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WALDSTERBEN Gezinkte Karten

Ausgerechnet CDU-Prominente, die wirksame Maßnahmen gegen das Waldsterben bislang verhindert haben, riefen letzte Woche eine Stiftung »Wald in Not« ins Leben. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hält das Vorhaben für eine »grüne Attrappe« und ein »klassisches Stück Volksverdummung«. Die Grünen warnen, unter dem »Deckmantel« des Umweltschutzes werde in Wahrheit »dem deutschen Wald aktive Sterbehilfe« geleistet.

Schimpf und Schmäh gelten, seltsam genug, einem Projekt, das laut Bundesregierung der »Rettung des Waldes« dienen soll: einer Stiftung namens »Wald in Not«, die Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann und sein Unionsfreund Bernhard Vogel, Ministerpräsident in Mainz, am Dienstag letzter Woche in Bonn gründeten. »Alle gesellschaftlichen Kräfte«, so hieß es, seien »aufgefordert, sich zu beteiligen«.

Die Stiftung soll nach dem Willen Vogels der ökologischen Katastrophe in Deutschlands Forsten mit Wohlfahrtsmarken, Waldpartnerschaften und mit einem »Waldpfennig« begegnen und nicht etwa »für irgend jemanden ein Alibi schaffen« - eine Versicherung, der aktive Naturschützer zutiefst mißtrauen.

»Vogels Einladung an mich, in seiner Stiftung mitzuarbeiten, werde ich nicht folgen«, hat letzten Monat bereits Horst Stern, Herausgeber der Zeitschrift _(Am Dienstag letzter Woche in Bonn; ) _(rechts Bundesinnenminister Friedrich ) _(Zimmermann und ) _(Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz ) _(Kiechle. )

»natur«, angekündigt: Die Stiftung sei der Imagepflege des Mainzer Ministerpräsidenten dienlicher als dem Wald, »dem man so nicht wirklich helfen kann«.

Naturschützer wie Stern sind empört darüber, daß sich mit Vogel und Zimmermann ausgerechnet zwei Unionspolitiker als Waldretter profilieren wollen, die wirksame Maßnahmen gegen das Waldsterben bislang verhindert haben.

So hat das von Vogel regierte Rheinland-Pfalz, als am 29. April dieses Jahres im Bundesrat über die neue Großfeuerungsanlagen-Verordnung debattiert wurde, gegen diverse Verbesserungsvorschläge gestimmt, die dem Schutz des Waldes dienen sollten - so etwa *___gegen eine Herabsetzung des Schwefeldioxid-Grenzwertes ____von 2500 auf 2000 Milligramm pro Kubikmeter Abluft bei ____kleineren Altanlagen; *___gegen eine Verkürzung der Schonfristen für Altanlagen ____um drei Jahre; *___gegen eine Herabsetzung der »Restnutzungsdauer«, einer ____Frist, innerhalb deren Altanlagen ohne ____Entschwefelungsvorkehrungen weiter betrieben werden ____dürfen; *___gegen eine Verringerung des Stickoxid-Ausstoßes ____bestimmter Kohlekraftwerke von 2000 auf 1800 ____Milligramm, ein Antrag, dem die unionsregierten ____Waldländer Bayern und Baden-Württemberg zustimmten.

Für »scheinheilig« (BUND) halten Umweltschützer die Mainzer Politik: Just Vogel, der die Stimmen seines Landes - aus Rücksicht auf die in Rheinland-Pfalz besonders starke Chemie-Industrie - gegen eine Verschärfung des Waldschutzes einsetzte, fungiert seit 1980 als ehrenamtlicher Präsident der »Schutzgemeinschaft Deutscher Wald« (SDW).

Unter Vogels Vorsitz hatte die SDW - ein mit Steuergeldern unterstützter, politisch

eher konservativ gestimmter Honoratiorenverein - zwar alljährlich feierlich den »Tag des Baumes« begangen, fleißig Waldlehrpfade angelegt und die Forsten mit Papierkörben möbliert, das Baumsterben jedoch zunächst »regelrecht verschlafen« (so ein norddeutscher SDW-Kreisvorsitzender). Auch als die Ursachen des Wald-Untergangs nicht mehr wegzudiskutieren waren, hielt sich Vogels Verband mit industriekritischen Forderungen zurück.

Unbehagen an Vogels SDW-Politik keimt längst unter seinen Waldschützern. An die Spitze des Verbandes, findet Waldjugend-Leiter Wolfgang Hegemeister, gehöre »ein unabhängiger Mann und nicht ein Berufspolitiker, dem die Industrie Handschellen anlegen kann«.

Der Vogelsche Umweltschutz »mit gezinkten Karten« (so Hessens sozialdemokratische Bundesratsministerin Vera Rüdiger) mutet um so sonderbarer an, als sich derzeit in nahezu allen anderen Bundesländern der Ruf nach einer Nachbesserung des laschen Bonner Luftreinhaltungsrechts verstärkt. Denn christwie sozialdemokratische Landesherren zeigen sich zunehmend schockiert durch Berichte, nach denen der Anteil der geschädigten Forsten sich binnen eines Jahres nahezu verdreifacht hat.

Immer nachdrücklicher plädieren SPD-regierte Länder, FDP, Grüne und Naturschutzverbände für die Einführung einer Schwefelabgabe. »Wenn überhaupt noch etwas die Wälder retten kann«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«, »dann eine sofortige Strafabgabe auf waldschädigende Emissionen.«

Bestürzt registrieren CDU-Strategen seit Monaten, daß das vom SPD-Land Hessen im Bundesrat beantragte Schadstoffabgabengesetz sich als zunehmend populär erweist. Dennoch mögen die meisten Unionspolitiker - nachdem sie im Juni die Schwefelabgabe abgelehnt haben - aus parteipolitischen Gründen nicht auf den hessischen Kurs umschwenken. Um so intensiver fahnden sie, beunruhigt durch wachsenden öffentlichen Druck, nach anderen Möglichkeiten, das galoppierende Waldsterben zumindest ein wenig zu bremsen.

Selbst konservativen Christdemokraten schwant jetzt, daß wohl doch jene Kritiker recht hatten, die die von der Bundesregierung hoch gelobten Luft-Verordnungen als »Windeier« (BUND) bezeichnet haben. Kaum sind Zimmermanns Erlasse in Kraft, erklären Unionspolitiker sie für reformbedürftig.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth ist davon überzeugt, daß die in Zimmermanns Großfeuerungsanlagen-Verordnung vorgesehene Entschwefelung von Kraftwerken nicht »rasch genug« kommen wird; Bonn hätte lieber den »harten« Stuttgarter Forderungen folgen sollen.

Zimmermann-Kritiker Späth kann vor allem mit bayrischer Unterstützung rechnen. Der Freistaat will, wenn die Bonner Verordnung erneut zur Beratung ansteht, wiederum seinen alten Vorschlag einbringen, die Übergangsfristen für Altanlagen zu verkürzen - ein Antrag, der unter anderem am Widerstand der Rheinland-Pfälzer gescheitert war.

Und auch die CDU in Hessen, die nach neuesten Untersuchungen befürchtet, daß dort nur noch ein Drittel der Altfichten gesund ist, drängt auf Nachbesserung: Landesvorsitzender Walter Wallmann forderte in einem Brief an Kanzler Kohl, »eine Verschärfung insbesondere hinsichtlich der Grenzwerte, der Länge der Übergangszeiten und der Ausnahmeregelungen für kleinere Kohlekraftwerke« sei »unumgänglich«.

Im waldärmeren Norddeutschland herrscht neuerdings ebenfalls Unruhe. In Berlin sind bereits mindestens dreißig Prozent der Kiefern geschädigt. Schleswig-Holstein registriert »hohe Versauerungsgrade«; Nordelbiens Waldbesitzer-Vorsitzender Johann Graf zu Rantzau forderte unlängst Zimmermann auf, »unverzüglich und drastisch die Schadstoffemissionen zu verringern«.

In rasendem Tempo weitet sich das Waldsterben auch in Ernst Albrechts Niedersachsen aus. Die jährlichen Verluste, die der Forstwirtschaft zwischen Harz und Küste entstehen, werden auf 200 Millionen Mark geschätzt, und auch in Nordrhein-Westfalen ist mittlerweile jeder dritte Baum krank.

Bonns Umweltminister Zimmermann hat sich derweil heillos in den Unzulänglichkeiten seiner eigenen Waldschutz-Verordnungen verheddert: Er muß befürchten, daß die Industrie die ohnehin üppig bemessenen Fristen für die Kraftwerk-Entschwefelung

bis auf den letzten Tag verstreichen lassen wird - dann aber werden, wie dem Minister inzwischen aufgegangen ist, »die Kapazitäten der Hersteller von Rauchgasentschwefelungsanlagen nicht ausreichen«, den jähen Auftragsschub zu bewältigen.

Zimmermann muß sich in dieser Lage damit begnügen, an die »Eigenverantwortung der Industrie« zu appellieren, freiwillig »mit der Umrüstung zügig zu beginnen« - mit ungewissem Resultat. »Wirtschaftliche Interessen, die es dem Umweltschutz schwer machen«, so der Minister, »gibt es mehr als genug.«

Gleichwohl scheint sich Zimmermann unter dem Eindruck immer neuer Katastrophenmeldungen den Forderungen nach einer Verschärfung des Luftreinhaltungsrechts nicht länger verschließen zu wollen. Das Waldschutz-Programm der Regierung, kündigte er an, müsse »fortlaufend aktualisiert« werden: »Die Bundesregierung wird das Thema Waldschäden nach Vorliegen der für den Spätherbst zu erwartenden neuen Erhebungsdaten erneut beraten.«

Aus Rheinland-Pfalz, soviel scheint sicher, wird Zimmermann nicht sonderlich zur Eile gedrängt werden - obgleich 67 Prozent des Baumbestandes im Pfälzer Wald und 70 Prozent des Hunsrück schwer angegriffen sind. Anders als seine Kollegen Späth und Strauß scheint Vogel mit den industriefreundlichen Bonner Luft-Verordnungen einverstanden.

»Neue Bundesratsinitiativen« jedenfalls, verrät Hans Kaiser, Sprecher des Mainzer Umweltministeriums, seien von Rheinland-Pfalz »derzeit nicht geplant«. _(In Bonn, anläßlich der Gründung der ) _(Stiftung »Wald in Not«. )

Am Dienstag letzter Woche in Bonn; rechts BundesinnenministerFriedrich Zimmermann und Bundeslandwirtschaftsminister IgnazKiechle.In Bonn, anläßlich der Gründung der Stiftung »Wald in Not«.

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