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MARBURG Gewisse Dinge

aus DER SPIEGEL 13/1966

Nackt, wie Gott sie schuf, lag die

Studentin auf dem Bett. Neben ihr ruhte ein Mann. Es geschah am hellichten Tag, um 14.30 Uhr, im Dezember letzten Jahres.

Da klopfte es an die Tür, und was sich dann ereignete, umschrieb eine Mitstudentin - in Form eines Märchens von Prinz und Prinzessin - später für eine Marburger Studentenzeitung so: »Ihr friedliches Beisammensein wurde jäh gestört« - von einer »neugierigen Kammerfrau«, die »in Wirklichkeit eine Hexe« war. »Häh, häh, häh, lachte sie höhnisch und glotzte die beiden schadenfroh an ... Bald schon wußte der ganze Hof Bescheid.«

Bald schon wußte die ganze Universität Marburg Bescheid, daß die Prinzessin von der Politik-Studentin Frauke Wiering*, 19, verkörpert worden war, daß als Prinz ein Kommilitone figurierte; daß die Kammerfrau den bürgerlichen Namen Maria Kolb trug, von Beruf Wirtschafterin; und daß sich die höfische Szene im Zimmer 015 des Albert-Lambert-Hauses im Marburger Studentendorf zugetragen hatte.

In diesem studentischen Paradies gab es für Frauke nun keine Bleibe mehr. Die ertappte Kommilitonin mußte ihr Zimmer fristlos räumen, weil sie den Ruf des Marburger Studentenwerkes - Träger der Studentenunterkunft - geschädigt habe. Doch nur unter Protest verließ die mannhafte Studentin ihre Bettstatt: Nicht sie, sondern die Wirtschafterin Kolb habe durch »tendenziöses Verbreiten privater Vorkommnisse« zur Rufschädigung beigetragen.

Alsbald tauchte in einem der Studentenhäuser ein Plakat auf: »Lock your door! Frau Kolb is watching you!« Ein wohlmeinender Anonymus erteilte hektographiert Ratschläge, wie man den Nachstellungen der Studentenwerk -Funktionäre entgehen könne.

Die Studenten-Zeitschrift »Sine Sine« sprach von der »Willkür eines autoritären Heimträgers« und registrierte »hellen Aufruhr«. In den »Marburger Blättern« protestierte ein Jung-Akademiker: »Immer ist willkürliche sexuelle Reglementierung Anzeichen der Tendenz zur Gleichschaltung.«

Der Jura-Student Gerd Knöss verzierte seine Zimmertür im Studentendorf mit einer Bikini-Schönheit, die nach seiner Versicherung immer bei ihm weilt, und untersagte außerdem laut Anschlag »Idioten« den Eintritt.

Prompt fühlten sich Putzfrauen, Wirtschafterinnen und Kalfaktoren angesprochen und drohten mit wildem Streik. Der Vorstand des Studentenwerks trat zusammen und billigte den fristlosen Hinauswurf des Studenten. Knöss erhob Einspruch und weigerte sich auszuziehen.

Protestversammlungen fanden statt. Eine Studentin berichtete, die Putzfrauen seien aufgefordert worden, ihren Arbeitsrhythmus unregelmäßig zu ändern, damit sie die Studenten auf frischer Tat ertappen könnten. Der Geschäftsführer des Studentenwerks, Karl Egermann, wies den Verdacht, seine Angestellten arbeiteten vornehmlich als Moral-Spione, weit von sich: »Das war vor zwei Jahren. Das hat ein Kalfaktor gemacht, den die Studenten den Dorf -Sheriff nannten. Der Mann wurde inzwischen entlassen.«

Erst als Student Knöss erklärte, er habe mit den Idioten seine Kommilitonen gemeint, durfte er sein Zimmer offiziell weiterbewohnen. Der Streit um den Frauke-Fall aber gedieh weiter. Eine Professorin kommentierte die Zwangsausweisung - der Studentin: »Wenn diese Dame zu dumm ist; ihre Tür abzuschließen, dann gehört sie nicht in eine akademische Gemeinschaft.« Und eine Studenten-Gruppe forderte stärkeres Mitspracherecht im Vorstand des Studentenwerkes.

Das Marburger Studentenwerk betreibt das sogenannte Studentendorf - sieben moderne Wohnhäuser und ein Gemeinschaftshaus - mit 840 Bettplätzen, drei weitere Wohnheime mit zusammen 220 Bettplätzen sowie ein neues Studentenhaus samt Mensa. Zimmermiete im Studentendorf: 65 Mark im Monat - Heizung, Bettwäsche und Raumpflege inklusiv. Das Mensa-Essen kostet 0,75 Mark für die billigste, 1,60 Mark für die teuerste Mahlzeit. Scotch Whisky für 90 Pfennig. Bei 250 Bediensteten beläuft sich der Jahresumsatz des staatlich unterstützten Studentenwerks auf 14 Millionen Mark.

An der Spitze des Studentenwerks steht ein fünfköpfiger Vorstand - zwei Professoren, zwei Studenten und ein unparteiischer Beigeordneter. Ihn wollte die aufsässige Studenten-Gruppe nun um einen dritten Studiosus anreichern. Doch für den Vorschlag fand sich im Vorstand keine Mehrheit.

Widersetzte sich Professor Gerhard Petry, Ordinarius für Anatomie und Vorsitzender des Vorstandes: »Ein dritter Student könnte die ganze Arbeit des Vorstandes blockieren.«

Auch der Versuch der studentischen Vorkämpfer, aus Anlaß des Frauke -Falls die Rechte der studentischen Selbstverwaltung zu betonen, fand vor den Augen von Professor Petry keine Gnade.

Da in der Hausordnung des Studentendorfs über studentische Enthaltsamkeit kein Wort steht, stand nach Meinung der Kommilitonen die fristlose Kündigung der Frauke Wiering auf rechtsschwachen Füßen. Dagegen Professor Petry: »Es gibt gewisse Dinge, die stehen zwischen den Zeilen.«

Während der Vorsitzende des Allgemeinen Studentenausschusses es für ratsam hält, den derzeit gültigen Beherbergungsvertrag des Studentenwerkes auf Rechtmäßigkeit überprüfen zu lassen, hielt die Studentenpresse das Frauke-Affärchen aktuell. Ein Theologie-Student, der sich »Tag und Nacht aufs intensivste mit der Frage beschäftigte, wie weit Wohl die unantastbare Intimsphäre reicht«, bat die Redaktion der »Marburger Blätter« um die Adresse des im übrigen von mir sehr bewunderten Fräuleins F. W. zwecks Erforschung bisher evtl. noch unveröffentlicht gebliebener Einzelheiten«.

Ein anderer Jungakademiker nahm am Schicksal der Studentin, die aus dem Studentendorf ausziehen mußte, Anteil, indem er den Abgang so umschrieb: »Erröten - Lächeln - Ausziehen.«

* Der richtige Name wurde durch ein Pseudonym ersetzt.

Studenten-Zimmer (l.) im Marburger Studentendorf (r): »Erröten, Lächeln, Ausziehen«

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