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UMWELT Gift im Gras

Gefährliche Blei- und Cadmiumwerte entdeckten Wissenschaftler in einem Landstrich zwischen hessischen Ballungszentren. Die Verursacher sind bekannt - aber sie dürfen das Gift weiter produzieren.
aus DER SPIEGEL 40/1980

Walter Vollmer, Bürgermeister im südhessischen Biebesheim, war sich seiner Sache sicher. »Nach allem, was ich weiß«, verkündete der Sozialdemokrat noch Anfang September seinen Mitbewohnern, »ist unser Raum unbelastet.«

Er wußte wohl nicht alles. Im Haus des hessischen Umweltministers Karl Schneider (SPD) lagen, kaschiert vor der Öffentlichkeit, längst schon Gutachterdaten vor, die schier das Gegenteil beweisen. Laut Gutachten wurden in der Region um Kühkopf und Knoblauchsaue im hessischen Ried, der letzten klimatisch und lufthygienisch wirksamen Fläche zwischen den Ballungszentren Rhein-Main und Rhein-Neckar, in den Staubniederschlägen monatelang überdurchschnittlich hohe Anteile an Blei und Cadmium gemessen, bis zum Dreifachen der zulässigen Immissionswerte.

Und, schlimmer noch, bei weiteren Nachforschungen entdeckten Wissenschaftler der Universität Gießen die Mensch und Tier gefährdenden Schwermetall-Konzentrationen auch anderswo, in Salat und Grünkohl, in Rüben und Weidegras der anliegenden Gemüsebauern und Landwirte.

Pflanzenökologische Untersuchungen, vorgenommen im Auftrag des Wiesbadener Umweltministeriums, förderten alarmierende Werte zutage. So wurden etwa in den Graskulturen 69,43 Milligramm Blei pro Kilogramm geortet -- das Siebenfache des erlaubten Mittelwertes von 1 mg, der freilich Öko-Experten als schon zu hoch angesetzt gilt.

Vergiftet ist auch der Boden im Ried. Mindestens 16 Quadratkilometer zwischen Biebesheim und Gernsheim, die untersucht wurden, müssen als schwer belastet gelten. Naturwissenschaftler der Technischen Hochschule S.94 Darmstadt sprechen bereits von »irreversiblen negativen Folgen«.

Für die Region in Südhessen ist Verseuchung nichts Neues. Bereits 1974 hatte der SPIEGEL berichtet, daß bei Gernsheim im Werksgelände des Pharmaunternehmens E. Merck AG 90 000 Tonnen des hochgefährlichen Hexachloryclohexan (HCH) unsachgemäß lagern.

Im vergangenen Jahr entdeckten Chemiker dann Höchstmengen des schleichenden Giftes in der Milch. Das Umweltministerium aber sah, obschon frühzeitig informiert, jahrelang keinen Grund, den Giftmilchstrom zu stoppen.

Ähnlich wie in der HCH-Affäre von 1979 lassen sich auch jetzt wieder potentielle Verursacher der Verseuchung ausmachen. Denn was da alles auf Land und Leute rieselt, Pflanzen und Erdreich vergiftet, weist »eindeutig auf spezifische Emittenten hin«, so die Gießener Biologin Lore Steubing -- das Pharmawerk Merck, die landeseigene Altöl-Verbrennungsanlage der Hessischen Industriemüll-GmbH (HIM) sowie die Firma AK-Chemie, die Zusätze zum Flugzeugbenzin produziert und dabei große Mengen Blei verflüssigt.

Was etwa bei AK-Chemie aus den Abgaskaminen quillt, gibt »Anlaß zu erheblichen Bedenken«, so der Darmstädter Umweltexperte Norbert Wolters, der die Belastungen bei Biebesheim analysiert hat. Insbesondere die organischen Bleiverbindungen werden in einer Menge freigesetzt, die »mit kritisch nur unzureichend beschrieben ist« (Wolters).

Nicht anders beim HIM-Betrieb, der mit technisch überalterten Öfen läuft und »längst hätte stillgelegt werden müssen«, wie Karl Otto Zubiller, Baudirektor im Umweltministerium, freimütig zugibt. Aus HIM-Schornsteinen weht Blei und Cadmium in Massen und unzureichend gefiltert. Immerhin soll jetzt ein Neubau her, der hessischen Sondermüll laut Zubiller »absolut emissionsfrei« vernichtet.

Doch noch gehören die Flächen um AK Chemie und HIM, unweit von Wohngebieten und umgeben von Ackerland, »zur höchsten Bleibelastungsklasse«, wie Messungen des Instituts für Pflanzenökologie der Universität Gießen ergaben. Den betroffenen Bürgern in Biebesheim und Gernsheim blieben die rundum alarmierenden Resultate gleichwohl verborgen.

Derweil sieht das Sozialministerium »keine akute Gefährdung der Bevölkerung«. Womöglich deshalb, weil noch weitgehend unerforscht ist, in welcher Konzentration die Schwermetalle Blei und Cadmium dem Menschen schaden. Nur daß sie schaden, ist todsicher.

Schon geringe Mengen Blei und Cadmium, aufgenommen durch Luft und Lebensmittel, speichern sich im menschlichen Organismus und können zu schweren Erkrankungen wie Lähmungen, Lungenblähung, Bronchial- und Prostatakrebs führen. Und drin im Leib ist das giftige Zeug ganz schnell -- über Futtermittel und Vieh oder direkt über Nahrungsmittel wie Gemüse, Getreide und Milch.

Obwohl die Folgen einer Schwermetallvergiftung seit den Bleiskandalen von Oker und Harlingerode, Idstein und Krautscheid (SPIEGEL 12/1980 und 22/1980) geläufig sein müßten, ist den Hessen für ihr verseuchtes Ried noch nicht viel eingefallen. Zunächst mal ist geplant, so ein Ministerialbeamter, die »landwirtschaftliche Nutzfläche stark zu reduzieren«.

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