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Briefe

GLANZVOLLER ABSCHNITT
aus DER SPIEGEL 8/1968

GLANZVOLLER ABSCHNITT

(Nr. 2/1968, Mexiko)

Um zu beweisen, daß Mexiko der Anerkennung nicht würdig ist, die es bedeutet, Austragungsort der Olympischen Spiele zu sein, zeichnet der SPIEGEL-Artikel ein bewußt verzerrtes Bild von Mexiko. Der Autor vertritt dabei folgende These:

1. Mexiko sei der Olympischen Spiele nicht würdig, weil Fortschritt und Kultur nur eine dünne Kruste seien, mit der die historische Wirklichkeit, in der von jeher Gewalt und Terror herrschten, nur ungenügend bedeckt werde;

2. diese historische Wirklichkeit sei die zeitliche Projektion des mexikanischen Menschen, des »Mestizen«, der Mischung zwischen Indianern und Europäern.

Diese These erfordert eine Richtigstellung:

1. Das heutige Mexiko ist mit Recht stolz auf seine indianische Vergangenheit, nicht nur weil sie ein glanzvoller Abschnitt der Zivilisationsgeschichte ist, sondern weil sie Bestandteil seines Wesens ist. Es verleugnet dabei nicht seine spanischen Wurzeln. Im Mexiko der Kolonialzeit wurden die erste Universität und die erste Druckerei des amerikanischen Kontinents gegründet. Ais Mexiko die Unabhängigkeit erreichte, war die Synthese des Indianischen mit dem Europäischen vollendet, und diese Synthese bedeutet eine Bereicherung des Begriffs des Menschen.

Der mexikanischen Revolution fiel die Ehre zu, die erste Revolution des 20. Jahrhunderts zu sein, und sie eröffnete damit das Zeitalter des Kampfes um Gerechtigkeit und Menschenwürde. Daß dieser Kampf hart war, ist kein Grund, um ihn in einem Atemzug mit jenen Gewaltausbrüchen zu nennen, die -- in unserer Zeit leider häufig -- gerade aus der Verneinung der Menschenwürde entstehen. Mexiko hat nie ein anderes Land angegriffen oder bedroht, noch hat es versucht, anderen Völkern seine sozialen Ideale aufzuzwingen. Dagegen hat es oft Verfolgten anderer Länder Asyl geboten. Der Fortschritt Mexikos beruht auf eigenen Anstrengungen. Im Jahre 1966 entfielen 90 Prozent der Gesamtinvestition auf das inländische Sparaufkommen und einheimische öffentliche Gelder. Der politische Aufbau Mexikos ist grundsätzlich demokratisch, denn alle wichtigen Sektoren der Bevölkerung sind aktiv an ihm beteiligt. Wenn die Präsidenten von Mexiko über große Macht verfügen, so nicht nur, weil sie in direkter Wahl von den Bürgern gewählt werden und weil unsere Verfassung die einer Präsidialdemokratie ist, sondern auch, weil sie die Grundsätze der mexikanischen Revolution verkörpern.

2. Mit seiner Analyse der Eigenschaften des Mexikaners und des »Daseins« des Mestizen -- und in Anbetracht dessen, daß die Darstellung auf angeblich biologischen Begriffen beruht, erreicht der Verfasser mit seiner oberflächlichen und anthropologisch falschen Darstellung nur, daß man ihn für einen Moralprediger der Rassereinheit halten muß.

LEONARDO FRENCH. IDUARTE*

* Sekretär an der mexikanischen Botschaft in Köln.

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