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Südafrika Gezinkte Karten

Präsident de Klerk verliert Vertrauen. Aus einem Geheimfonds hat die Buren-Regierung die Zulus unterstützt.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Der schwarze Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu schwärmte vom weißen Staatschef Frederik Willem de Klerk. Er werde FW, wie jeder in Südafrika den Präsidenten nennt, als Kandidaten für die schwedische Auszeichnung vorschlagen, falls ihm die friedliche Umwandlung des Unrechtssystems am Kap zur Demokratie gelinge.

Das war Anfang Juli. Am vergangenen Dienstag sah sich der populäre Kirchenführer schwer getäuscht. »Unser Vertrauensverhältnis zu ihm ist zerbrochen«, klagte Tutu stellvertretend für die meisten schwarzen, aber auch für manche weiße Südafrikaner.

De Klerk, der die schwarze Bevölkerungsmehrheit mit seinem Burenstaat versöhnen will, war über eine Hinterlassenschaft seiner rabiateren Vorgänger gestolpert. In den Jahrzehnten der weltweiten Ächtung des Apartheidregimes hatten diese einen stetig wachsenden Fonds für »Geheime Dienste« angelegt, im laufenden Budget 380 Millionen Rand (rund eine viertel Milliarde Mark). Mit den Steuergeldern wurden beispielsweise der Waffen- und Ölboykott unterlaufen, aber auch Freunde gekauft.

So kam im Frühjahr letzten Jahres die Inkatha-Bewegung des Zulu-Häuptlings Mangosuthu Buthelezi an eine Viertelmillion Rand - überwiesen mit freundlichen Grüßen von der Sicherheitspolizei. Weitere fünf Millionen flossen über die Jahre außerdem an Uwusa, eine Gewerkschaftsbewegung, die dem Zulu-Chef nahesteht.

Die Zahlungen erhärten einen schlimmen Verdacht - daß die weißen Sicherheitskräfte die Zulu-Bewegung benutzten, um die Gewalt von Schwarzen gegen Schwarze zu schüren. Seit anderthalb Jahren liefern sich Inkatha und Nelson Mandelas African National Congress (ANC) blutige Machtkämpfe mit Speeren, Streitäxten und Keulen. Dabei kamen Tausende ums Leben. Hartnäckig hielt sich in den schwarzen Wohngebieten das Gerücht, daß eine »dritte Kraft« hinter den Fehden stecken müsse.

Beobachtern fiel häufig auf, wie die Polizei mit den Inkatha-Kriegern nahezu kameradschaftlich umging, während gegen den ANC sogleich Tränengas und Schrotmunition eingesetzt wurden. Das konnte nicht nur daran liegen, daß die Buren seit jeher vor der kämpferischen Tradition der Zulus Respekt haben. Auch der Umstand, daß die meist konservativ-ländlichen Anhänger von Inkatha mit ihrer »Ja, Baas«-Haltung den Polizisten genehmer sind als die häufig unter roten Fahnen marschierenden ANC-Revolutionäre, reichte als Erklärung nicht aus.

Vielmehr schien sich nun zu bestätigen, daß die berüchtigte »Fünfte Kolonne« ihre Finger im Spiel hatte. Weder der blamierte Buthelezi noch Polizeiminister Adriaan Vlok wollten von den Zahlungen gewußt haben.

Und Präsident de Klerk? Der schickte seinen Außenminister vor, der sich zur Bewilligung des Geldes bekannte. »Na und«, konterte Roelof Botha, »wir haben die Inkatha-Versammlungen unterstützt, weil dort Sanktionen abgelehnt wurden.«

»Die verdammte Sauerei«, so ein ANC-Vertreter, war in der Johannesburger Weekly Mail enthüllt worden - mitsamt Briefwechsel, Gesprächsnotizen, Bankbelegen. Der Bericht löste Erschütterungen aus, wie sie Südafrika seit der Freilassung Nelson Mandelas am 11. Februar 1990 nicht mehr erlebt hat. Der Reformer de Klerk stürzte nach kaum zweijähriger Amtszeit in eine schwere, womöglich finale Vertrauenskrise.

In den USA, die in der zweiten Juliwoche ihre Sanktionen gegen Südafrika aufgehoben hatten, empfanden Politiker die ANC-Warnungen nunmehr als prophetisch. Als »zu früh« hatte Südafrikas größte politische Gruppe das Ende des Boykotts gerügt, »der Prozeß des politischen Wandels ist noch umkehrbar«.

Großbritanniens John Major telefonierte direkt mit Pretoria, als selbst konservative Londoner Zeitungen wie der Daily Telegraph »drastische Maßnahmen« verlangten. EG-Europas schwerfällige Entscheidungsmechanismen erwiesen sich ausnahmsweise als Segen: Wegen Dänemarks Veto gelten noch immer die vor rund fünf Jahren verhängten Sanktionen gegen Südafrika, wonach Importe von Eisen, Stahl und Krügerrand-Goldmünzen verboten sind - obwohl die EG-Außenminister bereits die Aufhebung der Strafmaßnahmen beschlossen hatten.

Nun strich Wirtschaftsminster Möllemann ein Treffen mit Inkatha-Chef Buthelezi vom Programm eines für August angesetzten Südafrika-Besuchs. Keinen Anlaß, ihre Politik zu überdenken, sieht die Konrad-Adenauer-Stiftung, die seit 1983 jährlich 650 000 Mark für das Inkatha-Institut in Durban überweist.

Die bloßgestellten weißen Machthaber versuchten währenddessen, den Sturm abzuwettern. Für zwei Tage verzog sich das Kabinett Anfang letzter Woche zum »Bosberaad«, einer Beratung im Busch. An geheimem Tagungsort war kein Verantwortlicher zu erreichen. Als Minister Vlok schließlich am Mittwoch ausländische Regierungsvertreter empfing, behauptete er forsch, die »schmutzigen Tricks« gehörten der Vergangenheit an. Sein Rücktrittsangebot, vermuten Kenner der burischen Machtclique, werde er wohl nicht so schnell einlösen.

Somit scheint die Konfrontation mit dem ANC unausweichlich. Der Nationalkongreß verlangt von de Klerk den Hinauswurf von Vlok und Verteidigungsminister Magnus Malan. Auch er soll am »Spiel mit gezinkten Karten« teilgenommen haben, enthüllte die Zeitung New Nation.

Ein abtrünniger Soldat einer Spezialeinheit bekannte sich zu organisierten Greueltaten in den Townships. Mit Pangamessern und Kalaschnikows, so schilderte er ein Beispiel von vielen, habe man im September 1990 einen Zug in Soweto überfallen; 23 Tote meldeten damals die Zeitungen. Vorgesetzte hätten ihnen den Kampfruf eingeschärft: »We are Inkatha.«

Gerade hatten viele weiße Südafrikaner etwas Hoffnung für die Zukunft geschöpft und ihre Auswanderungspläne verschoben. Doch jetzt schließt eine Viertelmillion, so ergab eine Umfrage vorige Woche, die Emigration in den nächsten fünf Jahren nicht aus. Vielleicht ahnen sie weitere Peinlichkeiten.

Unaufgeklärt sind zahlreiche politische Morde der letzten Jahre, etwa durch fachgerecht gezündete Bomben gegen Gewerkschafter oder nächtliche Schüsse auf Oppositionelle. Aktenkundig und gleichwohl unaufgearbeitet ist das unheilvolle Wirken des Civil Cooperation Bureau. Diese Truppe von Tötungsspezialisten handelte in offiziellem Auftrag, stellte 1989 ein Richter fest. Mittlerweile ist die Killerriege aufgelöst worden, die Mitglieder erhielten hohe Abfindungen oder verzehren eine Pension.

»Inkatha-Gate«, so überschrieben Südafrikas Zeitungen das neueste Debakel, stellt de Klerk vor eine schwere Wahl: Will er seinem Image als Saubermann treu bleiben, so muß er einen unabhängigen Untersuchungsausschuß einsetzen. »Das könnte für einige hohe Herren peinlich werden«, mutmaßt Kobus Jordaan, Abgeordneter der oppositionellen Demokratischen Partei.

Versucht der Präsident dagegen den Skandal auszusitzen, könnte der ANC mit seiner Forderung nach einer Interimsregierung auch in Washington und London Gehör finden. »Nun wird sich entscheiden, ob de Klerk als Mittler für die bevorstehenden Verhandlungsrunden noch in Frage kommt«, behauptet der Kapstädter Politologe David Welsh.

Erzbischof Tutu hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben. De Klerk müsse sich »so verhalten, daß Nelson Mandela ihn wieder als redlichen Gesprächspartner akzeptieren kann«. o

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