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»Gewehr am Kopf«

aus DER SPIEGEL 6/1996

Der Mann wußte zuviel: Von drei Kugeln tödlich getroffen, brach der belgische Veterinärkontrolleur Karel Van Noppen, 42, am Abend des 20. Februar 1995 vor seinem Auto zusammen.

In der »Hormon-Equipe« des belgischen Instituts für Veterinärkontrollen hatte Tierarzt Van Noppen einem Syndikat aus Viehmästern, Schlachthofbetreibern und Chemikern nachgespürt. Die illegale Mast mit der Hormon-Spritze trägt jährlich Milliarden-Profite ein.

Van Noppen und einige Kollegen kannten die Namen der verdächtigen Hormon-Dealer, sie wußten Bescheid über Schmiergelder, mit denen Kontrolleure zum Schweigen gebracht wurden.

Der Inspekteur suchte auch nach Verrätern im eigenen Amt. »Die Lecks sind auf hohem Niveau zu suchen«, vermutete er. Zwei Jahre vor seinem Tod zeichnete Van Noppen in einem privaten Dossier die Strukturen der Hormon-Mafia auf: _____« 1988 gingen in Westflandern zwölf junge Idealisten » _____« den Kampf gegen die Hormone an. Nach ein paar Monaten » _____« hatten wir schon viele positive Befunde. Nachdem Versuche » _____« mißglückt waren, die Mitglieder der Hormon-Equipe mit » _____« Beträgen zwischen 50 000 und 500 000 belgischen Franken » _____« zum Schweigen zu bringen, wurde Kollege Andre Ermens von » _____« zwei Unbekannten krankenhausreif geschlagen. Einige » _____« Wochen später mußte ich zusammen mit einem Kollegen auf » _____« einem Bauernhof nach gewalttätigen Bedrohungen die Flucht » _____« ergreifen, einen Monat später wurde mein Auto auf einem » _____« Schlachthof von einem Lastwagen gerammt. Mindestens » _____« fünfmal erhielt meine Frau anonyme Anrufe. »

Seit längerem vermutete Van Noppen auch einen hochrangigen Maulwurf im eigenen Amt - es sei sein Chef, der Generalinspekteur der Untersuchungsbehörde: _____« In einigen Gebieten war es deutlich, daß es undichte » _____« Stellen gab und daß bestimmte Mäster und Schlachthäuser » _____« (unter anderem in Brügge und in Rekkem) von vornherein » _____« wußten, wann es Kontrollen gab. Aus dem Milieu erhielten » _____« zwei Mitarbeiter die Information, daß der » _____« Generalinspekteur selber gegen Bezahlung die » _____« Kontrolldaten weiterleitete. » _____« Diese beiden Mitarbeiter stellten aus eigener » _____« Initiative eine Untersuchung an: Sie besuchten zwei » _____« verdächtige Schlachthäuser, ohne den Generalinspekteur » _____« darüber zu informieren. Die Schlachthausleitung reagierte » _____« wütend. Die Kontrolleure seien nicht berechtigt, auf » _____« eigene Faust ein Schlachthaus zu kontrollieren, meinten » _____« sie. Doch die beiden machten sich nichts aus der » _____« Bemerkung und begannen, Proben an sehr verdächtigen » _____« Injektionsstellen zu ziehen, die sie bei fast allen » _____« Tieren bemerkten. Nach einer halben Stunde erhielten die » _____« beiden einen Anruf vom Generalinspekteur des Amtes. Er » _____« befahl ihnen, sämtliche überprüften Tiere freizugeben und » _____« die Proben wegzuwerfen. » _____« Ich selbst wandte mich dann an den Generalinspekteur » _____« und teilte ihm mit, daß ich alle Beweisstücke an die » _____« übergeordnete Aufsichtsbehörde übergeben würde, sollte er » _____« noch einmal Informationen verkaufen. Er bestritt die » _____« Tatsachen nicht. Er bat mich, doch etwas Geduld zu haben. » _____« Er wolle ohnehin bald in Frührente gehen. »

In den vergangenen beiden Wochen wandten sich Kollegen Van Noppens in Interviews in Belgien an die Öffentlichkeit. Bilanz der Hormonfleischjäger: »Die Situation ist heute noch bedrohlicher als im Februar 1995.« Ein »Gewehr am Kopf« sei bei den Kontrollen auf Bauernhöfen keine Seltenheit mehr, berichten sie. Die »großen Mäster spritzen fröhlich weiter und werden im Schlaf reich«.

Der ehemalige Generalinspekteur arbeitet noch immer im Amt, und die Mörder Van Noppens sind noch nicht gefunden.

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