Zur Ausgabe
Artikel 7 / 58

VERTEIDIGUNG Gewehr bei Fuß

aus DER SPIEGEL 2/1961

In trockener englischer Sachlichkeit haben Militärexperten vom Londoner »Institute for Strategic Studies« ein Memorandum vorgelegt, dessen Inhalt nur den Schluß zuläßt, daß der Bonner Verteidigungsminister Strauß bislang mit unrichtigen Zahlen operiert hat, wenn er sein Streben nach größtmöglicher Stärkung der Bundeswehr plausibel zu machen versuchte.

Seine permanenten Hiobsbotschaften über die rote Gefahr aus dem Osten hatte Strauß mit Angaben untermauert, nach denen die Bundeswehr einer Aggression schon allein der DDR-Streitkräfte nicht würde standhalten können.

Zu solchem Zweck hatte Strauß erst im September in das regierungsamtliche Bonner »Bulletin« unter der Überschrift »Auf Bürgerkrieg ausgerichtet« einen Aufsatz einrücken lassen, in dem es hieß: »Das Verhältnis der bewaffneten Kräfte zwischen Sowjetzone und Bundesrepublik beträgt 9:1.«

In der Sowjetzone, so war dem »Bulletin« zu entnehmen, stünden »mindestens 1,1 Millionen Menschen Gewehr bei Fuß«. Und: »Wer ... ein Militärpotential von einer solchen Überlegenheit aufstellt, will mehr als nur die Verteidigung einer angeblich gefährdeten Grenze, er will angreifen.«

Bei näherem Hinsehen ergab sich freilich, daß der Begriff »Gewehr bei Fuß« nicht allzu wörtlich zu nehmen war. Jedenfalls war damit nicht gemeint, daß die »1,1 Millionen Menschen« allesamt Soldaten seien. Vielmehr hatten die Bonner Ermekeil-Strategen die Zahl so aufgeschlüsselt:

- 110 000 Soldaten der »Nationalen Volksarmee«;

- 130 000 bis 200 000 Reservisten der »Nationalen Volksarmee«;

- 45 000 bis 50 000 Grenzpolizisten;

- 30 000 Bereitschaftspolizisten;

- 78 000 Volkspolizisten auf Straßenkreuzungen, in Polizeirevieren und in Krimmalbüros;

- 300 000 bis 350 000 Mitglieder der »Betriebs-Kampfgruppen« und

- 400 000 Angehörige der »Gesellschaft für Sport und Technik« (GST).

Das »Bulletin« ließ alle Doppel- und Dreifach-Mitgliedschaften gänzlich unberücksichtigt: Ein Reservist der Volksarmee gehört in der Regel zugleich auch der Kampfgruppe seines Betriebs an und betätigt sich in der GST auf den Gebieten des Segel- und Motorflugsports, des Flugmodell- und Fallschirmsports sowie des Motor- und Seesports, des Schieß- und Geländesports und des Amateurfunks.

Obschon also vollmilitärische, halbmilitärische und so gut wie unmilitärische Organisationen in der Bonner Zahlenskala bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermust worden waren, behauptet das »Bulletin«, der Charakter aller dieser Verbände sei »aggressiv« sowie »auf Angriffs- und Bürgerkrieg ausgerichtet«. Und: Auf 1000 Einwohner in der Sowjetzone kämen mithin »71 militärisch ausgebildete Personen«, auf 1000 Einwohner in der Bundesrepublik dagegen gerade acht.

Die Schlußfolgerung, die aus dem Rechenkunststück gezogen werden sollte, lag auf der Hand: Schon gegen eine Sowjetzonen-Dampfwalze von 1,1 Millionen Aggressoren - ganz abgesehen von den sowjetischen Truppen, die in der Sowjetzone stationiert sind - stünde eine 300 000-Mann-Bundeswehr auf verlorenem Posten, die nicht besäße, was Franz-Josef Strauß ihr und sich wünscht - taktische Atomwaffen.

Strauß hatte erst jüngst Grund zu der Sorge, daß seine Beschwörungen des roten Militärpotentials von den eigenen Verbündeten nicht immer recht ernst genommen würden; die Nato-Partner neigen mehr und mehr zu der Ansicht, die große Ost-West-Auseinandersetzung werde nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf wirtschaftlichem Gebiet ausgetragen werden, weshalb man zunächst einmal dafür rüsten sollte.

Erst auf der Pariser Dezember-Tagung des Nato-Rats war Straußens Vorschlag, angesichts der »kommunistischen Herausforderung« schnellstens eine Nato-Gipfelkonferenz zu veranstalten, nicht einmal im Schlußkommuniqué erwähnt worden, obwohl der Minister ("Ich möchte Ihnen hier keineswegs eine Predigt halten") teils salbungsvoll, teils - so die »Frankfurter Allgemeine« - »mit dem ihm eigenen Temperament« die aus dem Osten drohende militärische Gefahr auszumalen versucht hatte.

Für den Bonner Atomwaffen-Dränger Strauß kam deshalb denkbar ungelegen, was die Londoner Studienräte mit ihrer Ausarbeitung über den »Ostblock und die Freie Welt - Das militärische Gleichgewicht 1960« der Nato -Öffentlichkeit unterbreiteten. Sensationellste Angaben der Denkschrift: Die Volksarmee der Zone zählt nur 65 000 Mann; alle Ostblockstaaten zusammen verfügen über paramilitärische Verbände mit nur 400 000 Leuten. Straußens Millionen-Rechnung war dahin.

Das Londoner Strategie-Institut - eine private Einrichtung, der Militärs und Parlamentarier aller Nato-Länder angehören - hatte seine Recherchen unvoreingenommen und so gründlich wie möglich geführt. Die Studie über die militärische Stärke der beiden Welthälften erschien zum erstenmal im Jahre 1959, doch waren Zahlen über die DDR-Streitkräfte damals nicht aufgenommen worden, weil keine verbürgten Angaben vorlagen. Erst in diesem Jahr standen - mit Hilfe staatlicher britischer Stellen - zuverlässige Zahlen zur Verfügung. Mit 65 000 Mann stuften sie die DDR-Armee als zweitschwächste Ost-Streitmacht ein.

In Bonn sah Minister Strauß keinen anderen Ausweg, als den britischen Zahlen mit seinen bekannten Angaben zu begegnen: Den Hörerinnen und Hörern des Westberliner Rundfunks im amerikanischen Sektor verkündete am Dienstag vergangener Woche der Presse -Major von Raven aus dem Bundesverteidigungsministerium noch einmal dieselben Zahlen, die schon Monate vorher das »Bulletin« gedruckt hatte: Den mehr als eine Million sowjetzonalen Waffenträgern stünden in Westdeutschland - Bundeswehr, Bundesgrenzschutz, Länder- und Kommunalpolizei zusammengerechnet - derzeit nur 405 000 Uniformierte gegenüber.

Jedoch blieb die Rechnung so schief wie zuvor: Nach Bonner Berechnungen zählen Volksarmee, Grenzschützer und Polizei in der Sowjetzone - ohne Reservisten, die es auch in der Bundesrepublik gibt, ohne Betriebs-Kampfgruppen, deren Mitglieder zumeist unfreiwillig Dienst tun, und ohne GST-Sport-Schützen, deren militärischer Wert zweifelhaft ist - insgesamt sogar nur etwa 270 000 Mann, das sind 135 000 weniger Einsatzfähige als in der Bundesrepublik.

Daß auch diese sowjetzonale Stärkeziffer noch immer über jener Zahl von 65 000 Mann liegt, die das Londoner Institut für strategische Studien angegeben hat, wird durch einen Lapsus erklärt, der nach Londoner Meinung den Bonn-Verteidigern unterlaufen ist. Strauß habe seinen Berechnungen nämlich die Soll-Stärke der DDR-Armee zugrunde gelegt; tatsächlich aber verfügten die Regimenter der Zonen-Armee wegen akuten Personalmangels in keinem Fall über die eingeplante Mannschaftsstärke.

von Raven

Nationale Volksarmisten: Millionen oder Zigtausend?

Zur Ausgabe
Artikel 7 / 58
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.