Zur Ausgabe
Artikel 22 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kirche Gewaltiger Druck

Mit neuer Optik wollen die Ober-Katholiken auf ihrem Kirchentag dem Verdruß in den Gemeinden entgegenwirken.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Es gibt ein »Bibelcafe« und ein »Rockcafe«, ein Cafe »Mir reicht's« und ein Cafe »Kühner Kardinal«. »Liturgischer Tanz« und »Politisches Nachtgebet« werden geboten, eine »Feministische Werkstatt« und »meditativer Impuls«.

Im Programm stehen Tabu-Themen, etwa: »Gegen den Rückwärtstrend in der katholischen Kirche« oder »Frauen auf dem Weg zu einer partnerschaftlichen Kirche«. Denn »dialogisch« soll's zugehen.

Reden dürfen Hans-Jochen Vogel (SPD) und die Grüne Christa Nickels, der Präsident des evangelischen Kirchentages, Erhard Eppler, sowie Bischof Martin Kruse, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein »Dialog mit anderen Religionen« verheißt Ökumene weltweit.

Geladen sind sogar einige katholische Kirchenkritiker wie der Zürcher Jesuit Ludwig Kaufmann oder der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, der seine Kirche schon eine »verstaubte und selbstherrliche Einrichtung« nannte. Reden darf selbst der Erfinder einer »politischen Theologie«, der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz.

Auf den ersten Blick aufgeschlossen wie nie zuvor, nur noch wenig unterschieden von der Buntheit protestantischer Kirchentage, gibt sich das Programm des 90. Deutschen Katholikentages, der von Mittwoch bis Sonntag dieser Woche in Berlin erstmals seit 1958 wieder Katholiken aus Ost- und Westdeutschland zusammenbringt. 120 000 Dauerteilnehmer erwarten die Organisatoren, darunter 35 000 aus der DDR.

Doch das neue Outfit trügt: Die katholischen Oberhirten und mit ihnen das Zentralkomitee der (west)deutschen Katholiken, das die Berliner Gläubigen-Versammlung veranstaltet, wollen keineswegs die Abkehr von Dogmen-Mief und klerikalem Muff einleiten. Taktische Erwägungen bestimmen die Optik.

Nur 23,4 Prozent der 26,2 Millionen bundesdeutschen Katholiken, weniger als ein Viertel, besuchten 1987 noch häufiger den Sonntagsgottesdienst. Päpstliche Weisungen in persönlich wichtigen Fragen, 1985 noch für 23 Prozent der Katholiken verbindlich, wurden vergangenes Jahr nach einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie nur noch von 16 Prozent akzeptiert.

Die Hauptschuld an dem Image-Verlust der Kirche in der Bundesrepublik trägt das Oberhaupt der Katholiken in Rom: Unter dem Hirtenstab des umtriebigen Papstes Johannes Paul II. wurde die kirchliche Haltung nicht nur zu Fragen der Sexualethik, sondern auch gegenüber Freiheitskämpfern in der Dritten Welt immer reaktionärer - das hat viele Katholiken aus ihren Gotteshäusern getrieben. Nach der Allensbach-Erhebung sank der Sympathiewert des Papstes bei deutschen Katholiken von 79 Prozent im Jahr 1980 auf 43 Prozent im vergangenen Jahr.

Die westdeutschen Bischöfe fahren, anders als die Episkopen etwa in Lateinamerika oder den USA, straff auf Rom-Kurs. Unter ihnen gibt ein Mann wie der Fuldaer Oberhirte Johannes Dyba den Ton an, der Christen wie Nichtchristen mit Sprüchen wie diesem verschreckt: »Es scheint so, als ob die Grünen vor jedem Tümpel mit Froschlaich eine Mahnwache aufstellen wollen.«

Wo die offizielle Kirche steht, wird in Berlin beim »Katholikentag von unten« deutlich. Zum fünften Mal veranstalten kirchenkritische Gruppen parallel zum Kirchentag einen Alternativkongreß. Doch die Veranstalter des Katholikentages nehmen, wie in den Vorjahren, die anderen Christen nicht zur Kenntnis.

Die Initiatoren des Gegentreffens, die sich 1980 zu einem »Netzwerk von Basisgemeinden« zusammengeschlossen haben, wollen »die Amtskirche in die gesellschaftliche Realität zurückholen« und für eine »konziliare Kirche der Freiheit« kämpfen. Und anders als beim offiziellen Meeting sind den Alternativ-Christen auch Außenseiter willkommen - die »Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen« ebenso wie Lesben- und Schwulen-Gruppen.

Der Paderborner Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann, dem wegen seiner Thesen zum Zölibat ein Verfahren auf Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis droht, darf über die von ihm geforderte Totalreform des Klerus reden, die protestantische Pastorin Helga Frisch über ihre Vorstellung von offener Ehe. Und das Enfant terrible der protestantischen Theologie, die feministische Theologin Elga Sorge, präsentiert den katholischen Contras ihr Projekt »Frauenkirche«.

Wie sehr das Häuflein der christlichen Jungtürken die Oberhirten ärgert, tat der Berliner Bischof Georg Sterzinsky schriftlich kund. Sein Amtsbruder Jacques Gaillot, Bischof im französischen Evreux, wollte am Rande des Katholikentages von unten eine Rede vor der deutschen Sektion der »Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges« halten, hatte sein Kommen aber von der Zustimmung Sterzinskys abhängig gemacht. Mit Schreiben vom 23. April lehnte Sterzinsky ab: _____« Sosehr ich die Ziele und die mir bekannten » _____« Aktivitäten der Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges » _____« hochschätze, so klar muß ich sagen, daß ich als einer der » _____« Gastgeber des Katholikentages nicht mein Einverständnis » _____« geben kann zu einer Veranstaltung, die gedacht ist als » _____« Protestveranstaltung zum Katholikentag. »

Anstelle von Gaillot tritt jetzt der - noch mit der kirchlichen Lehrerlaubnis ausgestattete - Tübinger Pastoraltheologe Norbert Greinacher auf der Gegenveranstaltung auf.

Nicht nur dem Alternativkongreß setzen die Kirchen-Offiziellen zu, auch der Initiative selber. »Gewaltiger Druck von der Amtskirche«, sagt der Sprecher der Alternativen, Tom Schmidt, habe viele Kirchenkritiker diszipliniert. Führte das Mitgliederverzeichnis »Initiative Kirche von unten« (IKvu) 1986 noch 56 Gruppen auf, sind es 1990 nur noch 40.

Das im Februar gegründete »Kölner Netzwerk« etwa, ein Zusammenschluß progressiver Pfarrgemeinderäte »für eine geschwisterliche Kirche«, könnte sich einen Beitritt zur IKvu nicht leisten, »weil das sofort Sanktionen des Kölner Generalvikariats nach sich zöge«, wie ein Netzwerk-Priester feststellt.

Bedrohlicher noch für die kirchenradikale Minderheit ist der stille Ausstieg einst Engagierter. »Die ganze Auseinandersetzung ist mir scheißegal«, beschreibt Schmidt die Resignation vieler alter Kirchenkämpfer, »die sagen: Ich kümmere mich nicht mehr darum und mache, was ich für richtig finde«.

Der Überdruß hat selbst prominente Theologen ergriffen. Der Tübinger Professor Hans Küng, 1979 wegen seiner kritischen Thesen päpstlich bestraft und einer der Inspiratoren der IKvu, taucht in den Berliner Kirchentagsprogrammen nicht auf.

»Was soll's?« sagte er Kirche Intern, dem österreichischen Monatsblatt kritischer Katholiken, »über die Kirche habe ich genug geschrieben. Heute habe ich den Horizont der Weltreligionen und der Postmoderne vor mir.« f

Zur Ausgabe
Artikel 22 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.