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Briefe

Gezinkte Karten
aus DER SPIEGEL 20/1988

Gezinkte Karten

(Nr. 14/1988, Gesundheitsreform: Wie sich Blüms Pläne auf die Patienten auswirken; Nr. 17/1988, Die Patienten werden draufzahlen) *

Blüms Gesundheitspolitik verdeutlicht, daß die Bonner Regierung massiven Abbau sozialer Rechte - hier zu Lasten der Kranken - betreibt. Ich hoffe, daß sich die Wähler diesen Skandal merken! Hildesheim VOLKER HENK

Mit Blüms Gesundheitsreform, die laut Hartmannbund »vor allem für die älteren Patienten oft nur noch eine Grundversorgung« zulasse, läßt Blüm die Älteren ihrem Ableben noch ein gesundheitsgefährdendes Stück näherkommen. So trägt Blüm zugleich den Rentenberg ab, indem er der Überalterung vorzeitiges Sterben in Form medizinischer Unterversorgung verordnet. Marburg ANDREAS RUSCHEN

Die Streichungen nützen wenig, wenn auf der anderen Seite Leute behandelt werden müssen, die ihre Krankheiten selbst verschuldet haben. Da werden Millionen für die Behandlung des Bronchialkarzinoms, das durch Rauchen verursacht wird, verschwendet oder für Alkoholiker Summen vergeudet, um sie durch sogenannte Entziehungskuren von ihrer selbstzerstörerischen Sucht abzubringen. Dabei ist der Rückfall dieser Gesundheitstäter sehr groß. Besser wäre, diese Leute ins Arbeitslager zu stecken. Frankfurt KARL-HEINZ VON MELLENTHIN

In Wirklichkeit sind die Menschen nicht kränker als 1960, und der medizinische Bedarf dürfte auch nicht wesentlich größer sein. Die 13fache Kostensteigerung seit 1960 sollte man nicht den Patienten anlasten. Die Entscheidung über den Einsatz moderner und teurer Gerätemedizin, Operationen und Medikamente liegt nur beim Arzt und nicht beim Patienten. Es ist gut, eine moderne Medizin zu haben, aber man sollte sie nicht vermarkten, dann ist sie nicht mehr bezahlbar. Mülheim (Nrdrh.-Westf.) HEINZ LÜPPEN

Ihre Aussage, nach der letzten Verhandlungsrunde der Koalition bleibe es dabei: »Je höher der Medikamentenpreis, desto größer die Apothekenspanne«, ist absolut unzutreffend, das Gegenteil ist der Fall. Gemeint ist wohl, daß an der bestehenden Arzneimittelpreisverordnung, in der die Preisbildung auf der Apothekenstufe staatlich geregelt ist, nicht gerüttelt werden soll. Nach dieser Verordnung hat der Apotheker bei Arzneimitteln mit einem Einkaufspreis bis 2,40 Mark eine Spanne von 40,5 Prozent; diese sinkt kontinuierlich bis auf 23,1 Prozent für Arzneimittel, deren Einkaufspreis 70,30 Mark übersteigt. Fazit: Je teurer ein Arzneimittel, desto niedriger die Spanne für den Apotheker. Frankfurt BERND THEIMANN Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände Abteilung für Information und Öffentlichkeitsarbeit

Blüm spielt mit kräftig gezinkten Karten. Die Übernahme der Pflegekosten in die

Krankenversicherung ist nichts anderes als eine schlecht getarnte neue Steuer, mit der in den Sozialetats der Kommunen Mittel für neue Belastungen aus der Steuerreform bereitgestellt werden. Offenburg DR. MED. EUGEN VOGT

Kennen Sie schon den Gruß, den Blüm demnächst in seinem Ministerium einführen will? »Es gibt noch viele Sozialleistungen zu kassieren, auf denn, sacken wir''s ein.« Hamburg HARTMUT BÖRNER

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Unbegründete Sorge

(Nr. 15/1988, Verfassungsschutz: Firmen lassen Bewerber bespitzeln) *

Nicht alles ist eine Sauerei, was vom SPIEGEL so genannt wird - auch wenn er sich auf Datenschützer stützt. Herrn Grubers Verdacht, die Erfolglosigkeit seiner jahrelangen Jobsuche hänge mit einer Sicherheitsüberprüfung zusammen, an der das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) mitgewirkt hat, ist unbegründet.

Richtig ist, daß Ende 1984 das Bundeswirtschaftsministerium beim BfV eine Sicherheitsüberprüfung Herrn Grubers beantragte. Dies war Herrn Gruber bekannt. Die nicht abgeschlossene Überprüfung wurde im Jahre 1985 eingestellt, als das BfV vom Bundeswirtschaftsministerium die Mitteilung erhielt, die Überprüfung sei nicht mehr erforderlich, weil die Firma CSID nicht mehr beabsichtige, Herrn Gruber für die Bearbeitung von Verschlußsachen einzusetzen.

Dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz - der von Herrn Gruber um datenschutzrechtliche Prüfung gebeten worden war - wurde auf Anfrage die auf fünf Jahre (nicht 15, wie es im SPIEGEL heißt) befristete Speicherung der beantragten und eingestellten Sicherheitsüberprüfung mitgeteil; die Speicherung sei in solchen Fällen erforderlich und liege auch im Interesse des Betroffenen, um etwaige erneute Überprüfungsanträge zügiger bearbeiten zu können. Gegen die Mitteilung der zeitlich befristeten Speicherung der beantragten Sicherheitsüberprüfung an den Petenten habe das BfV keine Bedenken.

Die Auskunft, die der Bundesbeauftragte für Datenschutz (BfD) dann Herrn Gruber erteilte, das BfV habe »Informationen über Sie im Zusammenhang mit der 1984 beantragten Sicherheitsüberprüfung gespeichert«, war daher irreführend. Köln GERHARD BOEDEN Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz

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Gerammelt voll

(Nr. 16/1988, Jazz: Florian Steinbiß und David Eisermann über Goebbels'' Propaganda-Jazzband »Charlie And His Orchestra« *

Selbst in Australien ist »Charlie And His Orchestra« mit seinen oft frechen Texten und ausgezeichneten Musik-Arrangements vor allem bei den älteren englischen Einwanderern, aber auch bei den zahlreichen Schellack-Plattensammlern durchaus ein Begriff. So berichtete die Melbourner Tageszeitung »The Age« bereits zwei Tage nach Erscheinen des SPIEGEL-Artikels darüber. Die ausgezeichnete Reportage von Florian Steinbiß und David Eisermann mit den auch Experten nicht früher bekannten, seltenen Photos macht jetzt in Fachkreisen die Runde. Gern hätten wir auch ein Bild von Karl »Charlie« Schwedler gesehen. East St. Kilda (Australien) HEINRICH W. E. OTTO

Nicht nur die »Reichs-Rundfunk-Gesellschaft« der Nazis überwachte das Verbot, keinen Jazz zu spielen, sondern auch die Gestapo. In Frankfurt am Main fuhr die Gestapo mit einem Motorboot auf dem Main und hielt alle Boote an, die einen Plattenspieler mitführten. Wurden Schallplatten gefunden, die mit Jazz bespielt waren, flogen sie ins Wasser. Zur Ehre einiger, damals noch jugendlicher, Musiker, soll erwähnt werden, daß sie in Frankfurt am Main das Jazzverbot derart umgingen, indem sie die Originaltitel in deutsche Titel umbenannten. Der Musiker Emil Mangelsdorff erinnert sich, daß das Lokal, in dem er damals verdeckte Jazzmusik spielte, gerammelt voll war. Frankfurt ADOLF DIAMANT

Ich darf Sie auch auf die Autobiographie des bekannten Schweizer Jazz-Musikers und »Vaters von Acapulco« Teddy Stauffer »Es war und ist ein herrliches Leben« (Ullstein 1968) hinweisen. Stauffer _(Mit Fritz Brocksieper (l.) und ) _(Jazz-Pianist Scharfenberger (r.) in ) _(Berlin. )

hat ebenfalls zur Nazi-Zeit in Berlin Jazz gespielt, oft - wie er mir einmal in einem Interview erzählt hat - mit Türstehern, die vor der SA warnten und die Band anhielten, gegebenenfalls sofort auf deutsches Musikgut »umzustellen«. Biel (Schweiz) WERNER HADORN

Eine winzige Korrektur zu Ihrem sehr guten Beitrag über die Propaganda-Jazzband des Herrn Goebbels: Da steht auf Seite 236, »Lutz Templin baute einem der ARD-Sender das Tanzorchester auf«. Stimmt so nicht ganz. Die ARD gibt es ja erst seit 1950. Lutz Templin aber spielte bereits 1945 (spätestens 1946) mit einer sehr schneidigen Band im Studio 1 eines neuinstallierten Funkhauses. Wo? Natürlich in Stuttgart, in der Neckarstraße. In der Gegend war man ja - von der Tätigkeit beim Reichssender Stuttgart - längst zu Hause. Lutz Templin und sein Orchester spielten nahezu jeden Abend - live natürlich, wie man das damals so machte. Auch Bob van Venetie, den Sie - elegant mit Hut - auf Seite 236 als zweiten von links abbilden, war mit von der Partie. Er sang bei Templin. Holzgerlingen (Bad.-Württ.) ROLF LOHBERG

Ihren Artikel fand ich ausgezeichnet und wohlfundiert. Ich kann mich noch heute mit großer Freude daran erinnern, wie wir als »Teenager« 1941/42 in Berlin allabendlich begeistert in den Delphi-Palast gepilgert sind, um Bands wie Jean Omer, Ernst van t''Hoff und vor allen Dingen Fud Candrix zu hören. Tanzen war natürlich nicht erlaubt. So gegen 23 Uhr wurde dann aus dem »Schwarzen Panther« tatsächlich ein »Tiger Rag« und, wenn ich mich recht erinnere, sogar mit Ansage in Englisch. Es ging das Gerücht umher, daß zu dieser Stunde Originalübertragungen für deutsche Propagandasender vorgenommen würden. Natürlich waren Platten von »Charlie And His Orchestra« nicht zu bekommen, aber man konnte mit etwas Glück und »Beziehungen« noch unterm Ladentisch bei Brunswick in der Nürnberger Straße, bei Alberti in der Rankestraße oder Televox auf dem Tauentzien Jazzplatten ergattern. Letzteres Plattengeschäft hat sogar 1941 spezielle Aufnahmen für sein eigenes Label mit Solisten des Ernst van t''Hoff Orchesters gemacht - allerdings deutsche Titel - unter Leitung des Gitarristen des Charlie-Orchesters Meg Tevelian. Neubiberg(Bayern) WERNER BENECKE

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Milde Mittel

(Nr. 19/1988, Ärzte: Steigende Zahl arbeitsloser Mediziner) *

Arbeitslose Ärzte als Taxifahrer, »Gastärzte«, die zum Nulltarif arbeiten müssen - das sind weitere Beispiele für eine unsolidarische Gesellschaft. Statt immer mehr jungen Ärzten den Zugang zu ihrem Beruf zu versperren, sollten wir dafür sorgen, daß Ärzte mit 65 Jahren ihre Kassenzulassung abgeben. Denn es ist doch wohl nicht zuviel verlangt, daß Ärzte, die ein Berufsleben lang mit Jahreseinkünften von durchschnittlich 180 000 Mark die Möglichkeit hatten, sich einen Ruhestand mit allen Annehmlichkeiten zu sichern, mit 65 Jahren ihren Arbeitsplatz für die jüngere Generation freimachen.

Das ist nicht nur ein Gebot sozialer Gerechtigkeit. Das ist sogar ein Gebot des Verfassungsrechts. Denn die Einführung einer Altersgrenze ist gegenüber Zulassungssperren für Berufsanfänger das mildere Mittel, um die Zahl der niedergelassenen Ärzte zu begrenzen.

Zur Zeit sind etwa zehn Prozent aller zugelassenen Kassenärzte über 65 Jahre

alt. Das sind rechnerisch genauso viele, wie zur Zeit arbeitslos gemeldet sind. Nordrhein-Westfalen wird aus diesen Gründen am 20. Mai 1988 einen Gesetzentwurf zur Einführung einer Altersgrenze für die Zulassung zur kassenärztlichen Versorgung in den Bundesrat einbringen. Düsseldorf HERMANN HEINEMANN Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen

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Noch etwas verhalten

(Nr. 19/1988, Personalien: Fragen an Bundestagspräsident Philipp Jenninger) *

Als Sprecherin der »Überfraktionellen Initiative Parlamentsreform« freue ich mich, daß unsere Bemühungen mittlerweile auch vom Bundestagspräsidentenwenn auch etwas verhalten - positiv beurteilt werden. Immer mehr Abgeordnete aus allen Fraktionen sorgen sich nämlich um das Ansehen des Deutschen Bundestages in der Öffentlichkeit und um unsere Kontrollfunktion gegenüber Regierung und Exekutive. Mit 49 Anträgen zur Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages wollen wir die Rechte des Parlamentes gegenüber Regierung und Exekutive stärken und zu diesem Ziele auch die Mitwirkungsrechte des einzelnen Abgeordneten deutlich verbessern. Dabei berufen wir uns auf den (leider vergessenen und verdrängten) Artikel 38,1 des Grundgesetzes, nach dem Abgeordnete »Vertreter des ganzen Volkes« sind, »an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen«.

Wir hoffen, daß es bis zum 40. Geburtstag des Deutschen Bundestages, am 7. September 1989, gelingt, nicht nur den Bundestagspräsidenten, sondern auch die Fraktionsführungen von der Notwendigkeit und Dringlichkeit dieser Reformen zu überzeugen! Bonn DR.HILDEGARD HAMM-BRÜCHER MdB/FDP, Sprecherin der »Überfraktionellen Initiative Parlamentsreform«

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Bald vergriffen

(Nr. 17/1988, Politisches Buch: Rudolf Augstein über die neue Schumacher-Biographie von Günther Scholz) *

Glückwunsch dem Autor Günther Scholz, daß er mit seiner Schumacher-Biographie die meine übertrifft, wie Rudolf Augstein konstatiert. Der Vergleich ist jedoch unangebracht. Denn mein Buch ging 1951 aus einem Plan der frisch gegründeten Bundeszentrale für politische Bildung hervor: Es sollten Lebensbeschreibungen von Theodor Heuss, Konrad Adenauer und Kurt Schumacher in einer Auflage von je 50 000 gefördert

werden. Schumacher trug mir die Sache an, und nach einjähriger Arbeit mit gründlichen Recherchen und zahlreichen Gesprächen war mein Manuskript abgeschlossen, als Innen-Staatssekretär Ritter von Lex (CSU) kurzerhand verfügte: »Schumacher nicht!« So kam mein Buch als einzige autorisierte Biographie im Herbst 1952 in einer Auflage von 10 000 heraus, die bald vergriffen war, obwohl Vorstandsmitglied Fritz Heine von der Parteizentrale aus alle erreichbaren Stellen mit der »Begründung« vor dem Ankauf warnte, die »richtige« Schumacher-Biographie komme später heraus. Dahinter stand der umtriebige und spendenfreudige »Telegraf«-Herausgeber Arno Scholz, der für so etwas auch immer einen Ghostwriter hatte. Außerdem wollte die Parteizentrale, wie verläßlich zu erfahren war, keinen Schumacher-Kult in der Partei aufkommen lassen. Remagen (Nrdrh.-Westf.) FRIED WESEMANN

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Epochemachende Prosa

(Nr. 18/1988, Fernselhvorausschau) *

Ihren kleinen orthographischen Lapsus (Toupet!) - der mir als Pendant (und Connery-Fan) sofort ins Auge sprang - nehme ich heute zum Anlaß, Ihnen einmal ein ganz großes Kompliment für Ihre Fernseh-Vorausschau zu machen. Diese im meist arrogant-sarkastischen Tonfall pfiffig formulierten Kritik-Konzentratewahre Kabinettstückchen geistiger Klimmzüge und Kleinodien journalistischer Prosa (epochemachend: »Buddelbrooks") -, die oft schon alleine den Kaufpreis Ihres Nachrichten-Magazins wert sind, bilden immer den Prolog meines ausgiebigen SPIEGEL-Studiums. Ich (Jahrgang 65) wünsche mir, daß Sie diese - in der deutschen Medienlandschaft wohl einzigartige - Art der Begleitung des Fernsehangebots beibehalten - ich möchte sie nicht mehr missen. Kriftel (Hessen) OLIVER VEHMEIER

Mit Fritz Brocksieper (l.) und Jazz-Pianist Scharfenberger (r.) inBerlin.

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