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GUINEA / ENTWICKLUNGSHELFER Gift im Bier

aus DER SPIEGEL 6/1971

Demonstranten vor der Bonner Guinea-Botschaft erregten sich: »Entwicklungshelfer sind kein Freiwild!« Das »Hamburger Abendblatt« fragte anklagend: »Warum tut die Bundesrepublik nichts zum Schutz ihrer willkürlich in höchste Lebensgefahr gebrachten Staatsbürger?«

In der Rolle eines Volksgerichtshofs fällte Guineas Parlament vorletzte Woche 91 Todesurteile wegen Putschversuchs und schickte 67 Angeklagte auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit, darunter den deutschen Jugenddorf -Leiter Hermann Seibold (der bereits tot war) und den Bierbrauer Adolf Marx (der im Raus des mitverurteilten Erzbischofs Tschidimbo verhaftet wurde). Das erregte die Westdeutschen.

Zwar haben in den vergangenen zehn Jahren Tausende hochbezahlter Experten und Freiwillige der Entwicklungsdienste aus der Bundesrepublik In der Dritten Welt Dutzende von Militärputschen, Aufständen und selbst Kriege unbeschadet überstanden. Doch seit der Guinea-Affäre erscheinen die Landsleute draußen als Märtyrer, die schutzlos einer fremden, feindlichen Umwelt ausgesetzt sind -- von der Heimat im Stich gelassen,

Bonn geriet unter heftigen Beschuß. Kanzler Brandt und Außenminister Scheel hatten über ihre Rettungsversuche für Seibold und Marx Rechenschaft abzulegen. Entwicklungs-Minister Eppler mußte Maßnahmen für die Zukunft erdenken.

In dieser Woche spricht er in New York mit dem Leiter des Uno-Entwicklungsprogramms Paul Hoffman darüber, ob sich die Vereinbarungen für Uno-Experten ausweiten lassen auf Mitarbeiter nationaler Institutionen. Die Uno-Leute genießen einen quasi-diplomatischen Status: Sie sind vor Verhaftung geschützt, Ihr Gepäck darf nicht beschlagnahmt werden, mündliche oder schriftliche Äußerungen dürfen nicht Anlaß von Verfolgungen sein.

Im Ernst glaubt Eppler freilich selbst nicht, daß die angestrebte Statusverbesserung den deutschen Experten in allen Krisen Schutz bieten könnte, denn »schließlich sind in der letzten Zeit mehr Diplomaten Opfer von Gewaltakten geworden als Entwicklungsexperten« (so Eppler).

Entscheidender als Pässe oder bilaterale Vereinbarungen sind in solchen Fällen noch immer die richtigen diplomatischen Reaktionen -- und vor allem das Gewicht der Beziehungen für die Wirtschaft des Gastlandes.

So verdammten die USA eifrig die »portugiesische Invasion« in Guinea. Präsident Nixon schickte eine Botschaft der »Sympathie und Unterstützung« an Sekou Touré, dazu eine Lebensmittelspende im Wert von 17 Millionen Mark als »Beitrag zum Wiederaufbau«.

Tatsächlich geschah den 159 Amerikanern in Guinea nichts. Sekou Touré griff die Nato hysterisch an, aber gegen die Führungsmacht des Bündnisses, die USA, fiel kein böses Wort.

Hauptgrund für Guineas Zurückhaltung gegenüber Washington ist die Beteiligung der amerikanischen Harvey-Aluminium an der nicht einmal halbstaatlichen »Compagnie des Bauxites de Guinée«. Nach dem 1963 geschlossenen Gesellschaftsvertrag zwischen Guinea und Harvey beträgt der private Anteil 51 Prozent. Der Sozialist Sekou Touré, der -- schon 1968 -- die Pan American Airways und die Entwicklungshelfer vom US-Friedens-Corps aus seinem Lande verjagte, hat die Bauxit-Schürfer nie angetastet: Nur sie bringen ihm nennenswerte Devisen.

Die Amerikaner scheinen auch durch die jüngsten Ereignisse keineswegs erschreckt zu sein. Das State Department letzte Woche auf die SPIEGEL-Frage nach den US-Investitionen in Sekou Tourés Reich: »Sehr bedeutend und steigend.« Schon 1968 hatten die Amerikaner in Guinea knapp eine halbe Milliarde Mark im Bauxit-Geschäft investiert. In Guineas Erde liegt die Hälfte der Bauxit-Vorräte der Welt.

Der Vatikan versuchte am letzten Donnerstag die Vereinigten Staaten in seine Bemühungen um Begnadigung der in Conakry zum Tode Verurteilten einzuschalten. Das Bonner Auswärtige Amt verspricht sich im Fall des Adolf Marx mehr von Interventionen befreundeter afrikanischer Staaten bei Guinea, das letzten Freitag die Beziehungen zu Bonn abbrach.

Besonders wütend waren die Guineer auf den inhaftierten Brauerei-Direktor: Radio Conakry zufolge sollte er ihnen beim angeblich geplanten Putsch ihr Bier -- Marke »Sobragul« -- vergiften.

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