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BELGIEN Gift Im Mantel

Brüssel hat Amsterdam den Rang als wichtigster Rauschgift-Ausladeplatz abgelaufen: dank besonders laxer Gesetze.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Die beiden zierlichen Asiatinnen, Passagiere des Flugs SN 286 von Kuala Lumpur, taten sich bei ihrer Ankunft auf dem Brüsseler Flughafen Zaventem schwer mit ihren Koffern. Knapp 50 Meter hinter der Paßkontrolle waren die zwei Malaysierinnen ihre Last los. Zollbeamte prüften das Gepäck -- und fanden im doppelten Boden über sechs Kilo Heroin.

Stunden später verhafteten Beamte der belgischen Rauschgiftbrigade fünf Landsleute der beiden Frauen. Die Polizisten fanden bei ihnen die Schlüssel, die in die Schlösser der beschlagnahmten Koffer paßten. Ziel des Heroins im Werte von rund 1,3 Millionen Mark, nur soviel wollten die Malaysier gestehen, war Amsterdam.

Seit Jahresbeginn war es das fünfte Mal, daß Beamte des Sonderdezernats und die Zöllner auf dem Flughafen Zaventem fündig wurden. Meist fanden sie Rauschgift bei Passagieren, die gerade dem Ostasien-Flug SN 286 enstiegen waren. Am 4. Januar stoppten die Brüsseler Beamten den Passagier Kar Meng aus der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. In seinen dicken Mantel hatte er 3 Kilo Heroin eingenäht.

In der folgenden Woche beschlagnahmte nach der Zwischenlandung von SN 286 in Wien die österreichische Polizei 15 Kilo Heroin. Wenige Stunden später, nach Landung des Drogenbombers in Brüssel, übertrafen die Belgier das Spürergehnis ihrer österreichischen Kollegen. Sie filzten zehn Malaysier und fanden in doppelten Kofferböden, in ausgehöhlten Früchten und gar in den »Präservativen der Exoten insgesamt 25 Kilo des Rauschgiftes.

Zwei Wochen danach ging den Zöllnern eine junge Holländerin ins Netz. Sie hatte im doppelten Boden ihres Koffers drei Kilo Heroin geschmuggelt. Wiederum 14 Tage später fanden die Polizisten in den Koffern zweier Malaysier ebenfalls drei Kilo Heroin »brown sugar«.

»Ich bin mit der Arbeit unserer Beamten zufrieden«, freute sich Belgiens Justizminister H. Vanderpoorten über die Erfolge seiner Polizei: 60 Kilo Rauschgift seit Anfang 1975, für die Großhändler im Untergrund ein Verlust von über vier Millionen Mark.

Amsterdam wird als Direktziel für die Verschiffung der Rauschgiftproduktionen aus dem »Goldenen Dreieck« zwischen Thailand, Burma und Laos neuerdings ausgespart. Zu sehr fürchten die Lieferanten die strengen Kontrollen auf dem Flughafen Schiphol und die neuerdings harten Strafen der niederländischen Justiz für Rauschgifthändler.

Die belgischen Fahnder glauben, daß die veralteten belgischen Gesetze gegen den Rauschgifthandel Brüssel als Hauptausladeplatz für asiatisches Heroin attraktiv gemacht haben. »Belgium, two years«, beruhigten sich festgenommene Malaysier in Brüssel. Und Justizminister Vanderpoorten gesteht, die Höchststrafe von zwei Jahren für schwere Rauschgiftvergehen sei »nicht mehr zeitgemäß«.

»Belgien ist das schwächste Glied in der europäischen Kette«, bedauerte auch Oberst Léon Francois, jugendlicher Chef der belgischen Rauschgiftbrigade. In Holland und allen anderen europäischen Ländern wirkten strengere Strafen für Rauschgifthändler wenigstens teilweise abschreckend.

Seit 1971 liegt dem belgischen Parlament ein Entwurf für ein neues Rauschgiftgesetz vor. Danach sollen Drogenvergehen mit fünf Jahren Freiheitsentzug, im Wiederholungsfall zehn Jahren Zuchthaus bestraft werden. Überdies sollen staatliche Rehabilitationszentren für Süchtige den Rauschgiftmarkt austrocknen. Zahlreiche Regierungswechsel, denen meist Neuwahlen vorausgingen, haben die Verabschiedung dieses Gesetzes vier Jahre lang verhindert.

Bis es soweit ist, dürfte der Markt besonders in Holland weiter über Brüssel versorgt werden. Denn zwischen Belgien und Holland kontrollieren die Grenzer nur noch den Güterverkehr. Wie abhängig der niederländische Rauschgiftmarkt vom Anlandeplatz Brüssel ist, illustrierte die Beschlagnahme der 25 Kilo Heroin auf dem Flughafen Zaventem: Am Tag darauf mußten die Kleinhändler in Amsterdam das Dreifache des bis dahin gängigen Preises bezahlen.

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