Zur Ausgabe
Artikel 63 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Philippinen Gewaltiges Wunder

Frommer Zauber um den toten Ex-Diktator Marcos. Seine Anhänger feiern ihn als politischen Märtyrer.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Auf »unseren Andy« lassen die Leute von Ilocos Norte, einer ärmlichen Provinz am Nordende der philippinischen Hauptinsel Luzon, nichts kommen. Andy ist der größte Sohn der Ilocanos; seine Spuren finden sich überall.

Der internationale Flughafen der Provinz - Andy hat ihn bauen lassen; ein Palast und etliche herrschaftliche Villen - Andy ließ sie errichten; selbst eine Stadt hat Andy gegründet und ihr huldvoll den eigenen Namen, einzelnen Stadtteilen die Namen seiner Familienangehörigen verliehen. Die 15 000-Seelen-Kommune heißt schlicht Marcos, ein Bezirk Barangay Imelda. Ferdinand ("Andy") Marcos, der am 28. September im Exil auf Hawaii gestorbene Ex-Diktator der Philippinen, ist in Ilocos Norte noch immer der Liebling der Massen. Egal, wie schamlos er und seine Hofschranzen einst das Land geplündert hatten - er war ein Ilocano aus einfachen Verhältnissen, der es zu etwas gebracht hatte. Das allein zählt.

Ende Oktober brachen an die 500 Filipinos aus Marcos' Heimatstadt Batac zu Fuß in die über 400 Kilometer entfernte Hauptstadt Manila auf, um gegen die Verbannung ihres toten Idols zu protestieren. 17 Tage dauerte der lange Marsch. Auf seinem Gang durch die Provinz schwoll der Demonstrationszug zeitweilig auf über 15 000 Menschen an. »Bringt den Leichnam von Präsident Marcos zurück«, riefen seine Anhänger, »Cory hat Angst vor Geistern!«

Corazon ("Cory") Aquino, die vor fast vier Jahren nach einer unblutigen Revolution Nachfolgerin des Diktators im Amt des Staatspräsidenten geworden war, hatte mehrfach verfügt, daß Marcos nicht in die Heimat zurückkehren dürfe, lebendig nicht und tot auch nicht. Die Präsidentin fürchtet, wohl nicht zu Unrecht, selbst ein toter Marcos könnte soziale Unruhen provozieren, seine Grabstätte auf heimatlichem Boden gar zu einem Wallfahrtsort für einen Polit-Märtyrer werden.

Also bleibt Marcos draußen - und seine Familie ebenso. Frau Imelda, Sohn Ferdinand jr. ("Bongbong"), die Töchter Imee und Irene geben dennoch die Hoffnung auf Heimkehr nicht auf. Sein Vater sei auf Hawaii »nur provisorisch und vorübergehend« zur letzten Ruhe gebettet worden, sagt Bongbong.

Besonders die Ilocanos harren der Rückkehr des vertriebenen Helden, vor allem seine Mutter. Dona Josefa »wartet immer noch auf ihn«, sagt der Marcos-Loyalist Oliver Lozano. »Es war ihr letzter Wunsch, daß sie nicht beerdigt werde, ehe nicht ihr geliebter Sohn heimgekehrt sei.«

Josefa Edralin Marcos, allgemein nur »Mommy Sefa« genannt, starb 95jährig Anfang Mai vergangenen Jahres. Sie liegt in der Empfangshalle ihrer Villa in dem verschlafenen Städtchen Batac, dem Familiensitz der Marcos, einbalsamiert, in weißen Brokat gewandet, unter Glas - umrahmt von Blumengebinden, Heiligenstatuen, Familienfotos und einer lebensgroßen Bronzebüste ihres berühmt-berüchtigten Sohnes.

Ursprünglich kam alle zwei Wochen ein Leichenpfleger vorbei, um nach dem Zustand der schönen Mumie zu schauen. Jetzt aber, berichtet die Far Eastern Economic Review, kommt er »fast täglich, um ihr Make-up und ihre Frisur zu kontrollieren«.

In bodenlange Roben mit der philippinischen Flagge auf dem Ärmel gekleidete Schwestern eines selbsternannten Ordens namens »Alpha Omega« sorgen für die spirituelle Nachlaßverwertung der Dona Josefa und ihres - noch abwesenden - Sohnes. Schwester Tessie, die seit nunmehr anderthalb Jahren jeden Tag mindestens sechs Stunden am Sarkophag betet, leitet die tägliche Nachmittagsandacht. Das Mikrofon in der Hand, bringt sie über Lautsprecher Neugierigen und Gläubigen die Heilsbotschaft der hohen Familie nahe. Berichte über Wunderheilungen der Marcos-Schwestern machen in Ilocos Norte die Runde.

Auf der Höhe seiner Macht hatte der raffgierige Diktator 1977 die Familienvilla seiner Heimatstadt als Museum geschenkt. Nach seinem Sturz mußte es schließen, wurde aber vergangenes Jahr, als Ferdinand Marcos im angeblich so unwirtlichen Exil unter Palmen einen traurigen 71. Geburtstag beging, wiedereröffnet. Der Besucherandrang ist heute größer denn je.

Der Ausstellungssaal im ersten Stock der Marcos-Villa ist ein Kitsch-Tempel des Größenwahns. In Glasvitrinen liegen Dutzende von Orden, militärischen Auszeichnungen und Tapferkeitsmedaillen, die Marcos im Zweiten Weltkrieg angeblich zum höchstdekorierten philippinischen Soldaten aller Zeiten machten. Nur: Der Diktator hat sie sich, wohl ausnahmslos, nachträglich selbst verliehen. An 23 lebensgroßen Schaufensterpuppen hängt Marcos-Kleidung - vom feinen Maßanzug über blütenweiße Hemden mit dem protzigen Präsidenten-Siegel auf der Brust bis hin zum Tennis-Outfit.

Marcos-Memorabilia zuhauf: 16 Auto-Nummernschilder liegen stellvertretend für seine 16 Abgeordnetenjahre aus. Daneben Fahnen, Fotos, Dokumente. Und Bücher - über ihn und vor allem von ihm: »Revolution heute: Demokratie« heißt eines seiner Werke, ein anderes »Betrachtung über Menschenrechte und die Herrschaft des Rechts«. Dieses Buch weist seinen Autoren als einen Mann aus, der, so steht's auf einer Tafel erläutert, »unerschrocken für die Menschenrechte eintrat«.

An einer Wand prangen zwei Stammbäume der Familie Marcos, Gold auf rotem Samt, bis in die feinsten Verästelungen die Sippschaft nachzeichnend. Überall zwischen diesem Heroen-Talmi liegen kleine rote Herzen aus Pappmache. Mutter Rose, Oberin der Marcos-Nonnen, hat sie gefertigt und mit Botschaften beschriftet, die sie direkt von Gott empfangen hat, sagt sie.

Für sie gibt es keinen Zweifel: Jesus persönlich hat ihr schon vor langer Zeit mitgeteilt, daß »Mommy Sefa« und ihr Sohn Ferdinand »keine gewöhnlichen Menschen« seien, sondern »Instrumente Gottes«.

Aber, läßt Mutter Rose durch Betschwester Tessie erklären, es sei »noch nicht an der Zeit, dies der Welt mitzuteilen«. Denn erst werde »ein gewaltiges Wunder auf den Philippinen geschehen, ehe die ganze Welt erfahren wird, wer die Marcos-Familie wirklich ist«.

Ilocos Norte wartet auf den heiligen Marcos. f

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 98
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.