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HOCHSEEFISCHEREI / CRANZER FISCHDAMPFER AG Gewinn vom Finanzamt

aus DER SPIEGEL 22/1969

Zwanzig Jahre lang ließen Hamburger Senatoren die Cranzer Fischdampfer AG nicht untergehen. Für Kabeljau- und Rotbarschfang unter Hamburger Flagge steckten sie der Reederei 20 Millionen Mark Subventionen zu. Jetzt wollen sie das hochverschuldete Unternehmen für einen symbolischen Kaufpreis von einer Deutschen Mark verhökern.

Mit einem rheinischen Wohnungsbauunternehmer schloß die Hansestadt über den Verkauf einen geheimen Vorvertrag. Der Unbekannte will die staatseigene Flotte -- drei Heck- und sieben Seitenfänger -- übernehmen, wenn der Senat von neun Millionen Reederei-Schulden 3,8 Millionen Mark bezahlt.

Der branchenfremde Kaufmann hat freilich nicht die Absicht, die angeschlagene Reederei wieder flottzumachen. Er will die Schiffe so schnell wie möglich abstoßen. Selbst wenn der Baulöwe nur noch Schrottpreise erzielt, kann er mit Hilfe staatlicher Abwrackprämien die Restschulden leicht abdecken. Seine Gewinne holt der Käufer sich vom Finanzamt: Aus den Verlustvorträgen der Reederei glaubt er siebenstellige Steuergewinne kassieren zu können.

Auch für Hamburg ist die Liquidation der Cranzer über den Strohmann ein gutes Geschäft. Finanzexperten des Senats hatten herausgefunden, daß die Auflösung der Fischfangflotte durch die Behörden den Stadtstaat zusätzlich 2,2 Millionen Mark gekostet hätte.

Die Auflösung der modernen Flotte war unumgänglich geworden, nachdem alle Versuche, die Reederei zu sanieren, fehlgeschlagen waren. Noch im Herbst 1968 sah der Hamburger Ernährungssenator Wilhelm Eckström einen Hoffnungsschimmer. Damals verhandelte er mit der Kieler Landesregierung über einen Zusammenschluß der Cranzer mit der ebenfalls staatlichen »Hochseefischerei Kiel GmbH«. Der norddeutsche Fischbund kam jedoch nicht zustande. Denn ein im Auftrag des Hamburger Senats gefertigtes Gutachten entdeckte bei den Kielern die gleiche Misere. Allein 26 Millionen Mark, so fanden die Experten heraus, wären notwendig gewesen, um beide Flotten auf Erfolgskurs zu bringen.

Schuld am geschäftlichen Mißerfolg der Cranzer trug in erster Linie die seit Jahren anhaltende Absatzkrise der deutschen Fischindustrie. Durch das Massenangebot an billigem Geflügel sackte der Fischkonsum der Deutschen auf einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 21 Pfund. Noch vor 20 Jahren aß jeder Bundesbürger 30 Pfund Fisch.

Die Bundesregierung versetzte der Hochseefischerei einen weiteren Schlag. Mitte der 50er Jahre hob sie alle Einfuhrbeschränkungen für Fisch auf und löste damit eine Marktschwemme aus. Seitdem laden westeuropäische und skandinavische Fischer ihre billigen Überschüsse regelmäßig in der Bundesrepublik ab.

Auf den Fischmärkten in Hamburg, Bremerhaven, Cuxhaven und Kiel konnten deutsche Hochseefischer ihre Fänge nur noch mit Mühe absetzen. Von 150 000 Tonnen Frischfisch, die 1968 von deutschen Dampfern angelandet wurden, fanden 43 000 Tonnen in den Auktionshallen keine Käufer. Mit Preisabschlägen bis zu 50 Prozent wurden 23 000 Tonnen exportiert, der Rest mußte für zwei bis vier Pfennig pro Pfund an die Fischmehlfabriken verramscht werden.

Die Verluste der Cranzer Fischdampfer AG stiegen von Jahr zu Jahr. Allein 1967/68 verlor sie rund drei Millionen Mark. Das Schuldkonto der Reederei wuchs auf neun Millionen Mark an.

Die Rentabilität der Cranzer Flotte besserte sich auch nicht, als der Senat für den 105 Kilometer langen Anmarschweg auf der Unterelbe pro Schiff und Fahrt 4000 bis 6000 Mark sogenannte Revierfahrtkosten gewährte.

Mit dem Verkauf der Cranzer ist der Stadtstaat seinen Flotten-Kummer freilich noch nicht los. So schlugen Gewerkschaftsfunktionäre Krach, weil 4000 Arbeitsplätze in der Hamburger Fischwirtschaft gefährdet sind. Überdies rechneten Hamburger Fischgroßhändler ihren Stadtvätern vor, daß Fischzukäufe von entfernten Anlandungsplätzen die Preise drastisch erhöhen würden. Nach Ansicht des Hamburger Fischgroßhändlers Bernhard Kittler werden Hamburger Hausfrauen beispielsweise für ein Kilogramm Rotbarschfilet 35 Pfennig mehr bezahlen müssen.

Kittler will dem Senat jetzt eine Lektion erteilen und beweisen, daß eine Hamburger Fischflotte rentabel arbeiten kann. Gemeinsam mit 14 Kollegen beabsichtigt er, sechs Seitenfänger aus dem Nachlaß der Cranzer zum Schrottpreis anzukaufen. Eine erste Sammlung erbrachte binnen weniger Tage eine Million Mark Startkapital.

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