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Ostdeutschland Glanz, Mief und Bürgerstolz

Von Christian Habbe und Andreas Wassermann
aus DER SPIEGEL 48/1996

Man mußte schon ein paar Jährchen Soljanka und Sättigungsbeilage hinter sich haben, um dem kleinen HO-Restaurant oben auf dem Berg Geschmack abzugewinnen.

Auch hier war alles grau, die Fassade, die Saucen, genau wie der triste Stammgast vom Amt, der immer mit der Ansage »Preiskontrolle!« aufstand und sein Schnitzel zum Nachwiegen in die Küche trug. Dennoch: »Die Erholung« hatte Zulauf.

Selbst Parteigrößen ließen sich in der Gaststätte hoch über Dresden »Steak mit was drauf« und Champignons »nicht aus der Dose« servieren, denn das hatte zu Zeiten volkseigener Küche Seltenheit.

Monika Pattis, die den Laden im abgewetzten Villenvorort Weißer Hirsch 1985 zusammen mit ihrer Familie übernommen hatte, weiß noch: »Die Leute standen Schlange wie wahnsinnig.«

Das änderte sich auch nach der Wende nicht. Mangels Alternative stürmte die aus dem Westen zugereiste Geschäftswelt die »Erholung«. Horden in Knitteranzügen ließen staunend Handy Handy sein und delektierten sich am Sieg der »Sautierten Hähnchenbrust mit Krebssauce nappiert« über den Broiler.

Schließlich wurden sogar die Michelin-Tester aufmerksam. 1994 gaben sie der »Erholung«, in der Pattis-Sohn Mario kocht, als erstem ostdeutschen Restaurant ihren Qualitätsstern. Da war's geschafft.

Die weißen Socken, die nach der Wende die roten von den Tischen verdrängt hatten, sind wieder im Westen. Gediegenheit ist in die »Erholung« eingezogen, das Publikum, schon jeder vierte fast kommt aus dem Osten, labt sich an Gerichten aus den Kochbüchern sächsischer Fürsten. Außerdem hat sich herumgesprochen, daß auf dem Weißen Hirsch gelegentlich mal der Ministerpräsident mit dem Bischof diniert. Das hat Art.

Dresden macht wieder was her, nicht nur bei Tisch. Der Stadt, einst eine der schönsten Europas, wächst unübersehbar wieder die aus früheren Zeiten gewohnte Anbetergemeinde zu. Das Publikum kommt in Massen, zwei Millionen Übernachtungen im vergangenen Jahr, und bestaunt die dekorative Verwendung Waigelscher Millionen.

Bildungsbeflissene berauschen sich beim Blick aufs südliche Elbufer, wo sich wieder jene einzigartige Silhouette barocker Giebel und Türme geschlossen hat, die einst der Maler Canaletto festhielt.

Abenteuerlustige Weinbrüder schippern mit Raddampfern zu den Winzerhängen an der Elbe und schnalzen beim nicht eben von der Sonne verwöhnten Tröpfchen, das Unverdrossene dort anbauen, tapfer mit der Zunge.

Die Kongresse, die Hotels der Luxusklasse und die neuangesiedelte Elektronikindustrie geben dem Ganzen die Ausstrahlung von wirtschaftlichem Fundament. Harald Marx, Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister, sagt, was viele Elbstädter auch so sehen: »Dresden ist jetzt wieder Teil der ganzen Welt.«

Zumindest tut die Stadt so, als wäre sie das Symbol für den Aufschwung Ost. Doch was ist nur Kulisse, was wirklich Substanz? In Dresden gehen Vergangenheit und Neuaufbau eine einzigartige Symbiose ein: Hinter den schönen Fassaden etablieren sich wie früher Beamtentum und Biedersinn. Der Aufschwung Ost in Dresden hat viel von Denkmalpflege.

Das ehrwürdige und einst imposante Barockwesen, das in den letzten Kriegswochen in Trümmer fiel und danach in 40 Jahren DDR breitflächig verhärmte, wird aufwendig wiederbelebt. Alte Lasten werden zupackend entsorgt, wo sie die Selbstdarstellung der Stadt mit unliebsamen Reminiszenzen trüben könnten.

Pinselbrigaden übertünchen Inschriften, die noch von Kombinats- und Mangeltagen künden, etwa die Großreklame für »Bürotechnik von Robotron« oder den »Eleganten Herrenschuh aus Meißen«, wie sie an den Stirnwänden des Bahnhofs Neustadt trotz mehrfachen Überstreichens immer wieder durchkommen wollen.

Der »Kulturpalast« heißt zwar noch immer so: Wenigstens aber wird dort das empfindsame Auge westlicher Kunstfreunde nicht mehr durch das haushohe Kachelmosaik »Weg der roten Fahne« beleidigt - die bunt verewigten Arbeiter- und Bauernmassen sind mit grünem Plastik zugehängt.

Doch der Städtetourismus allein kann und soll nicht die Zukunft sein. Eine Expertise des Ifo-Instituts zählt die Stadt gemeinsam mit Leipzig zu den künftig stärksten europäischen Wachstumsplätzen.

Viele Ortsansässige mögen das kaum glauben. Denn wie überall in der Ex-DDR gingen auch in Dresden die Arbeitsplätze zu Zehntausenden verloren. Die Abstürze von Robotron und Pentacon, Flugzeugbau oder Wissenschaftsbetrieb erzeugten auch im Vorzeigeort des Aufschwungs Ost eine Arbeitslosenrate von 11,9 Prozent.

Immerhin erweist es sich inzwischen als Vorteil, daß in Dresden nicht ganz so viele Kräne rotierten wie in Leipzig.

Sogar ein kühnes Vorhaben wie das »World Trade Center« - hochgezogen, »um auf einem schwierigen Markt mal was ein bißchen nach vorn zu stellen« - ist nach Angabe von Jan Herold, dem Platzhalter der Hamburger Immobilienfirma, schon zu 60 Prozent vermietet und »damit über den Berg«.

Wer in der Dresdner Innenstadt investieren möchte, braucht ohnehin langen Atem und dickes Fell. Wohl kaum eine andere Stadt vergleichbarer Bedeutung befindet so geschmäcklerisch über Bauvorhaben an zentralem Ort.

Von der Sorge getrieben, die von der SED mit WBS-70-Platte in DDR-Norm hingeklotzte Innenstadt weiter zu verunstalten, wird lieber gar nichts entschieden. Keine kalte Moderne im Hintergrund soll den barocken Prachtblick aufs Elbufer stören. So liegen 60 Hektar Bauland im Zentrum brach. Das, weiß Dresdens Wirtschaftsdezernent Rolf Wolgast, »ist einmalig in Europa«. Den Schuldigen am Zentrums-Notstand haben Dresdens Lokalzeitungen und die ums Dresden-Image besorgte Staatsregierung auch längst geortet: Stadtplaner und Baudezernent Gunter Just.

Der parteilose Architekt will wie viele Stadtbürger sein Dresden langsam, aber als Gesamtkunstwerk wieder erstehen lassen. Hektisches Eingehen auf Investoren könne schnell in Bausünden enden. Just: »Wir müssen doch nicht alle Fehler des Westens wiederholen.«

Die Straße zwischen Schloß und Zwinger möchte er als Schloßstraße aufbauen - kein Gebäude höher als zu Zeiten Augusts des Starken. Nur enge Gassen will der Stadtplaner rund um die Frauenkirche ziehen, um die alten »Proportionen« wiederherzustellen.

Die Wilsdruffer Straße, ehemals als Ernst-Thälmann-Straße Promeniermeile von Betriebskampfgruppen und sonstigen Wink-Elementen, soll durch Vorbauten vor den schmucklosen Zweckgebäuden zivilisiert werden.

Für Sachsens Finanzminister Georg Milbradt sind Residenzstadt-Vertreter »Traumtänzer«, die angesichts einer der höchsten Verschuldungen in Sachsen begreifen sollten, »daß jetzt Pflicht ansteht und nicht Kür«. Süffisant weist der Minister darauf hin, daß ohnehin der meiste Prunk in Dresden aus dem Landeshaushalt oder von Sponsoren bezahlt wird.

Um den im Bombenhagel zerstörten Kuppelbau der Frauenkirche wiederaufzubauen, greifen sogar Deutschlands Millionäre, ansonsten der Kulturförderung ziemlich abgeneigt, in die Tasche. Berater der Dresdner Bank, welche die Vermögen der Spitzenkunden betreuen, nehmen auf Vorstandsgeheiß zu Kundengesprächen immer auch Stifterbriefe für die Frauenkirche mit. Auf diese Weise sollen schon 35 Millionen gesammelt worden sein. Vorstandsmitglied Bernhard Walter, ein Schwabe mit ausgeprägtem Dresden-Enthusiasmus, kümmert sich persönlich darum und belohnt die erfolgreichsten Werber mit einem Dresden-Wochenende. Jedesmal wenn er vom Flughafen in die Stadt fährt, freut sich Walter über den Fortschritt - er sieht schon wieder drei neue Baugerüste.

Das stellt sich dem Gemüsehändler Achim Koch in der Neustadt natürlich ganz anders dar: Von der Ruinenfassade gegenüber hat er schon zu DDR-Zeiten die Schlangen vor seinem Geschäft in der Alaunstraße fotografiert. Die sah damals, sechs Jahre vor der Wende, ebenso trostlos aus wie heute, sechs Jahre danach.

»Schon beim Erich« war Koch selbständig. Deshalb mögen einige Neustädter, die damals beim Bananenverkauf nicht zum Zuge kamen, immer noch nicht wieder bei ihm kaufen. ("Damals war man als Privater eben der krumme Hund.")

Die Neustadt nördlich der Elbe, ein ausgedehntes Kleineleuteviertel mit einst schönen klassizistischen Fassaden, war Dresdens Bröckelkiez, wo sich in Scharen das junge Volk der Unangepaßten, Schrägen und Schwererziehbaren niederließ. Hausbesetzer in Sperrmüllkneipen schwelgen noch heute in Erinnerungen an die »Bunte Republik Neustadt«, die nach der Wende ausgerufen wurde.

Damals verbrachte man ganze Nächte mit viel Bölkstoff bei der Frage, ob zwischen »der ganzen DDR-Kacke und dem Überbordenden aus dem Westen nicht ein dritter Weg möglich sei«.

So beobachtete es Hans-Peter Lühr, Redakteur der stadtgeschichtlichen Dresdner Hefte. Viel hat sich zwischenzeitlich nicht getan, die Gegend schaut aus, als wären die großen Fragen weiterhin akut.

Noch immer zockeln die Punks mit ihren Hunden an Kochs Gemüseladen vorbei. Derweil zieht es die Alteingesessenen nach Kräften in andere Stadtquartiere.

Zwar fahren auch in der Neustadt längst die Betonmischer auf, schicke Läden glitzern zwischen Straßendreck und Hausschwamm. Doch die Verfallsmisere im Kiez wirkt irgendwie schwer besiegbar.

»Glanz und Mief« (Stadthistoriker Lühr) lagen an der ehrwürdigen Residenzstätte immer schon nah beieinander. Die Dresdner, denen so viel an alter Glorie liegt, sind auf neuen Schwung bei weitem nicht so erpicht.

Eine extravagante Ausstellungshalle des international renommierten Malers Frank Stella empfanden die Honoratioren als »shocking«. Also wurde nichts daraus.

Anders als in der Konkurrenzstadt Leipzig, wo es nie lange dauert, bis die Novitäten von »beautiful people« umlagert sind, bringt die Dresdner nichts so leicht aus dem Trott. »Sie mögen nicht aufgestört werden«, attestiert der Theatermacher Friedrich Wilhelm Junge seinem etwas betulichen Stadtvolk.

Die Parfümeriekauffrau Christine Doerr, in beiden Städten aktiv, ist in der schicken Mädlerpassage von Leipzig zufrieden mit dem Geschäft. Die Dresdner dagegen halten sich bedeckt: »Sie akzeptieren das Neue nicht, das Gediegene ist weg.«

So fand auch noch kein Lebensmittelhändler der Luxusklasse nach Dresden, weshalb die Feinschmeckerszene sich immer noch frustriert bei Hertie eindeckt. Für Besserverdienende kann der Einkauf in der »knickerigen Beamtenstadt« (Doerr) lange Wege haben; klar, daß modebewußte Residenzler ihre handgenähten Schuhe nur in Leipzig oder Berlin kaufen.

Viele der flinken Jungs aus dem Westen, 1990 mal eben als Aufbauberater oder Treuhandabwickler eingeflogen, sind am Ende heimisch geworden.

Man ist geschäftlich etabliert, wohnt mit Elbblick oder doch in einer der alten Bürgervillen. Die junge Ökonomenclique etwa, die einst auf dem Weißen Hirsch eine ganze Pension anmietete und zur Wohngemeinschaft umfunktionierte, trifft immer wieder zu »Weißt du noch«-Runden zusammen.

Andreas Aumüller baute die örtliche Niederlassung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform auf und hat die wilden Jahre miterlebt. Damals machten ganze Rudel aus Jobbern und Investoren an wechselnden Kneipentreffs Nachrichtenbörsen auf. »Immobilistenballetts«, wie der örtliche Poet Thomas Rosenlöcher fand ("Der Kirschbaum muß weg, zwecks Tiefgarage - auf wehen die Schlipse").

Und bei den ersten Bällen im Hotel Dresdner Hof, heute Hilton, besah sich der Osten, wie der schicke Westen schwofte. Doch längst tanzt der Osten selbst.

Junggründer Aumüller wurde ebenfalls seßhaft. In der Kirche von Pillnitz, wo sich bevorzugt Dresdens Obere trauen lassen, hat er eine Tochter aus der Christstollenbranche geheiratet und damit der örtlichen Boulevardpresse zu Stoff über das Glück der »Tortenkönigin von Dresden« (Dresdner Morgenpost) verholfen.

Es lebe sich doch gut in dieser Stadt, findet der Neubürger, abgesehen vielleicht mal von der noch notleidenden Einkaufsszene und dem ostbedingt schleppenden Aufbau des Golfwesens: »Wer Geld hat, hat keine Zeit dafür, und wer Zeit hat, hat kein Geld.«

Die Zahl derer, die Geld haben, wächst. Immer mehr der verfallenen Villen, die neureiche Kaufleute im letzten Jahrhundert zu Dutzenden hochzogen, sind in kapitalkräftiger Saniererhand. Daß sich nur noch Banken, Consultants oder Anwaltspraxen den Standort leisten können, erregt in der vom eigenen Aufbau ebenfalls sehr faszinierten Kommune wenig Unmut, profitiert doch die Kunststadt auf ihre Weise davon.

Das war schon immer so: Die Albrechtsschlösser in einem Riesenpark hoch über der Elbe wären Anfang des Jahrhunderts nach dem Auszug der verarmten adligen Nutzer wohl verfallen, hätten nicht die konkurrierenden örtlichen Zahnpastadynastien Lingner ("Odol") und Mayenburg ("Chlorodont") die leerstehenden Paläste zur Prestigesache gemacht - jeder bekam schließlich einen ab, sozusagen in Pflege.

Warum also sollte dann nicht die Volksbank, die gerade das ehrwürdige Eschebach-Palais wiedererrichtet, am Ende dort auch ihren Sparbuchschalter einrichten? Nu, sähnse! Und daß der Golf-Club Possendorf, in dem jetzt die Edeldresdner an ihrem Handicap feilen, noch 1990 von den Kommies, dem letzten SED-Magistrat des Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer, begründet wurde, ist doch ein schöner Zug.

Die Dresdner Pragmatiker sind Erben eines Stadtwesens, in dem jahrhundertelang eine zivile Fürstlichkeit ihre Kultur entfaltet hat und Liebe statt Krieg zu machen pflegte. So blieb vom Geld der Untertanen wenigstens noch genug zum Bau üppiger Kurtisanenpaläste und Lustschlösser.

Die prächtigsten ließ der sächsische Kurfürst Friedrich August I. (der Starke) errichten. Neben so vielen Nachkommen »wie das Jahr Tage hat« (Volksmund) ermöglichte der sinnenfrohe Potentat baugeschichtliche Wunderwerke wie Zwinger und Schloß Pillnitz.

Dieser Stadtgeschichte huldigen die Dresdner aus Überzeugung, da kennen sie, gegebenenfalls, auch keine Parteien. Die Umbenennung der barocken Augustus-Brücke in Dimitroff-Brücke bewältigte das Volk noch mit Spott: Das gehe wohl, hieß es, auf August den Starken zurück; der habe bei Kutschfahrten auf der Brücke nach schönen Passantinnen Ausschau gehalten und, sobald er fündig geworden war, seinen Adlaten befohlen: »Die mit druff!«

Volkszorn dagegen erweckten Ulbrichts Aufbaubrigaden, die, wo sie konnten, den feudalen Resten mit Sprengstoff zu Leibe rückten.

Nur im Schutz der Nacht getrauten sie sich, die trotz Bombenschäden gut erhaltenen Fassaden der Rampischen Straße, die dem sozialistischen Aufbau im Weg standen, zu beseitigen. Pläne zur Sprengung des Königsschlosses, das Parteichef Walter Ulbricht persönlich ("dieser Kasten") auf dem Kieker hatte, blieben vorsichtshalber unrealisiert.

Die traditionsverhafteten Dresdner brachten gar Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker dazu, 1985 per ZK-Beschluß den Wiederaufbau des Schlosses zum sozialistischen Kulturprogramm zu erheben.

Die Denkmalschützer in Dresden, immer schon etwas schlitzohriger als anderswo, hatten bereits gründlich vorgearbeitet. Sie ersannen ein Residenzschloß, wie es die Dresdner vor der Zerstörung im Februar 1945 kaum jemals gesehen haben.

Was zu DDR-Zeiten noch an Geld und feinem Material scheiterte, im Aufschwung-Ost-Land schien es zum Greifen nahe: der Wiederaufbau des Schlosses, so wie es im 16. Jahrhundert angeblich stand. Inklusive eines Prunksaals, der schon 1701 völlig abgebrannt war, und einer Kapelle, die August der Starke schon zweckentfremdet hatte.

Dieser Umgang mit Baugeschichte stieß bei westdeutschen Denkmalschützern auf wenig Verständnis. Selbst die ums historische Dresden weithin besorgte Frankfurter Allgemeine (FAZ) merkte angewidert an: »Man könnte von einem historischen Disneyland reden, das da neben Zwinger und Semperoper entstehen soll.«

Die Dresdner Historienzauberer ficht das wenig an. Um alte Prächtigkeit wiedererstehen zu lassen, opferten sie sogar Teile des Schlosses, die den Krieg überlebt hatten. Um das Torhaus mit einem Rundtempelchen zu schmücken, das gerade mal bis 1725 das Schloß zierte, wurde historisches Gemäuer niedergerissen.

Außer acht ließen die Schloßbauer dabei eine künftige Nutzung und die explodierenden Kosten. Das Dresdner Wunschschloß würde den Steuerzahler etwa eine Milliarde Mark kosten. Erst vor wenigen Wochen legten auswärtige Gutachter ein Konzept für die Nutzung als Ausstellungsort für die staatlichen Kunstsammlungen vor, das mit den Dresdner Denkmalschutzvorstellungen wenig gemein hat.

Stadtkultur kommt in Dresden eben von Kult. Daß Schillers »Don Carlos« oder Dostojewskis »Dämonen« hier geschrieben wurden, Schopenhauer an der Elbe sowieso nichts Geringeres als »Die Welt als Wille und Vorstellung« verfaßt hat, läßt die Dresdner voll Stolz zurückblicken.

Folglich hat es sie kaum überrascht, daß bei der Eroberung Dresdens 1945 durch die Rote Armee ein Sowjetoffizier als erstes den Loschwitzer Elbhang auf der Suche nach Schillers altem Häuschen ("Wo Schiljer?") stürmte.

Eine heimische »Bildungsüberlegenheit« der Dresdner bestaunte schon der zeitweilige Stadtbewohner Theodor Fontane: diese Menschen seien teils »sehr bourgeoishaft«, teils »sehr dünkelhaft«.

Noch heute rühmt sich die Stadtverwaltung in ihren Mitteilungen, in Dresden seien die erste deutsche Oper (Heinrich Schütz, 1627) und »Das Wandern ist des Müllers Lust« (Wilhelm Müller, 1794 bis 1827) geschrieben, ferner die Spiegelreflexkamera, die Zahnpastatube, der Bierdeckel und der DDR-Glimmstengel »f6« erfunden worden.

Seinen Bildungsanspruch erhebt der rechte Dresdner innerhalb gestrenger Hierarchien. Hochschulminister Professor Hans Joachim Meyer etwa wird nachgesagt, daß er vor allem deshalb gegen Eingangsprüfungen an den Universitäten ist, weil er seinen Professorenkollegen keinen angemessenen Vollzug zutraut.

Fürs geistige Lokalkolorit steht der Hickhack, der ausbrach, als sich zu DDR-Zeiten der »Klub der Intelligenz«, den Dresden wie andere Städte für die gebildeten Stände unterhielt, mit dem vor allem von der Hochschulelite frequentierten »Dresdner Club« zusammenschloß.

Vehement, wenngleich zuletzt vergebens, hatten sich die Eggheads gegen die Gleichsetzung mit den niederen Schlauköpfen gewehrt. Natürlich gehörte die Wiederbelebung des Dresdner Clubs nach der Wende zu den allerersten Anliegen der besseren Kreise.

Für den Doyen des aktuellen Dresdner Geisteswesens, den vielfältig dekorierten Naturwissenschaftler Manfred von Ardenne (für das Institut des Stalinpreisträgers wurde in den fünfziger Jahren ein ganzes Villenviertel auf dem Weißen Hirschen freigeräumt), rangiert der Klub unter den Dresdner Attraktionen gleichauf mit der Sächsischen Schweiz. Chronist Lühr beobachtet bei seinen Mitbewohnern einen leisen »Zug ins Skurrile": Liebevoll würden sie »jeden alten Stein glorifizieren«.

Das liegt wohl auch an Abstiegsängsten: Trotz aller Beatmungsarbeit sehen viele die Stadt seit dem Bombenschlag ihres Ranges für immer beraubt, ihr Sächsisch ist durch Kabarettisten-Ulk und Ulbricht-Sprech ("Dä-dä-är") als hinterwäldlerisch verspottet. Und auch das Image der Stadt ist durch die frühere DDR-Randlage - ohne West-TV im »Tal der Ahnungslosen« - als ein bißchen rückständig geprägt. »Der Dresdner«, sagt Kenner Lühr, »hat deshalb manchmal was von beleidigter Leberwurst.«

Lokalpatrioten wurmt es beträchtlich, daß sich Hergereiste über die Bewohner und ihre Lebensweise mokieren. Der Schwabe Schiller bereits hielt die Dresdner für ein »seichtes, zusammengeschrümpftes unleidliches Volk, bei dem es einem nie wohl wird«. In jüngerer Zeit wurde auch der Lyriker Durs Grünbein mit seiner Stadt nicht warm: »Dieses Barockwrack«, urteilte er, sah sich in Dresden in einem »unterbelichteten Film, in dem der Volkspolizist immer das letzte Wort behielt«.

1989, als der Volkspolizist gehen mußte, schlug der vorübergehend sozialistische Stadtcharakter schnell wieder um. »Wie eine kleindeutsche Residenzstadt« empfindet der aus Wien stammende PDS-Politiker Peter Porsch, Fraktionschef im Landtag, die Landeshauptstadt, in der sich Ministerpräsident Kurt Biedenkopf mit 58 Prozent CDU-Stimmen im Land tatsächlich wie in einer Residenz fühlen darf.

Obwohl der Linguistikprofessor Porsch gelegentlich auf Adelsempfängen den Handkuß anbringt (siehe Seite 110), nahm er denn doch lieber in Leipzig Wohnsitz als in Dresden, »wo die Züge ins Umland voll und die Kneipen leer sind«. Immer wenn seine Mutter ihn besuche und er sie vom Intercity »Vindobona« am Dresdner Bahnhof abhole, halte er »unwillkürlich nach einer Kutsche Ausschau«.

Altdresdner aller Couleur stört solcher Spott nicht weiter. Von denen, die der grauen Stadt im entlegensten DDR-Winkel jahrzehntelang den Rücken gewendet hatten, kehren allmählich immer mehr zurück.

Die Wettiner, Sachsens verflossene Herrscherfamilie, möchten wieder Fuß fassen und mit der Übernahme des Dresdner Schlosses Wachwitz schon mal beginnen. Greta Wehner, Witwe Herbert Wehners, ist mit dem Nachlaß des legendären SPD-»Onkels« in die Elbestadt gezogen.

Einer der stürmischsten Dresden-Liebhaber, FAZ-Leitartikler Friedrich Karl Fromme, beackert die »bewohnte, genutzte Barockstadt«, wann immer er kann; für einen »Gang über die Baustellen der sächsischen Landeshauptstadt« geht dann schon mal eine halbe Seite im Politikteil des Frankfurter Blattes drauf.

Auch auswärtige Dresden-Verehrer zieht es in die Stadt, etwa den Bankvorstand Walter, der für seinen späteren Ruhesitz »Dresden als Option« sieht - jene Stadt, die bei einer Ifo-Umfrage nach dem Lieblingssitz deutscher Manager auf Platz drei (nach Paris und München) geklettert ist.

Auch der Hamburger Krimi-Autor Norbert Klugmann war nach kurzen Stippvisiten von der Residenzstadt so begeistert, daß er einen Dresdner Sportreporter zum Helden einer skurrilen Thrillerreihe auserkor.

Die »investigative Spürnase« löst seine Fälle zwischen Dresdner Heide und Radebeuler Weinbergen, trifft den Herrn Staatssekretär beim »Frauenkirchen-Flip« an der Hotelbar und signalisiert elbab den hanseatischen Landsleuten, »daß ihr Blankenese nicht ganz so einmalig ist, wie sie glauben«.

ENDE

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