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GRAUE Gewisser Trudismus

Die Vorsitzende der Alten-Organisation Graue Panther hat endlich ihre eigene Partei. Die Wahlchancen von Trude Unruhs »Grauen« sind ungewiß.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Der Briefkopf des »Senioren-Schutz-Bund SSB ,Graue Panther' e.V.« macht schon was her. Neben dem Emblem mit der Wildkatze steht, in Stichworten, das Programm des Alten-Vereins: »Aufklärung von Unwissen, Schutz vor Willkür, Befreiung von Bevormundung«.

Darunter klärt die Organisation über ihre Wichtigkeit auf. »Wegen zeitgeschichtlicher Bedeutung« ist der Verband »im staatlichen Bundesarchiv« in Koblenz unter dem Geschäftszeichen 1 GZ III 2a (4) - 4512/134 registriert, »als Bundestags-Lobbyist« ist er unter der Nummer WD 3-530-9218 eingetragen.

Von der Lobby setzen die Grauen Panther nun zum Sprung ins Plenum an: Am Mittwoch vergangener Woche gründete die Senioren-Gemeinschaft eine selbständige Alten-Partei - »Die Grauen«.

Die erste Abgeordnete der neuen Politgruppe sitzt bereits im Parlament. Trude Unruh, 64, Gründerin und Vorsitzende des SSB, die gleich auch zur ersten Vorsitzenden der Grauen-Partei gewählt wurde, gehörte seit 1987 als parteiloses Mitglied der Grünen-Fraktion an. Mit einem »Sprachrohr-Vertrag« hatte die Alten-Truppe, nach eigenen Angaben 30 000 Mitglieder stark, die Grünen zur parlamentarischen Vertretung ihrer Anliegen erklärt.

»Die Grünen wissen, was sie sich mit mir angetan haben«, meinte Trude Unruh vor der Bundestagswahl, bei der sie auf Platz 3 der nordrhein-westfälischen Landesliste, gleich hinter den Promis Antje Vollmer und Otto Schily, gesetzt worden war. Offen bekannte sie: »Ich bin natürlich stressig.«

Wie sehr die Unruh nerven kann, bekamen die Grünen bald zu spüren. Selbstbewußt verfocht sie einen absoluten Alleinvertretungsanspruch für grüne Alten-Politik: »Solang ich im Bundestag bin, wird das nur von mir gemacht.«

Schließlich verlangten die Unruh-Senioren, ihnen ein Sechstel der Listenplätze für die nächste Bundestagswahl zu garantieren. In Nordrhein-Westfalen, argumentierte die Panther-Chefin, hätten letztes Mal 6,4 Prozent der über 60jährigen die Grünen gewählt, das sei das Potential der Grauen Panther. Trude Unruh pochte auf die Eigenständigkeit ihrer Panther: »Wir sind doch nicht die Senioren-Union der Grünen.«

Obschon der Bonner Grünen-Fraktion Unruhs »problematische Psychostruktur« (so Vorständler Helmut Lippelt) auf den Geist ging, versuchte der Bundesvorstand Brücken zu bauen. Noch im Mai beteuerte er, daß die Grünen an einer »partnerschaftlichen Zusammenarbeit« weiterhin »stark interessiert« seien, und versprach, sich bei den Landesverbänden »dafür einzusetzen, daß auf den Landeslisten zur Bundestagswahl . . . Menschen der älteren Generation angemessen vertreten sind«. Allerdings könne der Vorstand »schon aus satzungs- und wahlrechtlichen Gründen keine Gewähr dafür übernehmen, daß die KandidatInnen der Grauen Panther auch gewählt werden«.

Die Goodwillofferte nutzte nichts mehr. Bereits seit vorigem Herbst hatte Trude Unruh die Gründung einer eigenen Partei betrieben, Ehemann Helmut formulierte den Entwurf für eine Satzung und ein Parteiprogramm. Während Grüne aus Wuppertal, dem Wohnsitz der Unruhs, den Verlust leicht verschmerzen ("Grüne Altenpolitik ohne Trude Unruh wird zu einem Zugewinn an innerparteilicher Demokratie"), versuchten Bundesvorständler bis zuletzt die Trennung zu vermeiden.

Doch die ehemalige Krupp-Chefsekretärin war nicht umzustimmen, obwohl sie von sich sagt: »Mein Parteibuchsoll hab' ich erfüllt.« Aus der SPD war sie 1973 ausgetreten, als sich die Partei ihrem Wunsch nach einem Landtagsmandat verschloß. Zeitweilig war sie danach Mitglied der FDP, der »Grünen Aktion Zukunft« des CDU-Dissidenten Herbert Gruhl, einer kurzlebigen »Rentnerpartei« und der ebenso erfolglosen »Bürgerpartei« des Steuerrebellen Hermann Fredersdorf.

Nachdem sie nirgendwo reüssiert hat, versucht sie es mit einer Neugründung, bei der sie das Kommando hat. »Im Kasernenhof-Ton«, so die Münchner »Abendzeitung«, »trieb Trude Unruh ihre Panther in die Partei.« Erst als zwei Drittel der 400 Delegierten bereits abgereist waren, fand sich im Münchner Hofbräuhaus eine Mehrheit für Unruhs »Parlamentsstrategie«.

Befürchtungen, daß die Grauen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, wischte sie bei der Diskussion rüde beiseite: »Genug gequatscht, halt das Maul.« Den etablierten Parteien sagte sie voraus, ihnen werde »das Lachen schon vergehen«. Ehemann Helmut träumt derweil bereits von acht Prozent Stimmenanteil für die »Über-Partei«, auf deren Listen zur Hälfte auch Nichtmitglieder kandidieren sollen.

Drei Faktoren könnten den Grauen durchaus zu respektablen Ergebnissen verhelfen:

das sich vergrößernde Wählerreservoir ihrer Zielgruppe - bereits heute ist jeder fünfte Westdeutsche über 60, und weil weniger Junge nachwachsen, nimmt der Anteil der Alten stetig zu;

die nachlassende Parteibindung der Wähler - vor allem bei den Volksparteien schwindet die Integrationskraft, unter den Deutschen im Rentenalter haben Franz Schönhubers Republikaner mit knapp zehn Prozent den höchsten Stimmenanteil;

die zunehmende Altenfeindlichkeit der Gesellschaft, die eine Solidarisierung der Senioren erzeugen könnte.

Das Zeitgeist-Magazin »Wiener« prophezeite bereits einen »Krieg der Jungen gegen die Alten, der gnadenlos wird«. Denn es ist absehbar, daß das herkömmliche Rentensystem zusammenbricht, wenn immer weniger Junge für immer mehr Alte aufkommen sollen.

Ins Bild der abgeschobenen Generation paßt wohl auch das vorletzte Woche verkündete Urteil des baden-württembergischen Verwaltungsgerichtshofs, wonach Altenpflegeheime nicht in reinen Wohngebieten gebaut werden dürfen, schon gar nicht in »hochwertigen«. Die Nachbarn, so die Begründung, wären zur Nachtzeit »zumindest gelegentlichen Rufgeräuschen« der Heimbewohner »ausgesetzt«, und es sei damit zu rechnen, daß Krankenwagen »gelegentlich auch in der ruhebedürftigen Nachtzeit das Haus anfahren«.

Das »brutale Ausgrenzungsurteil« ("Die Zeit") löste helle Empörung aus. Familienministerin Ursula Lehr, 59, von Haus aus Altersforscherin, fand, die Entscheidung möge zwar »formaljuristisch korrekt« sein, sie werde aber »den Herausforderungen des demographischen Wandels und der Altersforschung nicht gerecht«.

Gleichwohl ist fraglich, ob die Grauen ihr Wählerpotential ausbeuten, Wechselwähler anziehen und vom Generationenkrieg profitieren können. Eine Ein-Punkt-Partei, deren ganzes Programm die »existenzfähige Lebensabsicherung für alle Alten« ist (so die Vize-Chefin der Grauen Panther, Lisette Milde), hat nach allen Erfahrungen der Wahlforscher keine Chancen - genausowenig wie eine Partei der Autofahrer, der Nichtraucher oder der Singles.

Die Zielgruppe, meinen die Experten - die sich auch manchmal irren -, sei zu unbestimmt, die Alten stellten keinen monolithischen Block dar: Da gibt es die »jungen Alten«, die genießen, viel konsumieren, gern reisen, studieren und nichts gemein haben wollen mit den armen Alten, die am Rande des Existenzminimums leben und in personell unterversorgte Heime abgedrängt werden, wo sie bisweilen ein wahres Martyrium durchleben (siehe Seite 61).

Die Grauen Panther sind auch keineswegs die alleinige Interessenvertretung der Alten. Denn die Großparteien nehmen sich neuerdings verstärkt der Rentnergeneration an: Die CDU gründete voriges Jahr eine »Senioren-Union«, die bereits 60 000 Mitglieder zählt, doppelt soviel wie die Unruh-Senioren. Die SPD berief in ihren Gliederungen »Altenbeauftragte«. In größeren Städten reden Seniorenbeiräte in den kommunalen Gremien mit.

Trude Unruh freilich empfand, trotz aller Unwägbarkeiten, den Gründungsakt als »historischen Augenblick«. »Geschichte mitzugestalten«, sagte sie, »ist etwas Tolles; du gehst zwar am Stock, aber du machst Geschichte.«

Ein Senior, als Spaßvogel ausgewiesen und als Grußredner geladen, machte gleichwohl gallige Bemerkungen. Der Kabarettist Dieter Hildebrandt, 62, fand, daß da ein »gewisser Trudismus« ausgebrochen sei. Es liege ihm zwar fern, zu behaupten, »die Unruh hat nicht mehr alle Tassen im Schrank«, aber er lege ihr nahe, sich »mal um ihren Schrank zu kümmern«. #

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