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BUNDESWEHR Glanz auf die Helme

aus DER SPIEGEL 37/1966

Gleißendes Scheinwerferlicht der Fernsehtrupps erhellte das symbolträchtige Bild: Auf einem Podest vor dem Offizierkasino des Fliegerhorstes Wahn standen der geschallte Luftwaffenchef, Drei-Sterne-General a. D. Werner Panitzki, und neben ihm der neue Generalinspekteur, der eben beförderte Vier-Sterne-General Ulrich de Maizière, beide wie versteinert.

Hinter ihnen, eine Stufe tiefer, wechselte Bundesverteidigungsminister und Oberbefehlshaber Kai-Uwe von Hassel

- mit schwarzem Paletot, Homburg und obligatem weißem Seidenschal - alle zwei Minuten das Standbein. Die Handschuhe jedoch, die laut militärischer Kleidervorschrift zum Mantel gehören, fehlten.

Die Luftwaffe verabschiedete ihren Inspekteur mit Fackelglanz und Musik: Großer Zapfenstreich.

General de Maizière starrte wie erblindet geradeaus. Seine Augengläser erinnerten an die Gasmaskenbrille des Unteroffiziers Beckmann, der im Bühnenstück »Draußen vor der Tür« gleich nach 1945 seinen früheren Obersten immerfort nach dem Sinn des angezettelten und verlorenen Krieges fragte.

Auch Panitzki verharrte steif. Allerdings verrieten heftig zuckende Backenmuskeln die aufgestaute Wut. Und die Handschuhe konnten das nervöse Spiel der Finger nicht verbergen.

Der feine Unterschied in der Parade -Aufstellung - die Generale oben, Hassel unten - hatte seinen Sinn. Ursprünglich hatte Hassel zum Zapfenstreich für Panitzki nicht antreten woller. »Ich habe nichts dagegen, aber ich gehe nicht hin.« Der Minister erschien dann doch, aber »nicht als Gastgeber, sondern als Gast der Luftwaffe« (von Hassel). An der Henkersmahlzeit für Panitzki dagegen, die vor dem Zapfenstreich eingenommen wurde, nahm der Minister nicht teil. Die Fliegerposten vor dem Kasino des Stützpunktes Wahn sagten: »Wir haben Befehl, keinen Zivilisten durchzulassen.«

Nachdem der Zapfenstreich verklungen und das Dankgebet »Ich bete an die Macht der Liebe« sowie die Nationalhymne verhallt waren, zeigten Hassel und Panitzki gleichermaßen Eile. Der verabschiedete General drängte seine Frau Rita: »Wir fahren sofort nach Hause.«

Der Verteidigungsminister sprach verlegen den nächstbesten Fliegergeneral an, während Panitzki ihm zum Abschiedsgruß hastig die Hand reichte. Hassels Fahrer verkürzte seinem Dienstherren die Peinlichkeit: »Herr Minister, Ihr Wagen steht bereit.«

Drei-Sterne-General Hoffmann, Kommandierender der Luftwaffengruppe Nord in Münster, drückte dem abgehalfterten Luftwaffeninspekteur um so heftiger und länger beide Hände und sprach ihm Trost zu: »Kopf hoch!«

Was dann, nachdem die Prominenz abmarschiert war, auf der Wahner Heide folgte, kommentierte der General: »Dieser Marzipan-Armee ist nicht mehr zu helfen.«

Ein Kameramann des Deutschen Fernsehens hatte geklagt, ihm seien keine guten Aufnahmen gelungen. Musikkorps und Ehrenkompanie des Bonner Wachbataillons rückten aufs neue an. Die Spielleute pfiffen und schlugen abermals das Locken und die Wirbel, der Fernseh-Arrangeur kommandierte: »Mehr Glanz auf die Helme, zwei Fünfer (5-Kilowatt-Lampen) vor.«

Zwei Tage später klappte es besser: Am Mittwochabend wurde im Bundeswehr-Hauptquartier auf der Bonner

Hardthöhe dem scheidenden Generalinspekteur Trettner der Abschieds -Marsch geblasen.

Diesmal hatte von Hassel die Rolle des Gastgebers und Prinzipals übernommen, und der entbehrlich gewordene Generalinspekteur Heinrich Trettner, für den das Schaustück veranstaltet wurde, ließ mit seinen glatten Manieren keine Verlegenheit aufkommen.

Vorher jedoch hatte Trettner angekündigt: »Wenn Herr Gumbel, etwa in Vertretung des Ministers, den Zapfenstreich befiehlt, dann komme ich nicht.« Und noch während des Empfangs, zu dem Hassel nebst Gattin vor dem Zapfenstreich ins Kasino des Verteidigungsministeriums gebeten hatten, drohte Trettner ungewohnt laut: »Wenn Herr Gumbel kommt, gehe ich.«

Doch Karl Gumbel, Verteidigungsstaatssekretär und nach Meinung des Wehrreformers General Graf Baudissin »der Mann, der an allem die Schuld hat«, blieb unsichtbar.

Dagegen war der erste Generalinspekteur der Bundeswehr, Adolf ("Befehl im Widerstreit") Heusinger, in schwarzem Empfangszivil zur Stelle, aber nur bedingt aussagebereit: Zur rechten Zeit und am rechten Ort werde er den Mund aufmachen.

Als sich die Zapfenstreich-Kolonne mit Beethovens »Marsch des Yorckschen Korps« dem Kasino näherte, faßten Trettner, Hassel und Maizière davor Posten - Trettner ganz vorn, Hassel und Maizière links und rechts rückwärts gestaffelt.

Die Serenade, das Konzertprogramm vor dem Zapfenstreichritual, endete - wie im Jahre 1926 beim Abschied des Reichswehrchefs Hans von Seeckt -mit dem Hohenfriedberger Marsch, den ein leidenschaftlicher Parteigänger Seeckts damals wortstark als »Abendmahlmusik des Männersterbens« umschrieben hatte.

Als alles vorüber war, gab Trettner seinen letzten Befehl. Zum Kommandeur des Wachbataillons: »Ich danke Ihnen schön. Bitte, rücken Sie ab.«

Der Verteidigungsminister und sein verflossener Generalinspekteur sagten einander artig Lebewohl. Elfriede von Hassel und Dr. Lotte Trettner, beide diskret im Hintergrund, taten es den Männern gleich. Eine Dame aus der Nachfolgergeneration seufzte teilnahmsvoll: »Mein Gott, wie ist das alles makaber.«

Auch für solche Stimmungslagen hatte der Generaloberst Seeckt, dessen langer Schatten das Urmotiv für den schier unlösbaren Bundeswehr-Konflikt zwischen Zivil und Militär hergibt, die ihm gemäße Lösung gewußt. Seine Abschiedsparole hieß schneidig: »Über Gräber vorwärts.«

Dieser Reichswehr-Seeckt mit seiner unkontrollierten Machtfülle sollte nie wieder auferstehen. Das war der Ausgangspunkt aller Bonner Wehrgesetze, aber auch der schweren Krise, in der sich die Bundeswehr jetzt befindet.

Nachdem die Köpfe Trettners und Panitzkis gerollt waren, schlug diese Krise nun in der vergangenen Woche über dem Haupt des Ministers zusammen. Von Tag zu Tag mehr entlarvte sich von Hassel als ein hilfloser Mann, der, um sich zu retten, jede Rücksicht gegenüber bisherigen Untergebenen fallenließ. Einer seiner Parteifreunde schätzte grob: »Hassels Amtszeit ist höchstens noch nach Wochen zu bemessen.«

Und am Ende vergangener Woche - nach einer Sitzung des Verteidigungsausschusses - war Hassels Ministerium als eine Einrichtung erkannt, die im Kommiß-Jargon Saustall heißt. Fast alle Wehrparlamentarier des Bundestages stimmten mit dem Urteil des SPD -Militärexperten Helmut Schmidt überein: »Bedrückend, bestürzend, erschrekkend.«

Die Selbstenthüllung des Verteidigungsministers begann am letzten Montag, dem Tag des Zapfenstreichs für Panitzki. Vormittags belehrte Hassel die Kommandierenden Generale und Divisions-Kommandeure der Luftwaffe. Die Herren saßen im sogenannten Aquarium, dem Konferenzflügel des Ministerquartiers auf der Hardthöhe. Der Minister hielt erstmals sein Einheitsreferat über die Krise, das er in den folgenden Tagen noch mehrmals wiederholte. Hassels Kernthese: Luftwaffeninspekteur Panitzki ist ein Versager, krank und ahnungslos. Im November vergangenen Jahres hatte der Minister es noch ganz anders gesehen: »Die einzigen, auf die ich mich verlassen kann, sind Panitzki - und Knieper*.«

Betroffen hörten nun die Luftwaffen-Generale die Ausfälle des Oberbefehlshabers gegen ihren abwesenden Kameraden. Widerspruchslos steckten sie den harten Tadel ein und hofften, Hassel werde solch massive Anwürfe taktvollerweise nur hinter verschlossenen Türen vorbringen.

Aber bereits rund eine Stunde später erwies es sich, daß die Generale den Minister zu hoch eingeschätzt hatten. Vor versammelter Presse repetierte Hassel seine Kritik. Auch Menschliches breitete er aus.

Er wurde gefragt: »Wie wird sich der von Ihnen vorgeschlagene neue Luftwaffeninspekteur Steinhoff, der mit General Panitzki befreundet ist, in der Starfighter-Affäre verhalten?«

Hassel beschied den Frager: »Ich will ja nicht aus der Schule plaudern, aber Ihre Annahme (daß Panitzki und Steinhoff befreundet seien) ist nicht zutreffend.« Der Verteidigungsminister ließ Frage und Antwort später aus dem Protokoll streichen.

Von den Zeitungsleuten eilte Hassel zurück auf die Hardthöhe, wo inzwischen die Spitzenränge aller Teilstreitkräfte zur Paroleausgabe versammelt waren. Der Minister sagte wieder seinen Vers auf. Die Generale beschränkten sich auf Informationsfragen. Eine Diskussion fand nicht statt.

Im Kameradenkreis blieb zunächst strittig, ob de Maizière nicht zu eilfertig nach der höchsten militärischen Würde gegriffen und damit Trettners Demonstration entwertet habe. Später erst wurde bekannt, daß der neue Generalinspekteur jene Konzessionen von Hassel erhalten hatte, um die es Trettner gegangen war: jederzeit direkten Zugang zum Minister, am Staatssekretär vorbei.

Am Mittwoch mußte von Hassel seinen Parteifreunden Rede und Antwort stehen. Den Mitgliedern des Arbeitskreises Verteidigung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bot der Minister abermals seine standardisierte Rechtfertigungs-Litanei an. Die Parlamentarier mokierten sich: Diese Rede sei ihnen längst aus den Zeitungen bekannt.

Hassel wurde gerügt, weil er die Führungskrise der Bundeswehr zu lange habe schwelen lassen. Carl Damm aus Hamburg empfahl: »Gumbel muß weg, und das Verteidigungsministerium muß schleunigst reorganisiert werden.« Entgegen sonstigem Brauch versagten es sich die Unions-Politiker, dem Minister ihr Vertrauen zu bekunden.

Am Donnerstag trat der aus den Ferien zu einer Sondersitzung zusammengerufene Verteidigungsausschuß des Bundestages zusammen. CSU-Abgeordneter Friedrich Zimmermann, ein Intimus des Hassel-Vorgängers Franz-Josef Strauß, führte die Verhandlung. Er führte sie im Sinne der massiven Angriffe, die von der CSU seit Tagen gegen Hassel vorgetragen werden. So der »Bayern-Kurier«, das Hausorgan der CSU, letzte Woche: »Den Soldaten der Bundeswehr wird ... vieles zugemutet, doch es scheint, als ob mit den letzten Ereignissen die Schallmauer des Erträglichen allmählich erreicht wird.«

SPD-Militärpolitiker Helmut Schmidt beantragte, die Generale Trettner und Panitzki sogleich in den Sitzungssaal zu bitten, damit sie die Rede ihres Ministers selbst hören und anschließend dazu Stellung nehmen könnten. Zimmermann stimmte sofort zu.

Zivilgekleidet - Trettner mitternachtsblau, Panitzki sommerlich hellgrau -, übersahen die beiden Exmilitärs ihren früheren Oberbefehlshaber, der seinerseits auch keine Anstalten traf, die Pensionäre zu begrüßen.

Hassel brauchte für die neue Auflage seiner Vorwürfe eine Stunde. Als erster antwortete Trettner.

Der General begann mit einem Bekenntnis: »Ich habe als Soldat gelernt, einen Auftrag zurückzugeben beziehungsweise ihn als undurchführbar zu melden, wenn die Mittel zu seiner Ausführung nicht ausreichen. Wider besseres Wissen oder auch nur wider die eigene klare Überzeugung von der Undurchführbarkeit dieses Auftrages unter den gegebenen Verhältnissen im Amt zu bleiben, hielt ich für unzulässig.«

Trettner überschüttete Hassel und Gumbel mit einer Flut detaillierter Gegenvorwürfe (siehe Auszüge Seite 32). Fazit: Er habe lediglich der dritte Mann im Verteidigungsministerium sein wollen. Nicht aber der fünfte.

Die Parlamentarier, die bei Hassel keine Hand gerührt hatten, applaudierten.

Panitzki verhaspelte sich anfangs vor Erregung. Dann trug er vor, wie sein Starfighterbericht, den er zu Beginn dieses Jahres für den Verteidigungsausschuß vorbereitet hatte, »nach Umfang und Inhalt auf ein Viertel« zusammengestrichen worden war (siehe Seite 34).

Staatssekretär Gumbel hatte den Rotstift geführt, weil man »politisch erst einmal über die Runden kommen müßte«. Warum er sich diese Kastration gefallen ließ und selbst dem Kanzler einen Teil seiner Sorgen verschwiegen hatte, erklärte General Panitzki mit der Treue zu seinen Vorgesetzten: »Ich bitte um Verständnis: Nachdem ich mich an die Weisung gebunden gefühlt hatte und auch aus Loyalität handelte, konnte ich dem Herrn Bundeskanzler in Gegenwart des Staatssekretärs nichts anderes erzählen.«

CDU-Abgeordneter Rembert van Delden, U-Boot-Kapitänleutnant der Reserve, nach der Ausschußsitzung am Donnerstag: »Es war vernichtend.«

SPD-Abgeordneter Karl Wilhelm Berkhan. Hauptmann der Reserve: »Wir waren zu allertiefst bestürzt.«

CSU-Zimmermann wollte es bei diesem Eindruck bewenden lassen und die Sitzung schließen. CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender Barzel intervenierte jedoch. Jetzt müsse der Verteidigungsminister noch einmal Gelegenheit haben, sich zu äußern.

Hassel aber konnte die VorWürfe der Generale nicht entkräften. Am Ende stand in vielen Punkten Aussage gegen Aussage. Deshalb will der Verteidigungsausschuß Anfang dieser Woche zu klären versuchen, wer die Hauptschuld an der Bundeswehr-Krise hat - die Zivilisten Hassel und Gumbel oder die Militärs.

SPD-Wehrpolitiker Wienand faßte den Eindruck der Sitzung in einem Satz zusammen: »Im Verteidigungsministerium geht alles drunter und drüber und gegeneinander.«

* Ministerialdirektor und Leiter der Haupt abteilung »Rüstung« im Bundesverteidigungsministerium.

General Panitzki (l.) in Wahn*: Eile nach der Macht der Liebe

Stuttgarter Zeitung

- Von Hassel: »Ich sehe keinen Grund, persönliche Konsequenzen zu ziehen«

* Beim Großen Zapfenstreich mit Minister

von Hassel (M.) und Generalinspekteur de Maizière (r.)

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