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Gezankt wird auf deutsch

aus DER SPIEGEL 19/1979

Am Abend des 29. April, nachdem in Schleswig-Holstein zum Landtag gewählt worden war und bei der Auszählung alles so spannend wurde, erschien auf den Bildschirmen ein kleiner, etwas faltiger Mann und sprach in singendem Tonfall erst »Landsmaend, tak for trofasthed«, dann: »Frashe Loonsmoon, foole tunk«.

Wer zu der Zeit gerade nicht aufgepaßt hatte, mußte glauben, im falschen Kanal zu sein.

»Landsleute, Dank für Treue«, hatte Karl-Otto Meyer auf Dänisch gesagt, und danach was ähnliches, nur Friesisch: »Friesische Landsleute, vielen Dank.«

Durch den Spitzenkandidaten Meyer erfuhren an diesem Abend ein paar hunderttausend Deutsche von einer Partei, die es immer noch gibt: dem Südschleswigschen Wählerverband, kurz SSW, angetreten vor 33 Jahren für die dänische Minderheit auf norddeutschem Boden und, merkwürdigerweise, auch für die gar nicht stammesverwandten »nationalen Friesen«, die am Wattenmeer für ihr Volkstum trutzen.

Und diese Mischung, Landsmaend samt Loonsmoon, drohte plötzlich Gewalt zu haben über ein wichtiges Stück Zukunft bundesdeutscher Politik. Solange am Wahlabend ein Patt der konkurrierenden Parteien wahrscheinlich schien, war der SSW in der Rolle des Wegbereiters: Stoltenberg oder Matthiesen und Ronneburger, weiterhin ein Übergewicht der Union im Bundesrat oder Marscherleichterung für die mühevoll regierenden Bonner Sozialliberalen.

Was es beißt, inmitten designierter Machthaber mal so eben als Schicksalsbringer daherzukommen, erfuhr Karl-Otto Meyer noch zur gleichen Stunde. Publikum im Kieler Landeshaus, durch dessen Spalier er von einer Kamera zur nächsten eilte, zischte ihm Häßliches zu, »kleiner Däne«, wie er gehört hat, »dich hätten sie aufhängen sollen«. So hatte er sich das nicht gedacht, foole tunk.

Gegen 22 Uhr war Meyers große Zeit dann schon vorbei -- »zum Glück«, wie er nun findet. Nachdem es über Stunden so ausgesehen hatte, als würden die regierende CDU und die schon vor der Wahl verbündeten Sozial- und Freidemokraten je 36 Sitze im neuen Landtag bekommen, reichten Gerhard Stoltenberg dann doch ganze 1287 Stimmen für das 37. Mandat. Mit 48,29 statt bisher 50,39 Prozent erhielt die CDU zwar diesmal 2,1 Prozentpunkte weniger, behielt aber die absolute Mehrheit.

Die SPD machte zwar mit 41,7 Prozent der Stimmen -- bestes Ergebnis seit 1947 -- 1,6 Punkte und einen Landtagssitz gut. Aber die Freien Demokraten, mit deren Koalitionshilfe die Sozialdemokraten und ihr Spitzenkandidat Klaus Matthiesen 29jährige christdemokratische Vorherrschaft in Schleswig-Holstein hatten brechen wollen, büßten 1,4 der bisher 7,1 Prozent und einen ihrer bislang fünf Sitze ein. Die »Grünen« Schleswig-Holsteins erreichten entgegen allen Meinungsforscher-Prognosen gerade nur 2,42 Prozent und blieben draußen vor.

Die CDU kostete vor allem der Generationswechsel Verluste. »Den 32 000 Erstwählern, die der CDU ihre Stimme gaben«, so eine Analyse von Infas, »stehen Verluste in Höhe von 53 000 Stimmen der inzwischen verstorbenen früheren CDU-Wähler gegenüber.« Die FDP verlor gut 7000 Stimmen an die CDU und mehr als 10 000 an ihren potentiellen Koalitionspartner SPD, der insbesondere aber von den Jungwählern profitierte: 51 000 Erstwähler stimmten für die Sozialdemokraten, während nur 40000 SPD-Wähler von 1975 inzwischen verstarben -- ein Plus von 11 000 Wählern also.

Karl-Otto Meyers SSW aber, der mit 22 000 Wählern 1,42 Prozent -- einen Gewinn von 0,04 Punkten -- erreichte, verteidigte sein Landtagsmandat fast ausschließlich mit Stammpotential. Die Infas-Analyse: »Der SSW scheint über eine recht stabile Wählerschaft zu verfügen, die mit ihm, wann immer er kandidiert, durch dick und dünn geht«

Solcher Zusammenhalt ist im Grenzland schon seit gut hundert Jahren gefragt, seit die dänisch verwalteten Herzogtümer Schleswig und Holstein ("Up ewig ungedeelt") unter preußische Regentschaft kamen. Bismarcks Soldaten hatten 1864 binnen zehn Minuten die Dänen aus ihren Düppeler Schanzen geschossen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde noch einmal neu aufgeteilt: In einer Volksabstimmung schlug sich Nordschleswig zu Dänemark, Südschleswig blieb im Reich -- mitsamt den 12 800 Einwohnern, die eigentlich lieber Dänen sein wollten.

Sprunghaft stieg die Zuneigung zum Dänischen erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals entdeckten eingeborene Deutsche, aber auch zigtausend von Ostflüchtlingen, wie bekömmlich es sein kann, diesem König in Kopenhagen zu huldigen: Das ergab Freßpakete, bessere Schulen, Kinderverschickung -- und schließlich das Spottwort vom »Speckdänen«. Bei den ersten Landtagswahlen 1947 wählten 99 500 Südschleswiger den SSW -- 9,3 Prozent der Stimmen. Die Beutedänen brachten die Partei sogar in den ersten deutschen Bundestag. Mit 5,4 Stimmprozenten zog der Reichsbahnobersekretär i. R. Hermann Clausen als Däne in Bonn ein.

Als es Speck in der Bundesrepublik wieder ohne Marken gab, schwand auch die Liebe zum kleinen Nachbarland rapide dahin. Schließlich mußte die für alle Parteien gültige Fünf-Prozent-Sperrklausel beiseite geräumt werden, um den Grenzlanddänen die Möglichkeit zu belassen, sich parlamentarisch zu betätigen. Seit 1955 reichen so viele Stimmen, wie für ein Mandat notwendig sind.

Den naheliegenden Gedanken, daß auch ein ganz gewöhnlicher Verein oder dergleichen genügen könnte, die partikularen Interessen der dänischen Minderheit zu verfechten, weist der einzige SSW-Landtagsabgeordnete Karl-Otto Meyer von sich. Eine Partei muß es schon sein, meint er, und einen Verein gibt es ja außerdem.

Im Sydslesvigsk Forening bemühen sich 21 000 Bundesbürger, so dänisch wie möglich zu sein. Sie schicken ihre Kinder in die 62 dänischen Kindergärten und die 58 dänischen Schulen, die durchweg kleinere Klassenfrequenzen haben als die deutschen und deren Lehrer zum erheblichen Teil aus dem Mutterland kommen. Auf dänische Art wird Fußball gespielt, geboxt und geturnt, allerdings in den deutschen Ligen.

Da kümmert sich ein dänisch gesinnter Gesundheitsdienst um Alte und Gebrechliche, bestreitet Chefredakteur Karl-Otto Meyer mit der Tageszeitung »Flensborg Avis« (Auflage: 7000) dänendeutsches Pressewesen. Und 24 dänische Pastoren sorgen für ein reinsprachiges Vaterunser: »Fader vor, du som er i himlen.«

Freilich, im Alltag heben sich die Minderheitsdeutschen nur minimal von dem großen Rest ab. Dänentum steckt noch in der Weihnachtsgans, in Gestalt lauter kleiner Danebrogs, der Dänenfahne, mit denen der Braten beflaggt ist. Es weist sich noch aus in gardinenlosen Fenstern, die, wie jenseits der Grenze, freien Blick ins Familienleben erlauben.

Aber schon bei roed Groed med Floede ist es mit der Abgrenzung vorbei. Denn rote Grütze mit Sahne wird seit je auch im gesamten norddeutschen Raum geschätzt. Und nicht mal beim Allerheiligsten, der Sprache, läßt sich das Dänische immer durchhalten. Die Kinder in den dänischen Schulen lamentieren in den Pausen auf Deutsch -- so wie es ihrer Umwelt gemäß ist. Selbst viele der Eltern sprechen zu Hause die Landessprache, spätestens, wie Einheimische wissen, beim Ehekrach, in dem auf deutsch gezankt wird.

Geradezu kritisch wurde die Lage, als die Fußballer vom dänischen Klub Stjernen Karriere machten und in eine höhere schleswig-holsteinische Spielklasse aufstiegen. Wie das so ist, bewarben sich da allerhand Kicker deutscher Zunge um den Vereinsbeitritt, und der dänische Dachverband mußte eingreifen -- off limits für alle, die nicht dänisch konnten. Die Mannschaft mußte, Dänemark zuliebe, wieder absteigen.

Es ist schon schwer, so richtig dänisch zu sein, zumal manch einer auch nicht auf passende Ahnen pochen kann -- zum Beispiel der Spitzenmann Meyer, 51, dessen Vater, ein Drucker, aus Heidelberg am Neckar in die Nordprovinz zog, die damals schon deutsch war. Oder der Parteigeschäftsführer Paul Hertrampf, 47, Jurist und »unser Eierkopf«, wie der kantige Meyer etwas grimmig sagt. Der Vater des Dänenführers Hertrampf stammt aus Oberschlesien und heiratete, immerhin, eine Dänin; Sohn Paul jedoch ist mit einer Ostpreußin vermählt.

Dänisch, was ist das nun? Die beiden haben es nicht leicht, das zu erklären. Sie »rätseln eben auch an einer tragfähigen Definition«. Es läuft wohl, wie sie meinen, auf die Gesinnung hinaus, auf den »nordischen Lebensstil«, den »freieren Umgang miteinander«, nahezu klassenlos schon immer. In Deutschland etwa »ist Bildung, zu wissen, wer Goethe ist, bei uns ist gebildet, wer weiß, wie man was Schönes stickt«.

Überhaupt läßt es sich am besten an den anderen erläutern, den Deutschen, »die immerzu alles reglementieren, selbst die Freizeit«, die weniger Toleranz haben gegenüber Andersdenkenden und »ständig irgendwie missionieren wollen« -- obwohl das, was die beiden da sagen, auch ganz schön missionarisch klingt.

An alledem liegt wohl, daß etwa junge Linke sich zur dänischen Minderheit hingezogen fühlen; daß es bei mittleren Jahrgängen der Mehrheitsdeutschen en vogue ist, Zeichen der Weltoffenheit, die Kinder auf Dänenschulen zu schicken; daß bei der letzten Wahl ein Offizier der Bundesmarine, der seine Kinder ebenfalls dänisch unterrichten läßt, seine Stimme dem SSW gab.

Gestritten wird selten mit den sanften Dänen, auch nicht im Landtag oder in den 63 Kommunalparlamenten zwischen Flensburg und Husum, in denen der SSW vertreten ist. In Kiel stimmt Meyer mal mit den Sozialdemokraten, etwa bei einem Gesetzentwurf über die Verfassungsschutzkontrolle, mal mit der regierenden Union, zum Beispiel bei einem Förderungsprogramm für den Mittelstand.

Politischer Dauerbrenner der Dänenpartei ist die materielle Gleichstellung mit allen deutschen Institutionen. Für ihre Schulen etwa erhalten sie vom Land 85 Prozent der Durchschnittskosten an deutschen Schulen, was nur 33 Prozent des aufwendigen dänischen Unterrichtswesens deckt. Den Rest schießt seit je der Staat Dänemark zu, der auch für das Defizit des »Flensborg Avis« aufkommt.

Freudig rücken die Deutschen so und so nichts raus. Obwohl der SSW sich am ehesten den Sozialdemokraten verbunden fühlt, könnten auch die Genossen ganz gut ohne diese Partei leben. Doch weder sie noch Frei- oder Christdemokraten dürfen es sich leisten, so etwas laut zu sagen. Im Gegenteil, während des Wahlkampfes, als die Schlüsselrolle des SSW schon zu ahnen war, besuchte sogar Kanzler Schmidt den Kandidaten Karl-Otto Meyer -- privat, wie es hieß.

»Im Landeshaus«, sagt Meyer jetzt, »drohen sie mir neuerdings immer öfter damit, wieder die Fünf-Prozent-Hürde aufzubauen. Das ist Scherz, heißt es, aber nach dem siebten Mal glaubt man nicht mehr an Spaß.«

So manchem seiner Gefolgsleute, weiß der Abgeordnete, wäre es denn auch am liebsten, wenn Südschleswig wieder heimkehren würde ins Dänenreich. »Man braucht Leute mit solchen Träumen«, sagt Meyer und träumt selber ein bißchen: »Bei 50 Prozent Volksanteil wäre es schon anders.« Alles nur eine Frage von etwa fünfhundert Jahren.

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