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UMWELT Giftiger Nebel

Waldsterben in Kalifornien - erstmals sind auch die berühmten Redwoods betroffen. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Peter Schütt, Professor für Forstbotanik in München, ist Kummer gewohnt. Als einer der ersten entdeckte er in der Bundesrepublik das Waldsterben und rief schon vor Jahren den »ökologischen Notstand« aus.

Bei seiner jüngsten Forschungsreise in die USA war er zunächst ganz erleichtert: In den San Bernardino Mountains 120 Kilometer östlich von Los Angeles, dem einzigen bislang bekannten Waldschadensgebiet Kaliforniens, haben einige regenreiche Jahre und strenge Abgasvorschriften die Bäume vorläufig gerettet. Auch im Yosemite-Nationalpark sah Forstexperte Schütt nichts, »was mich besonders erschreckt hätte«.

Doch auf dem Weg ins Küstenstädtchen Monterey, 140 Kilometer südlich von San Francisco und nicht allzu weit entfernt von der Kreuzung, an der einst James Dean tödlich verunglückte, bemerkte Schütt völlig unerwartet Bäume »die einen jämmerlichen Eindruck machten« - gelbliche Nadeln, lichte Kronen, herauswachsende Triebe auf der Oberseite der Äste: »Es war zum Heulen.«

Entlang der Pazifikküste, bis hinauf nach Oregon, bot sich überall das gleiche Bild: kranke Bäume nun auch im »Mecka der Forstleute«, wie der kalifornische Küstenstreifen wegen seines einzigartigen Klimas gern genannt wird.

Bislang schufen gleichmäßige Meereswinde, ausgeglichene Temperaturen und zahlreiche Niederschläge ideale Bedingungen - in dieser Umgebung, und nur dort, gedeihen die Redwoods (Sequoia sempervirens), für den kalifornischen Schriftsteller Sedgefield Thomson »der Adel der Pflanzenwelt«. Sie können über 2000 Jahre alt und bis zu 110 Meter hoch werden.

Ihre harzlose Rinde schützt die Redwoods wie ein Asbestmantel vor Feuer, Insekten konnten ihnen bisher nichts anhaben. Auch wenn die weißen Siedler etwa 90 Prozent der einstigen Bestände fällten - die Kalifornier erhoben den Redwood zum Staatsdenkmal.

Jetzt schätzt Schütt, daß schon jeder zweite Redwood geschädigt ist. Sogar in den besonders nährstoffreichen Flußauen, den sogenannten »groves«, mußte der Forstwissenschaftler manchmal tagelang suchen, bis er einen gesunden Redwood photographieren konnte.

Wie seit Jahren in der Bundesrepublik und auch im Osten der USA siechen als erste die alten Bäume dahin. Jahrhundertealte Redwoods verändern plötzlich ihr Erscheinungsbild, wirken zerzaust, »als ob sie ein halbes Jahr nicht gekämmt worden wären« (Schütt). Aber auch kleine, erst mannshohe Bäumchen, die an Lichtungsrändern stehen, sind betroffen.

Neben den Redwoods kränkeln auch einige andere Arten - etwa die Western Red Cedar (westliche Hemlockstanne) und die Douglasie, ein Nadelholz, das in Mitteleuropa schon seit langem zu den Opfern des Waldsterbens zählt.

US-Wissenschaftler, Förster und Ranger haben die neue Bedrohung bislang kaum wahrgenommen: Geknickte und angefaulte Stämme sind in den weitläufigen, vergleichsweise wenig gepflegten Wäldern der USA normal, Schäden an einem Fünftel des Bestands kommen

häufig vor. Außerdem wollen viele die heraufziehende Katastrophe nicht wahrhaben - wie noch vor Jahren auch in Mitteleuropa, wird sie verdrängt.

Die Ursache des jähen Baumsterbens an Kaliforniens Küste schien zunächst unklar: Die Wälder wurden nicht von Schädlingen heimgesucht, extreme Klimaschwankungen sind nicht aufgetreten, und in der näheren Umgebung werden auch keine größeren Schadstoffmengen freigesetzt.

Schütt vermutet, daß »der Wald an Dauerstreß stirbt«, an einer schleichenden Vergiftung durch geringe, aber stetig anfallende Mengen von Luftschadstoffen. Insgesamt aber bleibe die Erkrankung der Bäume ein »mysteriöses Ereignis.

Nur nebenbei ist ihm aufgefallen, daß alle geschädigten Bäume »in ausgesprochenen Nebellagen« stehen. Für die Redwoods ist der sommerliche Nebelgürtel entlang der kalifornischen Küste lebenswichtig.

Vielleicht ist es aber gerade dieser Nebel, der jetzt plötzlich die Wälder ruiniert. Drei US-Forscher, Dwight E. Glotfelty, Louis A. Liljedahl und James N. Seiber, haben auf Feldern nahe der Hauptstadt Washington und im kalifornischen San Joaquin Valley, einer der fruchtbarsten Regionen der Welt, mit Hilfe von Ventilatoren Nebelproben gesammelt und dann untersucht.

Obwohl zunächst Staub und andere feste Teilchen herausgefiltert wurden, blieb eine blaßgelbe, seifenähnliche Flüssigkeit zurück. Bei einer der Proben wurde ein pH-Wert von 2,42 gemessen - fast so sauer wie Zitronensaft und saurer als jeder Saure Regen.

Als die mikroskopisch kleinen Nebeltröpfchen genau analysiert wurden, fanden die Wissenschaftler mehr als ein Dutzend giftiger Bestandteile - und oft die vieltausendfache Menge dessen, was bisher angenommen worden war.

Im Giftcocktail dominierten vor allem insekten- und unkrautvernichtende Chemikalien, etwa: *___hochgiftiges Parathion besser bekannt als E 605, ein ____Pflanzenschutzmittel, bei dem schon der Hautkontakt mit ____einer Teelöffelmenge zum Tod führen kann; *___Diazinon, das ebenso wie andere Pflanzenschutzmittel ____unter dem Verdacht steht, das Fortpflanzungssystem zu ____schädigen; *___Malathion, dessen Wirkung sich zusammen mit anderen ____Phosphorsäureresten (zum Beispiel E 605) verstärkt; und *___Atrazin, das selbst nach einmaliger Anwendung noch acht ____Jahre später in der Erdkrume vorhanden ist.

Schon bisher war bekannt, daß beim Versprühen von Agrarchemikalien ein Teil der Dämpfe in der Luft verbleibt. Rückstände im Nebel, dazu noch in solch hohen Konzentrationen, waren aber nicht vermutet worden.

Die Untersuchungen des US-Forscherteams, kürzlich im britischen Fachblatt »Nature« veröffentlicht, weisen nun einen ganz neuen Weg. Offenbar gilt: Sobald es einem Giftstoff gelingt sich an der Oberfläche eines Nebeltröpfchens festzusetzen oder in dessen Inneres einzudringen, wird es auch für andere Chemikalien um so leichter, sich einzunisten. Außerdem wurden im Nebel Giftstoffe gefunden, die in der Luft ringsherum gar nicht vorhanden waren.

Die Nebeltröpfchen können sich auf den Pflanzenblättern sammeln und werden von ihnen besser aufgenommen als vorbeiziehende Schwaden. Wenn die Tröpfchen trocknen, hinterlassen sie einen dichten Film - ein perfekter Pflanzenkiller.

Auch Menschen sind durch den giftigen Nebel gefährdet. »Die Tröpfchen bleiben in der Lunge hängen«, warnt der Toxikologe James Seiber von der University of California in Davis.

Ob sich die Pflanzenschutzmittel auch in Regenwolken konzentrieren können, ist noch unbekannt. Besonders beunruhigend: Die Nebelproben wurden im Winter eingesammelt, zu einer Jahreszeit, in der fast keine Pestizide versprüht werden.

Die alarmierenden Forschungsergebnisse in den USA könnten nun die festgefahrene Diskussion um das Waldsterben in Mitteleuropa neu beleben: Alle wichtigen Schadstoffe, die im kalifornischen Giftnebel entdeckt wurden, sind auch in der Bundesrepublik im Handel. Allein der Wirkstoff Atrazin ist in 70 verschiedenen marktgängigen Produkten enthalten.

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