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CHINA Gift für den ganzen Erdball

Verkraftet die Natur den Aufstieg Pekings zur Weltmacht? Das Reich der Mitte gehört zu den schlimmsten Umweltsündern und wird zum globalen ökologischen Problem. Viele andere Länder bekommen die Auswirkungen zu spüren.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Die Schmutzwolke war von der Erde aus kaum zu sehen. Erst als die Wissenschaftler vom Münchner Flughafen abhoben und im Messflugzeug bis auf 10 000 Meter Höhe stiegen, konnten sie das bräunliche Gemisch mit bloßen Augen ausmachen: eine gigantische Rauchfahne aus Ozon, Staub und Ruß, die von Deutschland bis zum Mittelmeer waberte.

Fast das ganze Jahr wandern solche Wolken über Europa hinweg, die eine besonders lange Reise hinter sich haben. Anhand der Partikel und der Zusammensetzung der Wolke können die europäischen Wissenschaftler die Herkunft identifizieren: »Da war eine ganze Menge aus China dabei«, sagt Andreas Stohl, 38, vom Norwegischen Institut für Luftforschung über die riesige Wolke, die Europa heimsuchte.

12 000 Kilometer weiter westlich quält sich Steven Cliff, 36, mit seinem Wohnmobil die Serpentinen auf den Mount Tamalpais bei San Francisco hinauf. Auf dem Gipfel hat der Forscher ein komplexes Messgerät installiert. Es analysiert die Luft, die über den Pazifik aus Asien auf die Westküste der USA trifft.

Tage wie dieser eignen sich für Messungen besonders gut. San Francisco liegt im kühlen Nebel, aber oben auf dem sonnenbestrahlten Berg ist es warm. Unverfälscht durch örtliche Einflüsse lassen sich die Luftströme ideal erkunden. Was Cliff dann am Gerät abliest, alarmiert ihn: Die heranfliegenden Rußteilchen färben seine Messfilter teilweise »so schwarz, wie wir es noch nie gesehen haben«, sagt er.

Im Labor der Universität von Kalifornien bestimmen Cliff und seine Kollegen mit Hilfe von Röntgenstrahlen die Herkunft der Schmutzpartikel. Nach ihrer »chemischen Signatur« stammen sie zum großen Teil aus chinesischen Kohlekraftwerken, aus chinesischen Eisenhütten und Chemiefabriken, aus Auspuffrohren zahlloser chinesischer Kraftwagen mit Dieselantrieb.

Jenseits des Pazifiks, in Yokohama, breitet unterdessen der japanische Klimaforscher Hajime Akimoto drei Schaubilder der Erde nebeneinander aus. Die Bilder geben in roter Farbe wieder, wo die Stickstoffdioxid-Konzentration in der Luft besonders hoch ist. Was auf dem Foto von 1996 noch als lockere Gruppe rötlicher Tupfer erscheint, leuchtet auf den Aufnahmen von 2005 als knallroter Fleck auf, der den Großraum von Peking bis Shanghai abdeckt.

Dichter und dichter bläst der Wind die Schadstoffe aus dem Reich der Mitte herüber ins Land. Viele Japaner klagen über Juckreiz in den Augen und an den Schleimhäuten, voriges Jahr wurde in zwei Städten erstmals offiziell vor Gesundheitsgefahren gewarnt, die der große rote Nachbar erzeugt.

China ist zum globalen ökologischen Problem geworden. Waren es zuerst die Ökonomen, die darüber staunten, wie die aufstrebende Weltfabrik mit ihren billigen T-Shirts, Fernsehern und Waschmaschinen die Welt verändert, sind es nun die Klimaforscher,

die vor einem ganz anderen chinesischen Export warnen - vor dem Schmutz, der den Erdball umkreist.

Schon jetzt ist das Riesenland der zweitgrößte Erzeuger von Treibhausgasen nach den USA. Vor allem in Nordamerika und in Europa weicht die Begeisterung über die billige Werkbank für die ganze Welt deshalb immer häufiger der Frage: Kann die Erde die wachsende Belastung durch Chinas Naturzerstörung verkraften?

Chinas Wirtschaft boomt jährlich mit Wachstumsraten von über zehn Prozent. Je energischer sich das 1,3-Milliarden-Volk mit Hilfe oftmals heillos veralteter Industrieanlagen aus der Armut zu befreien sucht, je mehr Verbraucher es in allen Ländern mit billigen Waren versorgt, desto höher wird der Preis, den die Welt für das chinesische Wirtschaftswunder zu entrichten hat.

Die Chinesen zerstören längst nicht mehr nur ihre eigene Umwelt. Global wie der Handel sind inzwischen auch die Schäden an der Natur.

Die Zusammenhänge sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Was zum Beispiel hat die Ausbreitung der Wüste in der Inneren Mongolei, einer riesigen autonomen Region im Norden Chinas, mit diesen heimeligen Kaschmirpullovern zu tun, die Kunden in Berlin oder Boston zu Schleuderpreisen kaufen?

Jahrelang ließen hier chinesische Züchter Millionen Ziegen das Gras mitsamt den Wurzeln ausrupfen. Ohne Gras hält der Boden aber nicht, Erde und Sand fliegen davon, um die ganze Erde herum, und die Wüste breitet sich aus. Seit Anfang der achtziger Jahre schrumpfte Chinas Grasland jedes Jahr um rund 15 000 Quadratkilometer - eine Fläche so groß wie Schleswig-Holstein.

Nun ist eine fatale Dürre hinzugekommen, und im kleinen Ort Chaogetu Hure rücken die Sanddünen näher, Millimeter für Millimeter, unaufhörlich, unerbittlich, fast so, als wollten sie unter sich auch all die teuren Programme begraben, mit denen die Regierung Bäume anpflanzt, Zäune zieht, die Ziegen in Ställe sperren lässt und Menschen umsiedelt.

Abt Lao Didarjie kann in seinem Tempel Zhao Huasi zuschauen, wie die Mauern des Hauses gegenüber im Sand versinken. Aus Furcht um sein Gotteshaus hat der Mönch schon bei sechs Ämtern Alarm geschlagen. »Der Tempel ist im 17. Jahrhundert vom 6. Dalai Lama gebaut worden«, sagt der Geistliche, »er soll auch der nächsten Generation erhalten bleiben.«

Wenige Kilometer weiter, am Rande von Luanjingtan, inspiziert Bauer Xu Changqin ein paar magere grüne Weizenhalme. Mit Knochenarbeit haben die Landleute ihre

Felder bestellt, doch im Mai deckten Sandstürme die Ackerflächen wieder zu. Xu: »Das Grasland wird kleiner, der fruchtbare Boden verschwindet.« Immer mehr Menschen ziehen fort auf der Suche nach bewohnbaren Gegenden.

Feiner Sand aus der Heimat des Bauern Xu weht bis nach Europa und Kalifornien. Er ist mit Asche- und Schadstoffpartikeln aus den rauchenden Industriegebieten in der Inneren Mongolei angereichert, wo sich zahllose Fabriken, Chemie- und Kraftwerke aneinanderreihen.

Am Gelben Fluss in Shizuishan in der Region Ningxia, am Rande der Inneren Mongolei, lässt sich das Ausmaß der Verschmutzung besonders markant erkennen. Grauschwarze Luftschichten verdunkeln die Sonne, schaffen eine Stimmung wie in einem Katastrophenfilm. Zwei Kraftwerke pumpen Aschereste in einen künstlichen See, der nur durch einen schmalen Damm vom Fluss getrennt ist. Der Wind weht die Aschepartikel in die Höhe, und dann beginnen sie ihre Reise um den Erdball.

Nicht nur Sand, Staub und Asche pustet die Weltfabrik China in die Atmosphäre. Inzwischen emittieren die Fabriken und Kraftwerke mehr Schwefeldioxid (SO2) und Kohlendioxid (CO2) als Europa, obwohl die chinesische Wirtschaft erst ein Bruchteil der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung der alten Industrieländer erbringt. Zwischen 2000 und 2005 stieg in China der Ausstoß von SO2 auf 26 Millionen Tonnen. Bereits in wenigen Jahren wird das Land die USA überholen und dann am meisten Kohlendioxid in die Atmosphäre abgeben. Schon jetzt stammen über 15 Prozent aller CO2-Emissionen aus dem Reich der Mitte.

Aus seinem Büro in Peking schaut der Amerikaner James Brock, ein unabhängiger Energieexperte, in den smogverhangenen Himmel. »Derzeit verbraucht ein Chinese pro Jahr nur ein Fünftel der Energie eines US-Amerikaners«, sagt er. Wenn China allerdings westlichen Lebensstandard erreiche, werde ein Chinese selbst bei effektivem Verbrauch pro Kopf das Dreifache an Energie von heute konsumieren: fünf Tonnen Kohle im Jahr.

Noch können sich nur wenige Chinesen westlichen Lebensstandard leisten. Aber welche Auswirkungen wird es auf die Umwelt haben, wenn die KP ihre verheißungsvolle Propagandaformel umsetzt, bis 2020 immer mehr Bewohner am sogenannten »kleinen Wohlstand« teilhaben zu lassen? Welche Belastungen kommen auf die Natur erst zu, wenn sich nicht nur 100 Millionen Familien Waschmaschinen, Trockner, Klimaanlagen und Autos leisten können, sondern 500 Millionen?

Schon jetzt fertigen chinesische Werke dreimal so viele Klimaanlagen wie vor fünf Jahren. Zwar fahren in China erst wenige Autos im Vergleich zu anderen Industrieländern, aber allein in Peking kommen Tag für Tag rund tausend Autos hinzu.

Um seinen Hunger nach Energie zu stillen, baut China ein Kohlekraftwerk nach dem anderen. Alle sieben bis zehn Tage stößt eine neue Anlage ihren Rauch in die Luft. Allein im vorigen Jahr kam mehr als die gesamte britische Kapazität hinzu.

Kohle verschmutzt die Luft am stärksten, doch Chinas Planer sehen kaum eine Alternative zu diesem Rohstoff, der im Land reichlich vorhanden ist. 69 Prozent aller Kraftwerke verfeuern Kohle. China verbrauchte mit 2,1 Milliarden Tonnen im Jahr 2004 mehr Kohle als die USA, die EU und Japan zusammen. Selbst wenn die chinesische Wirtschaft jedes Jahr nur um rund sieben Prozent wächst, würde sich der Verbrauch in den kommenden zehn Jahren auf jeweils vier Milliarden Tonnen verdoppeln.

Erst allmählich erkennen Politiker und Wissenschaftler die Spur der Zerstörung, die Chinas industrielle Revolution verursacht.

Dabei hat der grobe Umgang mit der Natur Tradition: Es war Staatsgründer Mao Zedong, der die Devise ausgab, »sich die Natur untertan zu machen«.

Schon während des »Großen Sprungs nach vorn« (1958 bis 1959) ließ er zahlreiche Fabriken errichten. Um die Industriemacht Großbritannien zu überholen, mussten die Chinesen im ganzen Land Minihochöfen errichten. Das irrwitzige Projekt scheiterte, aber die Schäden an der Natur sind noch sichtbar: Um die Stahlöfen zum Glühen zu bringen, holzte China schätzungsweise zehn Prozent seiner Wälder ab.

Ende der siebziger Jahre öffnete sich das Land dem Westen, und mit der bizarren Mischung aus Kommunismus und Kapitalismus zaubern die kommunistischen Wirtschaftsplaner seither Wachstumsraten hervor, von denen westliche Politiker nicht einmal träumen. Dabei verkam China allerdings zur Giftküche.

In China liegen 16 der 20 dreckigsten Städte der Welt. Die Bewohner jeder dritten Metropole müssen schmutzige Luft atmen, etwa 400 000 Chinesen sterben daran jedes Jahr. Auf über die Hälfte der 696 Städte und Kreise fällt saurer Regen.

Zwei Drittel aller großen Flüsse und Seen sind Kloaken, mehr als 340 Millionen Menschen fehlt es am Zugang zu sauberem Trinkwasser. Der Yangtze, einst die stolze Lebensader Chinas, ist auf weiten Strecken biologisch tot. Viele Flüsse transportieren tiefschwarzes Wasser, an ihren Ufern liegen die berüchtigten »Krebsdörfer«, in denen viele Menschen vorzeitig sterben.

Pekings Politikern dämmert inzwischen, was das ökonomische Wachstum ökologisch anrichtet. Schon befürchten Experten wie der Vizeminister der Umweltschutzbehörde (Sepa), Pan Yue, die Umweltverschmutzung werde die beeindruckenden Wachstumsraten der vergangenen Jahre wieder auffressen.

Jedes Jahr verursachen allein die SO2-Emissionen Schäden von etwa 50 Milliarden Euro. Die Weltbank schätzt die Kosten für die Umweltschäden bereits auf acht bis zwölf Prozent des Bruttosozialprodukts.

»China hat in den vergangenen 20 Jahren eine industrielle Entwicklung durchgemacht, für die viele Entwicklungsländer 100 Jahre gebraucht hatten. Deshalb muss das Land jetzt mit Umweltproblemen fertig werden, die zu lösen in vielen westlichen Ländern ebenfalls 100 Jahre lang dauern würde«, sagt Pan Yue.

Auch Premier Wen Jiabao rückt vom Raubbau an der Natur ab und wirbt stattdessen für »nachhaltiges Wachstum«. Darunter versteht er unter anderem ein ehrgeiziges Nuklearprogramm. Bis 2020 sollen mindestens 20 neue Atomkraftwerke gebaut werden. Wo der strahlende Abfall bleiben soll, sagt die Partei nicht.

Bis 2010 will Peking immerhin mindestens zehn Prozent des Stroms durch erneuerbare Energien wie Sonnen-, Wind- und Wasserkraft erzeugen. Schon stehen Solaranlagen in Tausenden Dörfern, vor allem an der Ostküste drehen sich die Rotorenblätter in riesigen Windparks.

Peking beteiligt sich mittlerweile aktiv am internationalen Emissionshandel und lässt sich halbwegs saubere Chemieanlagen von ausländischen Umweltsündern finanzieren, die sich so von ihren Pflichten loskaufen wollen. Rund 125 Milliarden Dollar will die Führung in den kommenden fünf Jahren für Kläranlagen und neue Wasserleitungen ausgeben.

Die Ankündigungen klingen eindrucksvoll, gemessen an Ausmaß und Tempo der Umweltzerstörung reicht das alles nicht. Und trotz aller guten Vorsätze lassen die KP-Genossen keinen Zweifel an ihrem wichtigsten Ziel, mit dem sie ihre Existenz sichern wollen. Zuallererst will die Partei den Lebensstandard der Bürger erhöhen und die riesige Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Ost und West ausgleichen.

Gewiss, Chinas Regenten verschärfen die einschlägigen Gesetze, immer strenger drohen sie kriminellen Funktionären und skrupellosen Werkleitern mit Strafen. Doch die Misere liegt in Chinas autoritärem System begründet, das weder eine unabhängige Rechtsprechung noch demokratische Kontrolle kennt. Die Sepa mit ihren knapp 167 000 Beamten ist zu schwach, sich in jeder Provinz gegen Umweltsünder durchzusetzen, denn häufig handelt es sich um besonders einflussreiche lokale Arbeitgeber. Und den örtlichen Funktionären sind imposante Wachstumszahlen allemal wichtiger für die Karriere als eine saubere Umwelt.

278 der 661 Städte besaßen Ende 2005 noch nicht einmal eine Kläranlage, Strafen zahlen erfolgreiche Umweltsünder oft aus der Portokasse. Viele Kraftwerke, die jüngst entstanden, dürfte es eigentlich gar nicht geben. Knapp die Hälfte der Anlagen sind illegal - etliche aus rein formalen Gründen, andere aber auch, weil korrupte oder fahrlässige Funktionäre es versäumten, Umweltauflagen zu berücksichtigen. Statt zu fallen, sind die Emissionen in 17 Provinzen gestiegen.

Diese düsteren Fakten sind kein Staatsgeheimnis. Offenbar schöpfen manche Funktionäre selbst aus den Hiobsbotschaften noch das Gefühl, die dramatische Lage einigermaßen im Griff zu haben. Es sei gar nicht erwiesen, erklärt Sepa-Funktionär Li Xinmin, dass die Schadstoffe chinesischer Kraftwerke andere Länder überhaupt erreichten. Das sei »eine falsche, unverantwortliche Argumentation«.

Der Klimaexperte Liu Deshun von der Qinghua-Universität in Peking hat für fast jedes Umweltproblem eine beruhigende

Zahl oder einen weisen KP-Beschluss parat. Der entscheidenden Frage weicht er aus: Wie viel trägt China zur globalen Erwärmung bei, und was tut die Regierung dagegen?

Liu trägt ein wollenes grünes Hütchen und eine überdimensionale Sonnenbrille. »Wir sind ein Entwicklungsland«, sagt er. »Wir sind noch nicht in der Lage, internationale Verpflichtungen zu übernehmen.« Peking hat das Kyoto-Protokoll, das die CO2-Emissionen bis 2012 weltweit senken soll, unterzeichnet, ist als Entwicklungsland aber nicht zur Reduktion verpflichtet.

Gleichwohl, beteuert der Professor, habe China einen wichtigen Beitrag für die Umwelt geleistet. Mit ihrer Geburtenpolitik verhinderte die Führung, dass 300 Millionen Menschen mehr auf der Erde leben und sie entsprechend belasten.

Als im November 2005 im nordostchinesischen Jilin ein Chemiewerk explodierte, musste die Industriestadt Harbin vier Tage lang das Wasser abdrehen, um ihre über neun Millionen Einwohner nicht zu vergiften. Doch die Katastrophe weitete sich aus. Ein dicker Benzolteppich schwappte den Songhua-Fluss hinunter, floss dann in den Amur und löste sich erst im russischen Sibirien langsam auf.

Alexej Machinow, 54, hatte das Desaster kommen sehen. »Das Problem besteht nicht erst seit dem Unfall«, sagt der russische Geograf, der das Hydrologie-Labor an der Russischen Akademie für Wissenschaften des Fernen Ostens leitet. »Der Fluss stinkt seit 1997.« Der Tisch des Wissenschaftlers ist übersät mit Tabellen und Statistiken, in einem Schrank mit Glastür stapeln sich Papiere, alles Umweltdaten vom Amur. Dabei sieht man mit bloßem Auge, wie schlecht es dem Fluss geht.

Denn der Sungari, wie der Songhua in Russland heißt, trägt tonnenweise Schlamm und Giftstoffe mit sich, sein brauner Zufluss zeichnet sich noch Hunderte Kilometer im Flusslauf des Amur deutlich ab. Wenn Fischer im Winter das Eis durchbohren, entweicht dem Loch ein widerlicher Gestank. Machinow vermutet, dass der Geruch von abgestorbenen Pflanzen stammt. Er berichtet, dass die Anwohner über Infektionskrankheiten, Hautentzündungen und Durchfall klagen.

Für die Ärztin Wladena Rybakowa, 65, wurde der kranke Amur in ihren letzten Berufsjahren zum wichtigsten Patienten. »Der Fluss begann, nach Phenol zu stinken«, sagt sie »und zunächst dachten wir, dies sei eine natürliche Erscheinung.« Aber bald stießen Rybakowa und ihre Kollegen auf die Ursachen. Die lagen jenseits der chinesischen Grenze, wo 65 Millionen Menschen leben. Gegenüber 4 Millionen auf der russischen Seite des Amur.

Von den Chinesen erhielten die russischen Wissenschaftler keine Informationen darüber, was die Fabriken produzieren und welche Gifte die Abwässer trüben. Also versuchten sie Ende der neunziger Jahre auf eigene Faust herauszufinden, was der Fluss herüberträgt: Als Rybakowa Ratten mit Fisch aus dem Amur fütterte und anschließend sezierte, erinnert sie sich, »da zerfiel deren Leber, bevor man überhaupt schneiden konnte«.

Die Straße nach Sikatschi-Aljan führt an Kasernen und riesigen Radargeräten vorbei. Hier wohnt die Minderheit der Nanai, die seit Menschengedenken vom Fischfang leben. Zu sowjetischen Zeiten arbeitete hier eine Fisch-Kolchose. Nun ist das Dorf mit den typischen Holzhäusern in bittere Armut versunken, denn niemand kauft den Bewohnern noch ihren Fang ab.

»Seit zwölf Jahren riecht der Fisch nach Chemikalien«, sagt Dorfvorsteherin Nina Druschinina, eine schmale Frau mit aufgetürmter Frisur. »Zunächst dachten wir an russische Werke, die Wasser ungeklärt in den Fluss leiten. Jetzt aber wissen wir, dass der meiste Dreck aus China kommt.«

Um Chinas Zukunft zu sichern, wird auch der Mekong gezähmt, der auf Chinesisch Lancang heißt. In der Provinz Yunnan bändigt man Südostasiens längstes Gewässer mit zwei großen Staudämmen ohne Rücksicht auf die anderen Anrainer. Sechs weitere Dämme sind geplant.

An der Baustelle des Xiaowan-Damms verwandeln Arbeiterheere einst grüne Berghänge in eine Marslandschaft. Xiaowan soll eines der größten Wasserkraftwerke der Welt werden, fast so groß wie der Drei-Schluchten-Damm am Yangtze.

Ein paar hundert Kilometer weiter im Süden fließt der Mekong durch sattgrüne Reis- und Maisfelder. Hin und wieder wiegen sich Bambushaine an seinen Ufern. Doch das Leben von Millionen Menschen, die abhängig sind vom Rhythmus des Flusses, ist durcheinandergeraten. Mit einem Damm fluten die Chinesen den Mekong, wie es ihnen passt, etwa wenn bei Niedrigwasser große Schiffe in den thailändischen Flusshafen Chiang Saen einlaufen wollen.

In Kambodscha, wo Flussfische die wichtigste Eiweißquelle darstellen, sinken dann die Fangerträge, vor allem im Nebenfluss Tonle Sap. Auch weiter im Süden, im Mekong-Delta, spielt der Fluss verrückt, wie Anwohner berichten. Mal spülen seine Fluten Häuser hinweg, mal fehlt Wasser für die Reisfelder.

Suthep Teowtrakul, Distriktchef des Ortes Chiang Khong, beobachtet jeden Tag den Fluss. Er trägt ein gelbes Polohemd mit der Aufschrift »Ich liebe den König«. In seiner Amtsstube hat er vier Buddha-Figuren in Stufen übereinander aufgestellt.

Doch was kann der Beamte schon gegen die Zähmung des Mekong durch China ausrichten? »Meine Devise lautet: 'Lasst den Fluss in Ruhe'«, sagt er. So wird es leider nicht kommen. »Denn die Chinesen meinen, dass der Mekong ihnen gehört.« Ebenso wie die Felder, die sie verwüsten, oder die Luft, die sie verschmutzen.

Auf der jüngsten Uno-Klimakonferenz in Nairobi beharrten sie darauf, dass den Entwicklungs- und Schwellenländern keine Einschnitte bei Treibhausgasen zugemutet werden dürfen. Erst als diese Bedingung, von der sie selbst am meisten profitieren, erfüllt war, stimmten die chinesischen Delegierten dafür, ein Folgeabkommen des Kyoto-Protokolls auszuarbeiten.

China ist ein großes Land, die kommende Weltmacht. Seine Führung lässt sich wenig vorschreiben, weder ökonomisch noch ökologisch, sie schlägt ihr eigenes Tempo an.

Jedes Jahr, jeden Monat, fast jede Woche ereignet sich irgendwo im Riesenreich eine Umweltkatastrophe, die sich weit ausbreitet, zu Lande, zu Wasser und in der Luft - und oft genug bekommt fast die ganze Welt etwas davon ab. ANDREAS LORENZ,

WIELAND WAGNER

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