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KUNSTSAMMLUNGEN Glanz durch Klee

aus DER SPIEGEL 31/1960

An einem seltsamen Schauspiel ergötzten sich internationale Kunstfreunde am 20. Mai dieses Jahres bei der Ketteter-Auktion zu Stuttgart: Der von der nordrhein-westfälischen Landesregierung in Düsseldorf entsandte Oberregierungsrat Dr. Matthias T. Engels trieb in Konkurrenz mit einem anderen Vertreter der öffentlichen Hand, dem Kustos Paul Pieper vom - ebenfalls nordrhein-westfälischen - Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster, den auf 22 000 Mark taxierten Preis für das »Stadtbild Soest« von Christian Rohlfs auf 41 000 Mark hinauf.

Brüstet sich Engels heute: »Ich hatte von meiner Regierung ein Limit von 45 000 Mark, Pieper konnte nur bis 40 000 Mark.«

Mittlerweile hat der rührige Kunstbeamte Engels auf diversen Auktionen vier weitere Rohlfs-Bilder, sechs Werke von August Macke, vier von Heinrich Campendonk und ein Stück von Max Ernst im Gesamtwert von 310 460 Mark ergattert.

Indes: Dieser Rhein-Ruhr-Run auf die Bildende Kunst hatte mit der Einkaufstätigkeit des Oberregierungsrats Engels seinen Höhepunkt keineswegs erreicht. Unter dem Patronat ihres rheinisch stämmigen CDU-Ministerpräsidenten Dr. Franz Meyers entwickelten die Herren des volkreichsten Bundeslandes einen Plan, der das Land nicht nur eine hübsche Summe Geldes kosten, sondern ihm auch viel Ehre einbringen sollte.

Nachdem sie sich der Zustimmung des Hauptausschusses im Landtag versichert hatten, schritten sie zur Tat: Sie kauften dem Baseler Kunsthändler Beyeler eine Sammlung von 87 Bildern des Malers Paul Klee (1879 bis 1940) ab, die dem US-Industriellen David Thompson gehört hatte. Kaufpreis der zuvor einmal auf 4,2 und ein andermal auf fünf Millionen Mark geschätzten Sammlung: 6,5 Millionen Mark.

Am zweiten Juli-Sonntag wurde eine exklusive Öffentlichkeit ins Düsseldorfer Repräsentations-Schlößchen Jägerhof gebeten, um die Neuerwerbungen zu bewundern. In einem Nebenzimmer waren zugleich die Ergebnisse jener Bilderjagd zu besichtigen, die der Oberregierungsrat Engels in landesherrlichem Auftrag veranstaltet hatte. Die Perspektive jedoch war ungünstig: Aus Platzmangel stand ein Teil der Kunstwerke auf dem glatten Parkett, immer in Gefahr, von der mit Sektgläsern balancierenden Kulturprominenz lädiert zu werden.

In die Ansammlung der illustren Gäste und Bildwerke hinein, sprach dann Franz Meyers jenes Wort, das dem stets wachen Mißtrauen der Völkerschaften zwischen Rhein und Weser neue Nahrung gab: »Im Einverständnis mit allen Fraktionen des Landtags hat die Landesregierung mit dem Ankauf der Paul-Klee-Sammlung nunmehr den ersten Schritt zum Aufbau einer landeseigenen Staatsgalerie zeitgenössischer Kunst getan.«

Nun können sich keineswegs »alle Fraktionen« entsinnen, dem NRW -Regierungschef die Zustimmung zum Aufbau einer Staatsgalerie gegeben zu haben. Franz Meyers hatte es im Gegenteil bis dahin klug vermieden, vom Hauptausschuß des Landtags oder gar vom Plenum die Genehmigung zur Galeriegründung einzuholen - weil er dieser Zustimmung fürs erste nichts weniger als gewiß sein konnte: Die miteinander rivalisierenden Landsmannschaften der Rheinländer und Westfalen mißgönnen einander diesen Repräsentations-Happen.

Trotz solcher Mißhelligkeiten aber hält die Landesregierung an ihren Plänen fest. Der vierschrötige Kulturminister Schütz sprang seinem Chef zur Seite und formulierte wegweisend: »Das Land hat wegen seines Reichtums die Aufgabe gegenüber Privatleuten und Ausländern wertvolle Kunstwerke zu erwerben. Die Städte sind finanziell zu schwach.«

Chef Meyers aber ließ durchblicken wo die wahren Beweggründe liegen, die seinem Kabinett solche Summen wert sind: Die Staatsgalerie soll »ein Kristallisationspunkt des Landesbewußtseins in Nordrhein-Westfalen« sein.

Grollten die christdemokratischen »Westfälischen Nachrichten« aus Münster in Richtung Rhein: »Die Augen aller Provinzler sollen vom magischen Glanz der Stadt angezogen werden, auf daß jedwede Zunge in den Ruf ausbreche: 'Seht da, der Mittelpunkt unserer Heimat Nordrhein-Westfalen!'«

Innenminister Dufhues und Landwirtschaftsminister Niermann schwärmen unterdes mit den Düsseldorfer Lokalredakteuren nächtens bei Schnaps und Düssel-Altbier schon von weiteren, Repräsentations-Projekten, mit denen Rheinländern wie Westfalen die neue, von vielen um ihr eigenes Ansehen besorgten Städten des Landes abgelehnte Residenz Düsseldorf als patriotischer Mittelpunkt nahegebracht werden soll: Staatsoper, staatliche Universität, staatlicher Zoo;

Bilderkäufer Engels (mit Klee-Büste): Kristallisationspunkt am Rhein

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