEGEL: Da gerade die Kirche auf den Philippinen die wortmächtigste Opposition gegen Marcos stellt, etliche Priester auch in den bewaffneten Untergrund abgetaucht sind, ist es da aus Marcos'' Sicht nicht logisch, in jedem ausländischen Pfarrer, der ins Land kommt, von vornherein einen potentiellen Gegner zu sehen?

SCHMIDT: Das Gegenteil wäre plausibel. Ein ausländischer Priester im philippinischen Untergrund ist so sichtbar wie ein schwarzes Schaf unter weißen. Was kann er da nützen?

Aber das Marcos-Regime kann vermuten, daß ausländische Priester sich auf Menschenrechtsebene engagieren. Das ist die Rolle, die der Kirche zukommt und von der Kirche auf den Philippinen auch wahrgenommen wird. Denken Sie an den vehementen Protest der katholischen Bischöfe gegen die PCO ...

SPIEGEL: ... die »Presidential Commitment Order«, das Ermächtigungsgesetz für Marcos, das es ihm erlaubt, jeden als Staatsfeind Verdächtigten ohne Gerichtsbeschluß auf unbegrenzte Zeit einzukerkern ...

SCHMIDT: ... Ja, der Protest der Kirche war es, der zur Rücknahme dieses Gesetzes führte. Solche Opposition soll die Kirche betreiben, nicht schießen.

SPIEGEL: Die PCO wurde kassiert, als Sie im Gefängnis saßen. Aber dem folgte sofort ein neues Dekret, das es dem Präsidenten immerhin noch freistellt, Verdächtige ohne Gerichtsverfahren bis zu einem Jahr festzusetzen. Sie sind schon nach einem halben Jahr freigelassen worden. Warum so schnell?

SCHMIDT: Weil der Druck der westlichen Öffentlichkeit und der westlichen Kirchen so stark geworden war. Das philippinische Militär mußte aus einer verfahrenen Situation herauskommen: Es hatte geglaubt, im Fall Schmidt einen ganz großen Fisch an der Angel zu haben. Und dann stellt sich heraus, der große Fisch ist nur ein Pastor, der klar und eindeutig von seiner Kirche gestützt wird.

SPIEGEL: Nach Ihren Bemerkungen über die Stimmung in der philippinischen Bevölkerung, über die Opposition, über die Willkür des Militärs entsteht der Eindruck, eine Art Abenddämmerung sinke über das Marcos-Regime.

SCHMIDT: Ja. Auf den Philippinen ist eine sehr starke Advents-Erwartung, eine Erwartung auf Veränderung. Marcos, scheint mir, ist in einer verzweifelten Situation, weil er alle, die Kirche, die Bevölkerung gegen sich hat.

SPIEGEL: Aber was sollte nach Marcos kommen? Die einzig kraftvolle demokratische Alternative, auf die viele Filipinos ihre Hoffnung setzten, ist tot: Benigno Aquino.

SCHMIDT: Wenn es stimmt, daß die Regierung in irgendeiner Form an der Ermordung Aquinos beteiligt war, hat sie sich selbst in eine fast ausweglose Situation gebracht. Denn jetzt wird die gesamte legale Opposition sich nicht an den Parlamentswahlen des nächsten Jahres beteiligen. Und damit kann Marcos der Welt kein demokratisches Deckmäntelchen mehr vorweisen.

Der Tod Aquinos beschleunigt das Ende des Marcos-Regimes. Die allgemeine Stimmung ist: Nur noch wenige Monate, dann wird etwas geschehen.

Mit einem Photo seines Mitarbeiters Jethro Dionisio imMilitärgefängnis Davao.

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