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»Gewalt schafft nur neues Leid«

aus DER SPIEGEL 51/1990

SPIEGEL: Herr Minister, die Golfkrise dauert schon über vier Monate. Was ist für Israel besser: eine diplomatische Lösung oder ein Schießkrieg?

ARENS: Israels Interessen unterscheiden sich nicht von denen der freien Welt. Am besten wäre es, wenn diese Krise ohne Gewalt zu lösen wäre.

SPIEGEL: Die Planspiele ihrer Generale sehen einen massiven Schlag auf ausgewählte strategische Ziele im Irak vor. Denn bei einer diplomatischen Lösung würde Iraks Arsenal an chemischen und biologischen Waffen erhalten bleiben und damit eine tödliche Gefahr für Israel darstellen.

ARENS: Nicht nur für Israel. Ich glaube, daß die militärische Potenz Saddam Husseins nicht nur den Nahen Osten bedroht. Atomwaffen in seinen Händen sind eine Gefahr für die ganze Welt.

SPIEGEL: Heute schon?

ARENS: Noch nicht, weil die israelische Luftwaffe 1981 seinen Reaktor zerstört hat.

SPIEGEL: Und was ist mit der israelischen Bombe? Ihr Wissenschaftsminister hat im April dieses Jahres immerhin eingeräumt, daß Israel Atommacht sei.

ARENS: Unsere Position war immer, daß wir nicht die ersten sein werden, die im Nahen Osten über Atomwaffen verfügen. Aber wie schon einer meiner Vorgänger, General Mosche Dajan, sagte: Wir werden auch nicht die dritten sein.

SPIEGEL: Was wäre denn für Israel der Casus belli? Wann würden Sie Ihre Truppen gegen den Irak in Marsch setzen?

ARENS: Wenn Israel in Gefahr ist, wenn der Irak Israel angreift.

SPIEGEL: Geht es ein bißchen genauer, bitte?

ARENS: Ich werde doch Saddam Hussein nicht über den SPIEGEL unsere Absichten mitteilen. Aber schon zu Beginn der Krise haben wir gesagt, daß Israel nicht hinnehmen wird, wenn irakische Truppen in Jordanien einmarschieren. Wir sind von der Golfkrise direkter betroffen als jedes andere Land, und trotzdem: Andere Staaten werden für ihr Engagement in der Golfkrise - auch von den Deutschen - finanziell unterstützt, Israel aber nicht.

SPIEGEL: Was ging in Ihnen vor, als US-Präsident George Bush durch den Nahen Osten reiste, fast alle Ihre Feinde mit seinem Besuch beehrte, sich aber in Israel nicht sehen ließ?

ARENS: Es ist Präsident Bush gelungen, eine internationale Koalition gegen den Irak zusammenzubringen, zu der auch arabische Länder wie Saudi-Arabien zählen, aber ebenso Ägypten und Syrien. Dessenungeachtet sind die Beziehungen zwischen Israel und den USA eng.

SPIEGEL: Aber immerhin hat sich Bush mit einem der schlimmsten Feinde Israels, mit Syriens Präsident Hafis el-Assad, getroffen, einem der Drahtzieher des internationalen Terrorismus.

ARENS: Sie müssen verstehen, daß Bush sich bei Assad, dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak, dem saudiarabischen König Fahd und den Scheichtümern am Golf Unterstützung holen muß. Bei uns braucht er das nicht.

SPIEGEL: Die USA unterstützen ihre neuen arabischen Freunde mit Waffenlieferungen in Milliardenhöhe. Stört Sie das sehr?

ARENS: Das Problem haben wir seit Jahren. Und es sind ja nicht nur die USA, die Israels Feinde mit Flugzeugen und Raketen beliefern, das machen ja auch europäische Länder, Großbritannien und Frankreich etwa. Wir verstehen sehr wohl, daß die Amerikaner von ihren neuen Verbündeten sehr stark unter Druck gesetzt werden. Aber natürlich: Diese Waffenlieferungen verändern das militärische Gleichgewicht in der Region zu unseren Ungunsten.

SPIEGEL: Uns scheint das Verhältnis zwischen Israel und den USA seit dem Massaker auf dem Jerusalemer Tempelberg empfindlich gestört. Die Amerikaner haben Israel im Uno-Sicherheitsrat sogar verurteilt . . .

ARENS: . . . diese Entscheidung halten wir für falsch . . .

SPIEGEL: . . . und nun sind Golfkrise und Intifada sehr zu Washingtons Unwillen miteinander verknüpft. Der Volksaufstand der Palästinenser in den besetzten Gebieten hat neuen Auftrieb bekommen.

ARENS: Wir sind sehr betrübt, daß es unter den palästinensischen Arabern in Israel wachsende Unterstützung für Saddam Hussein gibt. Wir sind darüber enttäuscht, weil die palästinensische Bevölkerung immerhin schon seit über 23 Jahren mit und unter uns lebt.

SPIEGEL: Unfreiwillig, als Bürger zweiter Klasse.

ARENS: Einspruch. Sie nehmen am politischen Leben teil, sind in der Knesset vertreten. Richtig ist, daß sie nicht alle Bürden und Verpflichtungen israelischer Staatsbürger tragen, sondern nur deren Vorteile genießen. Um so enttäuschter waren wir, daß die Palästinenser einen solch brutalen und rücksichtslosen Diktator unterstützen, der nicht davor zurückschreckt, chemische Waffen einzusetzen.

SPIEGEL: Und jetzt eskaliert die Gewalt in den besetzten Gebieten.

ARENS: Es gibt unter den Palästinensern wie übrigens unter den meisten der arabischen Staaten eine starke Tendenz zu Fanatismus und Brutalität, eine totale Mißachtung menschlichen Lebens.

SPIEGEL: Meinen Sie, daß das so gar nichts mit den hoffnungslosen Lebensbedingungen dieser Menschen zu tun hat?

ARENS: Es liegt an der Kultur. Es ist kein nationales, sondern ein kulturelles Problem, wenn jemand bereit ist, an einer Bushaltestelle ein junges Mädchen oder einen alten Mann niederzustechen. Menschen können ja verschiedener Meinung sein, aber Konflikte mit Gewalt auszutragen ist nicht akzeptabel. Diese Lektion haben die Deutschen vor 50 Jahren gelernt, die Araber aber noch nicht.

SPIEGEL: Ihre Antwort auf den palästinensischen Volksaufstand ist gleichfalls Gewalt.

ARENS: Haben Sie einen Vorschlag, wie man sich vor Leuten schützen kann, die einen auf offener Straße niederstechen wollen? Wir Israelis leben seit 42 Jahren damit, daß Araber gegen uns Gewalt anwenden. Es war nicht immer leicht. Allmählich sehen auch die Bewohner von Judäa, Samaria und Gaza ein, daß sie mit Gewalt nicht weiterkommen, sondern daß Gewalt nur neues Leid für sie schafft.

SPIEGEL: Herr Arens, können Sie sich vorstellen, jemals mit PLO-Chef Jassir Arafat an einem Tisch zu sitzen?

ARENS: Warum sollte ich? Arafat ist kein demokratisch gewählter Vertreter der Palästinenser. Wir müssen Frieden machen mit den Menschen, die hier leben.

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