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I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN: 2. Auflösung der Kolonialreiche Gewinn und Verlust

aus DER SPIEGEL 47/1998

▷ Kolonien - Goldgruben oder Fässer ohne Boden?

Magnaten wie der Brite Cecil Rhodes zogen ungeheure Gewinne aus ihren südafrikanischen Gold- und Diamantenminen. Den von ihm provozierten Burenkrieg, der die damals gewaltige Summe von 250 Millionen Pfund an Steuergeldern kostete, ließ er jedoch vom Staat führen. Das Prinzip, wonach Profite aus Kolonien privat waren, Verluste aber möglichst dem Staat aufgebürdet wurden, begleitete die gesamte Kolonialgeschichte.

Die Holländer machte der Ertrag ihres indonesischen Kolonialreiches zu den zeitweise reichsten Bürgern der Welt. Noch 1925 kassierten Aktionäre holländischer Schnapsdestillen in den Kolonien 200 Prozent Dividende. Der Nettogewinn bei Gewürznelken erreichte schon mal bis zu 2500 Prozent - was den Aktienkurs der Handelsgesellschaft auf bis zu 1080 Prozent des Nominalwerts steigen ließ.

Manche Kolonien blieben allerdings reine Zuschußgeschäfte. Das deutsche Kaiserreich zog aus keiner seiner Kolonien Gewinn mit Ausnahme Togos. Zu kostspielig geriet die Unterdrückung aufbegehrender Eingeborener von Ost- bis Südwestafrika.

Die Franzosen kosteten ihre Kriege in Indochina und Algerien sicher mehr, als sie je aus diesen Ländern herausgeholt haben. Aber auch da galt nach wie vor, daß die Erträge privat verbucht, die Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt wurden.

▷ Missionare - Aufklärer oder Unterdrücker?

Napoleon wußte offenbar, wozu Priester auch gut sind: »Diese Ordensgeistlichen werden mir in Asien, Afrika und Amerika sehr von Nutzen sein. Ihr Priestergewand schützt sie und dient zur Verhüllung der politischen und geschäftlichen Absichten«, so der Kaiser 1804 vor seinem Staatsrat.

Schon durch ihre Heilsbotschaft erschütterten die Missionare aus Europa das Selbstbewußtsein vieler Menschen in Asien, Afrika und Amerika und untergruben so einheimische Kulturen. Doch in christlichen Schulen lernten Kinder, deren Eltern Analphabeten waren, auch lesen und schreiben - was ihnen neue Chancen eröffnete.

»Mit dem Christentum«, schreibt der Hamburger Historiker Leonhard Harding, »ist ein rationales und säkulares Prinzip in das Denken afrikanischer Völker eingedrungen. Das heißt: die Anerkennung der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht mit den langfristigen Konsequenzen einer Grundlegung von Natur- und Menschenrechten«.

Das neue - europäische - Denken beflügelte viele Unterdrückte, für die Emanzipation der Kolonialvölker einzutreten. So profitierten letztendlich vom Wirken der christlichen Kirchen vielleicht die Unabhängigkeitsbewegungen mehr als die Imperialisten in den europäischen Metropolen: Ghanas Kwame Nkrumah, Sambias Kenneth Kaunda und andere Staatsgründer der Dritten Welt hatten Missionsschulen besucht.

▷ Globalisierung - der neue Imperialismus?

Der Kolonialismus ist noch lange nicht beendet, er versteckt sich neuerdings im Gewand der Globalisierung.

Wer dieser Deutung folgt, für den fügt sich das ganze Wirtschaftsgeschehen zu einem einzigen Schreckensszenario. Danach beherrschen wenige globale Konzerne die Welt. Sie fordern niedrige Löhne und Steuern, großzügige Subventionen und minimale Auflagen. »Diese neuen Kolonialmächte übernehmen keinerlei Verantwortung und legen nur ihren Aktionären gegenüber Rechenschaft ab«, schreibt Edward Goldsmith, einer der Wortführer dieser Richtung.

Das genaue Gegenteil behaupten die Kritiker dieser Sichtweise: Ist denn die Globalisierung, fragen sie, nicht geradezu die Erfüllung alter linker Träume? Hat denn nicht die Linke in der Vergangenheit beklagt, daß der Norden auf Kosten des Südens wirtschafte? Und erlaubt nicht der neue globale Wettbewerb armen Staaten, an den Vorteilen des Welthandels zu partizipieren?

Die Globalisierung bietet vielen Staaten eine Chance, vom Entwicklungs- zum Industrieland aufzusteigen: Internationale High-Tech-Konzerne lassen heute im indischen Bangalore Software entwickeln. So entstehen qualifizierte Arbeitsplätze, der Wohlstand des Landes wächst, auch wenn die Inder schlechter bezahlt werden als ihre Kollegen in den USA und soziale Absicherungen praktisch nicht existieren.

Allerdings schafft die Globalisierung auch neue Abhängigkeiten von Investoren wie Spekulanten. Schwache Länder sind ihnen besonders ausgeliefert. Die Asienkrise hat gezeigt, wie gefährlich eine ungezügelte Globalisierung gerade für die aufstrebenden Staaten sein kann - sie wurden um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückgeworfen. Die Folgen spürt sogar der Westen.

Auch die Globalisierung bedarf einiger Regeln. Dann nutzt sie allen, den armen wie den reichen Staaten. Nur: Diese Regeln müssen erst noch vereinbart werden.

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