Zur Ausgabe
Artikel 19 / 70
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ULBRICHT-LANDSITZ Gitter im Schlot

aus DER SPIEGEL 37/1966

Einst spazierte, im grün-ledernen

Weidmannswams, der Reichsmarschall Hermann Göring durch das Gelände; zuweilen kommandierte er, statt seiner Luftwaffe, eine Miniatur-Eisenbahn. Dann kamen Rotarmisten und ballerten mit Maschinenpistolen auf die Hirsche und Muffelböcke, die der Reichsjägermeister angesiedelt hatte.

Heute ist die »Schorfheide« in der Mark Brandenburg wiederum Domizil eines Staatsmanns: Am Großen Döllnsee, nahe den Trümmern der 1945 gesprengten Göring-Residenz »Karinhall«, ließ sich DDR-Souverän Walter Ulbricht einen stattlichen Herrensitz bauen.

Er zählt zu den geheimsten Geheimnissen der DDR - nicht einmal gehobene Funktionäre wissen von seiner Existenz.

Kern der Zufluchtstätte ist ein ehemaliges Jagdhaus aus der Göring-Erbmasse, das nach den Wünschen des DDR-Staatschefs zu einem aufwendigen Bauwerk umgestaltet wurde.

Mit Planung und Bau der gesamten Anlage beauftragte die Partei den Architekten und vormaligen West-Berliner SSD-Agenten Heinz Gläske und seinen In Bernau stationierten »Sonderstab 10«. Gläske besaß einschlägige Erfahrung - seine Leute haben das Prominenten-Getto Wandlitz aufgemauert (SPIEGEL 38/1960). Binnen weniger Monate entstanden im Krisensommer 1961 auf dem Heide-Areal vier Betonstraßen, 16 Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie aufwendige Sicherungsanlagen.

Prunkstück: Ulbrichts Landhaus am See, mit elf Räumen im Erdgeschoß und vierzehn Zimmern im Obergeschoß. Die Ausstattung wurde auf den dreifachen Nutzungszweck des Bauwerks abgestimmt: Es dient

- dem Ehepaar Ulbricht als Freizeitrefugium,

- der Parteiführung als geheimer Konferenzplatz,

- dem Staatsrat der DDR als Ort repräsentativer Empfänge für hohe ausländische Partei- und Regierungsgäste.

Der Haupteingang an der Nordseite des Hauses - massive Eichentüren im Marmorrahmen - führt in eine Empfangshalle mit Marmorfußboden, Sitzgruppen, Garderobe und zwei Telephonzellen, an den Wänden Bilder im Stil des »sozialistischen Realismus«.

An die Halle grenzen drei kleinere Gesellschaftsräume - mit Blick auf Terrasse und See, schwere Orientteppiche auf den Parkettfußböden, die Fensterwände mit kostbaren Stoffen dekoriert. Nur durch Falttüren voneinander getrennt, können sie zu einem großen Empfangsraum erweitert werden.

Das kleinste der drei Gemächer dient als, Speise-, Konferenz- oder Fernsehzimmer. Mit dem mittleren Raum verbunden, wandelt es sich zu einem Kino -Saal: Die Filme werden durch Öffnungen in der Westwand - sonst mit Vorhängen verdeckt - an eine Leinwand im mittleren Zimmer projiziert.

Ist nicht gerade Kino-Abend, wird dieser Mittelraum als Kaminzimmer benutzt. Eichenbalken unter der Decke und eichengeschnitzte Leuchter an schmiedeeisernen Ketten suggerieren altdeutsche Gemütlichkeit.

Eher modern hingegen ist die Ausstattung des dritten und größten der drei Räume gehalten, des sogenannten Kristallzimmers. Allein seine Beleuchtungskörper haben rund eine Million Mark gekostet: Lüster und Wandlampen aus kupferfarbenem, geschliffenem Bleikristall und einem Gespinst verknüpfter und gebündelter Goldfäden.

Wie die Leuchten (aus einem volkseigenen Glaswerk in Thüringen), so sind auch die Möbel dieser drei Zimmer gesondert gefertigt worden. Das Material: für DDR-Normalverbraucher nicht erhältliche afrikanische Edelhölzer.

Der Drei-Zimmer-Flucht schließt sich ein »Wintergarten« an - mit beheiztem Marmorfußboden und kugelsicherer Glaswand zum See. Eine Flügeltür führt zur Terrasse, eine weitere in den vier Meter hohen Festsaal.

Auch dessen Marmorboden ist beheizbar, die drei Fensterfronten sind kugelsicher. Mit dunklem Afrika-Holz sind die Wände des Prachtraums verkleidet, und die Decke schmücken quadratische, goldfarbene Kassetten. Vier verschiedene Möbelausstattungen stehen wahlweise für den Festsaal bereit.

Ulbrichts Privatzimmer liegen an der Nordfront des Hauses: das durch einen Vorhang unterteilte Schlaf- und Ankleidezimmer, versehen mit einer Telephon-Batterie, und das kleinere Wohnzimmer. Die Toilette des Hausherrn ist mit einem Ventilator ausgerüstet, der sich beim Öffnen des Deckels geräuschlos in Gang setzt.

Auch für den Ernstfall ist vorgesorgt: Vom Küchentrakt aus führt die Treppe in Ulbrichts Bunker aus Stahlbeton, mit Polsterbänken vor rosafarbenen Wänden und einer Hausbar im Mittelpfeiler.

Die Wohnräume für das Personal und die Gäste-Quartiere liegen sämtlich im Obergeschoß: neun kombinierte Wohnschlafzimmer und zwei Gäste-Appartements mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad.

Süd-, West- und einen Teil der Nordfront des Gebäudes umgibt die mit Liegestühlen, Sonnenschirmen und Gartenmöbeln ausstaffierte Terrasse, davor ein gepflegter, von Eichen, Kastanien und Trauerweiden bestandener Rasen, der sich bis zum schilfbewachsenen See-Ufer hin erstreckt. Über Stege führt der Weg zu zwei Bade- und Bootshäusern im See. Ein großer Springbrunnen und nachts beleuchtete Spazierpfade verschönen die parkartige Gartenanlage, die, wie das Haus selbst, von der Straße her durch dichten Kiefernbestand und Gesträuch gegen Einsicht beschirmt ist.

Bei allem Komfortstreben aber hat der Hausherr die Pflicht zur Leibeserziehung nicht vergessen: Getreu seiner Losung »Jeder Mann an jedem Ort einmal in der Woche Sport« ließ sich Ulbricht östlich des Landhauses und gleich neben dem Häuschen, das von einem Dienerehepaar bewohnt wird, eine Turnhalle, eine Schießbahn und einen Volley-Ball-Platz bauen.

Alles, was dazu dient, die rote Datscha in Gang und Stand zu halten, ist - vom Landhaus aus unsichtbar - im nördlichen Abschnitt des Geländes untergebracht. Dort stehen, nebst Wohnhaus des Verwalters, die Gärtnerei mit Gemüseplantagen, die Garagen mit der Werkstatt, das moderne Heizhaus (fünf Öl-Heizkessel, zwei 50 000-Liter-Tanks), das automatische Kraftwerk (Ölvorrat: 150 000 Liter). Zu den Wirtschaftsgebäuden zählt schließlich das Kompaniehaus der Objektwache. Es birgt fünf Mannschaftsschlafräume mit je zwölf Betten, einen Unteroffiziersraum mit zehn und ein Offiziersquartier mit vier Schlafstätten.

Die Wachsoldaten schieben im Achtstundenturnus Dienst rund um die Uhr. Zu ihrem Arsenal gehören Spürhunde, Fahrräder und Geländewagen. Bewaffnung: Maschinenkarabiner vom sowjetischen Typ »Kalaschnikow« (Munitionsvorrat jedes Postens: 90 Schuß), leichte Maschinengewehre »Degtjarew« (je 200 Schuß) und Nebel-Wurfkörper. In den Magazinen lagern Handgranaten und Granatwerfer vom Kaliber 82 mm; das Tragen des Stahlhelms auf Wache ist Vorschrift.

Vom Streifendienst abgesehen, wird das gesamte Objekt durch eine Sondereinheit des Staatssicherheitsdienstes (SSD) gesichert. Ihr Quartier liegt nahe der Hauptzufahrt in einem Gebäudekomplex, der Waffenkammer, Werkstätten, die Objekt-Feuerwehr sowie Telephon- und Funkzentrale beherbergt.

In einem Kontrollraum überwacht der diensthabende SSD-Mann die Alarmanlagen, mit denen sämtliche Schlösser und Fenster ausgerüstet sind. Und dort läßt sich auf einer Leuchttafel ablesen, ob und wo die Infrarot-Strahlensperre durchbrochen wird, die sich längs des Sperrzauns um den Wohnbezirk zieht. Äußerster Sicherungsposten ist die Wache am vergitterten Haupttor, wo sich ständig zwei SSD-Leute und ein Doppelposten der Wachkompanie aufhalten.

Nicht einmal durch den Schornstein vermögen Übeltäter Walter Ulbricht heimzusuchen: Im Schlot seines Hauses stecken zwei Schutzgitter, die elektrisch gesichert sind. Werden sie angesägt, gibt's Alarm.

Bauherr Ulbricht*

Datscha am Schilf

Göring-Residenz Karinhall

Unter Eichen SSD

* Mit Adoptivtochter Beate (M.) und Ehefrau

Lotte Ulbricht.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 19 / 70
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.