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IRAK »Gewinnen kann nur einer«

Präsident Bill Clinton sucht einen letzten, entscheidenden Showdown mit seinem Erzfeind Saddam Hussein. Doch der Diktator in Bagdad sieht sich schon wieder als Sieger.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Daß er eiserne Nerven besitzt, hat der Mann oft bewiesen. Während waffenstarrende Kriegsschiffe Kurs auf sein Land nahmen und Jagdbomber jenseits der Grenzen schon den Zielanflug übten, leitete Saddam Hussein am vorigen Mittwoch eine Krisensitzung seines Kabinetts - mit einem Lächeln, als träfe er Anordnungen für einen Staatsfeiertag.

Dabei mußte ihm klar sein, was ihm mit allergrößter Wahrscheinlichkeit bevorsteht. Ein heftiger Militärschlag der Amerikaner sei kaum noch zu vermeiden, teilte Saddam seinen Ministern mit und wies alle an, sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Eine gewaltige Armada läßt US-Präsident Bill Clinton, Saddams Erzfeind im fernen Washington, gegen den Diktator von Bagdad auffahren: Zwei Flugzeugträger, ein gutes Dutzend Raketenkreuzer, Zerstörer und U-Boote, rund 300 Kampfflugzeuge sowie eine Armee von fast 30 000 Soldaten sollen bis Ende des Monats ihre Angriffsstellungen beziehen.

Der Führer der weltweit einzigen Supermacht muß nicht einmal warten, bis die letzte Einheit seines Expeditionskorps bereitsteht. Schon jetzt hat das Pentagon in der Krisenregion 23 Kriegsschiffe, 170 Bomber und Jagdflugzeuge von Air Force und Navy sowie 24 000 GIs zusammengezogen - mehr als genug, um dem alten Widersacher im Zweistromland einen vernichtenden Schlag zu versetzen.

Iraks Streitkräfte, noch immer geschwächt durch die Verluste im Kampf um Kuweit, könnten den Angreifern keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen. Im Golfkrieg 1991 hatten Saddams Generäle 36 Divisionen, rund 5500 Panzerfahrzeuge, knapp 3000 Geschütze und große Teile der Luftwaffe verloren. Bagdads Handelsminister gab sich gleichwohl überzeugt: »Gewinnen kann nur einer - Saddam Hussein.«

Richtig daran ist: Die militärische Demütigung könnte sich politisch sehr wohl für den Iraker auszahlen. Wenn er den Bombenhagel unbeschadet im Amt übersteht, gilt ihm das allein schon als Sieg. Aus der Not seiner Bevölkerung läßt sich trefflich Propaganda gegen den »Kindermörder« Clinton machen. Und die Uno-Kontrolleure, die bisher sicherstellen sollten, daß er sich nicht erneut Massenvernichtungswaffen beschafft, wäre er diesmal wohl endgültig los.

Nach einer Woche der Marschbefehle und des Säbelrasselns wurden auch in Washington Stimmen laut, die fürchteten, Bagdads Zuversicht sei womöglich nicht nur Bluff. Obwohl die Sorge wuchs, die Supermacht steuere mit Volldampf erneut in eine Sackgasse, gingen die militärischen Vorbereitungen ungebremst weiter.

»Unvermeidlich« sei der Schlagabtausch, teilte Clinton dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu mit. Überstürzt verließen mehr als 400 Uno-Bedienstete den Irak - darunter auch 100 Inspektoren der Kontrollkommission Unscom. Diesen »Spionen«, so die Iraker, hatte Saddam am 31. Oktober endgültig die Zusammenarbeit aufgekündigt, die ihm nach seiner Niederlage 1991 auferlegt worden war.

Der Zeitpunkt war aus seiner Sicht gut gewählt. Saddam glaubte, sich den Affront leisten zu können, weil er seine Nemesis im Weißen Haus politisch gelähmt wähnte: Von Amtsenthebung bedroht, werde Clinton weder den Willen noch die Kraft haben, abermals wie im Februar seine Militärmaschine in Gang zu setzen. Damals hatte der Diktator in allerletzter Minute eingelenkt, nicht ohne kleine Vorteile für sich herauszuschinden.

Irakischen Uno-Diplomaten war nicht entgangen, daß seit dem Sommer in Washington die Unlust an Golf-Einsätzen wuchs. Man sei es leid, stets allein gegen Saddam Front machen zu müssen und dabei sogar auf »den Widerstand von Verbündeten« zu stoßen, hieß es. Zudem seien die Operationen gegen Bagdad auf Dauer einfach zu teuer, klagten US-Diplomaten in New York. Rund 1,5 Milliarden Dollar mußte das Pentagon für den Aufmarsch im Golf Anfang des Jahres aufbringen.

Doch der unerwartete Erfolg von Clintons Demokraten bei den Kongreßwahlen am 3. November machte Saddams Kalkül zunichte. Befreit von der Impeachment-Gefahr und innenpolitisch gestärkt, sah der bereits erledigt geglaubte Bill Clinton auf einmal die Chance, auch das leidige GolfProblem loszuwerden.

Frustriert hatte er jahrelang mitansehen müssen, wie die Iraker ihn ein ums andere Mal düpierten, ihr Katz-und-Maus-Spiel mit den Uno-Inspektoren trieben. Saddams Militärs legten der Uno Rüstungspläne vor, die fast ausnahmslos falsch waren. Bagdad leugnete hartnäckig, jemals an nuklearen oder biologischen Waffen gearbeitet zu haben - bis die Kontolleure der Unscom Gegenbeweise fanden. Noch immer verweigert der Irak einen vollen Überblick über seine Programme für Massenvernichtungswaffen und hat bereits wieder begonnen, auf dem Weltmarkt heimlich für die - verbotene - Wiederaufrüstung einzukaufen.

Um die Inspektion der ausgedehnten Areale, die Saddam Hussein überall im Land als Präsidentenpaläste unterhält, wäre es Anfang 1998 fast zum bewaffneten Konflikt gekommen. Als der Iraker dann daran ging, die Überwachung durch immer neue Schikanen und Ausflüchte systematisch auszuhöhlen, wuchs in Washington die Einsicht, daß Unscom an ihre Grenzen gestoßen war.

In einem hektischen Sitzungsreigen leitete Clinton einen radikalen Kurswechsel ein: Bei der nächsten Gelegenheit solle Bagdad vor die Alternative gestellt werden, sofort und bedingungslos alle Auflagen einzuhalten oder aber die militärischen Konsequenzen zu tragen, nach dem Motto »Friß Vogel oder stirb«. »Die Zeit läuft ab«, warnte Verteidigungsminister William Cohen.

»Verhandlungen gibt es nicht mehr«, bekräftigte Außenministerin Madeleine Albright. Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der im Februar persönlich in Bagdad vermittelt hatte und auch diesmal wieder von Saddam eingeladen wurde, verstand den Wink und blieb in New York.

Gegen Bedenken des Pentagon setzte der Nationale Sicherheitsrat im Weißen Haus ein Konzept durch, das nicht nur Nadelstiche, sondern diesmal auch ausgedehnte Bombardierungen vorsieht. Die Idee dahinter: Komme es zum Showdown, sei eine weitere Überwachung durch die Uno sowieso unmöglich, dann gehe es nur noch darum, das militärische Potential des Irak aus der Luft so weit wie möglich zu zerschlagen.

Zieldaten besitzt das US-Militär zuhauf: Sieben Jahre lang haben die Uno-Kontrolleure alles fotografiert, vermessen und kartografiert, was ihr Interesse fand. Ungehindert konnten zudem US-Aufklärer seit dem Golfkrieg das Land überfliegen und ausspionieren.

Zuerst soll die irakische Luftverteidigung zerschlagen werden, danach würde die verbliebene Rüstungsinfrastruktur im Lande vernichtet. Einigen Objekten messen die Amerikaner dabei offenkundig vorrangige Bedeutung zu: der Raketen- und Fahrzeugproduktion in Tadschi, 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt, der früheren Atomforschungsanlage Raschidija, Saddams Kommandobunker unter seinem Palast in Dschabal Machul sowie Kasernen und Kommandozentren der Präsidentengarde in Bagdad, Basra und Mossul.

Darüber hinaus sind Panzerwerke und Kanonenschmieden im Visier der Amerikaner. Besonders intensiv widmen sich die Pentagon-Planer der Region um Saddams Heimatstadt Takrit: Schwere Schäden dort, wo die persönlichen Leibwächter und die wichtigsten Vasallen des Diktators zu Hause sind, sollen die Herrschaftsbasis des Regimes treffen.

Doch die amerikanischen Militärs warnten auch, daß sie ihrem Präsidenten zwei Ergebnisse nicht garantieren können, die selbst mit 88 000 Tonnen Bomben im Golfkrieg nicht erreicht worden waren: Saddam auszuschalten und all jenes Rüstungsmaterial zu finden und zu vernichten, nach dem Hunderte von Uno-Experten jahrelang vor Ort vergeblich gesucht hatten.

Der frühere Pentagon-Experte Zalmay Khalizad warnte, daß unter Umständen dieses Ziel nicht einmal in wochenlangen Bombardements zu erreichen sei. Wenn Saddam nicht geschnappt und zum Sinneswandel gezwungen werde, so der Stratege, müsse sich Washington mit dem Diktator und seinen Massenvernichtungswaffen auf lange Zeit abfinden.

Aus Sorge, nach anhaltenden Luftangriffen womöglich »1500 irakische und alliierte Tote« (so das Pentagon), aber keinen überzeugenden Erfolg vorweisen zu können, beteuerte Clinton: »Wir beten für eine politische Lösung.« Doch die schien Ende voriger Woche weit entfernt.

Vorsorglich warnte deswegen der angesehene Publizist Jim Hoagland seine Regierung: »Nur der ernsthafte, gezielte Versuch, den Irak endgültig von Saddams Herrschaft zu befreien, kann rechtfertigen, daß die einzige Supermacht der Welt noch einmal Krieg führt gegen eine arme, gebrochene Nation.«

Für den Fall, daß dies nicht gelingt, malte Hoaglands konservativer Kollege William Safire eine schauerliche Vision aus: Im Jahre 2002 werde ein wiedererstarkter Saddam in Saudi-Arabien einfallen. Amerika drohe mit einer Invasion des Irak - und Saddam verkünde triumphierend, daß er in der Lage sei, eine Atomrakete auf die Vereinigten Staaten zu feuern.

SIEGESMUND VON ILSEMANN

[Grafiktext]

US-Aufmarsch am Golf 23 Schiffe, darunter: Flugzeugträger »USS Dwight D. Eisenhower« U-Boot »USS Newport News« 8 Schiffe mit etwa 300 Marschflugkörpern 24000 Soldaten, weitere 4000 sind unterwegs 173 Kampfflugzeuge, 84 folgen, darunter: 6 B-1-Tarnkappen- und 12 B-52-Langstreckenbomber Potentielle Ziele in Bagdad 1Zentrale des militärischen Geheimdienstes 2Militärisches Rechen- zentrum 3Verteidigungsministerium 4Zentrale Relaisstation für Telekommunikation 6Hauptquartier des irakischen Geheimdienstes 5Militärflughafen Muthanna 7Zentrale der Baath-Partei 8Präsidentenpalast mit Kommandozentrum 9Militärflughafen Raschid 10 Zentrale der Luftverteidigung

[GrafiktextEnde]

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US-Aufmarsch am Golf

Potentielle Ziele in Bagdad

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US-Aufmarsch am Golf 23 Schiffe, darunter: Flugzeugträger »USS Dwight D. Eisenhower« U-Boot »USS Newport News« 8 Schiffe mit etwa 300 Marschflugkörpern 24000 Soldaten, weitere 4000 sind unterwegs 173 Kampfflugzeuge, 84 folgen, darunter: 6 B-1-Tarnkappen- und 12 B-52-Langstreckenbomber Potentielle Ziele in Bagdad 1Zentrale des militärischen Geheimdienstes 2Militärisches Rechen- zentrum 3Verteidigungsministerium 4Zentrale Relaisstation für Telekommunikation 6Hauptquartier des irakischen Geheimdienstes 5Militärflughafen Muthanna 7Zentrale der Baath-Partei 8Präsidentenpalast mit Kommandozentrum 9Militärflughafen Raschid 10 Zentrale der Luftverteidigung

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