Zur Ausgabe
Artikel 26 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

STRAFJUSTIZ Glasklare Identifikation?

Wer sagt die Wahrheit: Im Fall des Deutsch-Äthiopiers Ermyas Mulugeta verstricken sich die Zeugen vor dem Potsdamer Gericht in lauter Widersprüche. Von Gisela Friedrichsen
aus DER SPIEGEL 12/2007

Der Taxifahrer, der als Augenzeuge vom Gericht vernommen wird, ist sich seiner Sache ziemlich sicher: »Ich sah, wie zwei kräftige Männer in Richtung Innenstadt gingen. Und wie ein Mann - ein Farbiger, eine markante Erscheinung mit Rasta-Locken - einem der beiden einen Fußtritt in den Hintern versetzte. Den Herrn mit den Rasta-Locken habe ich eindeutig erkannt. Er hatte richtig Anlauf genommen, volle Pulle, und auch voll getroffen. Die zwei anderen kann ich nicht identifizieren. Einer war etwas kleiner und untersetzt. Der andere, ein hagerer Mann, hatte kurze blonde Haare.«

Ein anderer Taxifahrer hatte beobachtet, wie, nach seinem Eindruck, sich der Rasta-Locken-Mann »jemanden vom Hals hielt«, indem er das linke Bein hochstreckte und nach dem Oberkörper einer kleineren Person trat. »Ich habe das nicht für gefährlich eingeschätzt«, denn der Farbige sei hochgewachsen gewesen - »ein Großer gegen einen Kleinen«. Und der zweite Mann? »Der war von kräftiger Statur, wenn nicht sogar mit Stiernacken, und hat zugeguckt oder weggeguckt, ich weiß es nicht.« Er habe dies alles nur »aus den Augenwinkeln« gesehen, sei sich aber sicher, dass es »Rechte« waren. »Denn Linke treten nicht einen Schwarzen.«

Ein Elektroinstallateur bekam ein heftiges Streitgespräch zwischen »dem Geschädigten und zwei Personen« mit: »Die beiden gingen schließlich weg. Der Farbige hinter ihnen her. Ich erinnere mich an eine Schlagbewegung - der Farbige versuchte, unkontrolliert zuzuschlagen. Da drehte sich einer der Männer um und schlug seinerseits aus der Laufbewegung heraus zu. Der Getroffene kippte um.« Wiedererkennen würde er die Männer nicht. »Ich hielt es für eine Kneipenschlägerei und dachte: na ja, und ging heim.«

Eine Radfahrerin wiederum glaubt zur selben Zeit »det Opfer« sowie einen »alternativen HipHopper« und mehrere weitere Personen gesehen zu haben. Bei zwei Männern habe »alles zum Täterprofil gepasst«. Sie hätten wie »Rechte« gewirkt. »Ich habe weggeschaut, weil ich Angst hatte.« An Details erinnert sie sich nicht. Trotzdem weiß die Zeugin das Alter der Männer: 28 bis 32 Jahre. Denn: »Ich tippe normalerweise das konkrete Alter.« Bei der Polizei gab sie an, die Männer nachts schon öfter gesehen zu haben. »Quatsch«, sagt sie vor Gericht, »das hat mir der Beamte in den Mund gelegt.«

Bei der Polizei hatte sie auch gesagt: »Unter mir wohnt so einer!« Vor Gericht sagt sie: »Nee, da wohnt ein Nachbar, und der sagt, er kenne einen Fascho. Ich wollte der Polizei halt einen Tipp geben. Vielleicht ist der Fascho ja der Täter.«

Von ähnlicher Qualität sind auch die Beobachtungen, die weitere Zeugen in der Nacht zum 16. April 2006 gegen 3.55 Uhr an der Haltestelle Charlottenhof in der Potsdamer Zeppelinstraße machten oder zu machen glaubten, wo der 37 Jahre alte Deutsch-Äthiopier Ermyas Mulugeta durch einen Faustschlag ins Gesicht lebensgefährlich verletzt wurde.

Da ist mal von drei gleich großen Männern die Rede; ein Zeuge hielt einen der Weißen für das Opfer; ein anderer erinnert sich an einen Mann mit Tasche, der vorbeiging; wieder ein anderer sah zwei Polizeiwagen vorbeifahren und so fort. Der Fall belegt lehrbuchhaft, dass der Zeugenbeweis der heikelste aller Beweise ist. Jeder Zeuge hatte etwas anderes gesehen.

Mulugeta, nach einer Feier bei Freunden alkoholisiert, was bei ihm leicht zu weniger friedfertigem Verhalten führt, hatte an der Haltestelle auf den Bus gewartet. Der Busfahrer: »Er ist sehr unangenehm aufgetreten. Denn er sollte den Nachtzuschlag von 50 Cent bezahlen, hatte aber nur einen Zehn-Euro-Schein dabei. Ich gab ihm mehrere Münzen heraus. Die wollte er nicht, weil das Dreck sei. Der Mann war sehr gereizt und stieg wieder aus.« Draußen habe er noch wild gestikuliert.

Ein 22 Jahre alter Schüler, der einige Minuten später mit seiner Freundin vorbeikam, fand Mulugeta reglos und blutend auf dem Boden liegend und neben ihm, »im Kopfbereich«, ein Handy. Er weiß noch, dass jemand anrief und er das Gespräch annahm. Die Freundin: »Es war eine Frau. Wir sagten ihr, dass der Verletzte nicht ansprechbar an der Haltestelle Charlottenhof liege. Wir riefen die Polizei

und warteten, bis sie kam. Irgendwann sind wir weggegangen.«

Vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Potsdam müssen sich seit dem 7. Februar Thomas M., 31, und der ein Jahr jüngere Björn L. wegen dieses Vorfalls in der Nacht zum Ostersonntag 2006 verantworten, der den fast zwei Meter großen Mulugeta um ein Haar das Leben gekostet hätte. L. soll es gewesen sein, der Mulugeta mit einem Faustschlag niederstreckte. M. soll laut Anklage das Handy, das Mulugeta aus der Hand gefallen war, weggetreten haben, um zu verhindern, dass dieser Hilfe hole. Überdies wird beiden Beleidigung vorgeworfen.

Durch den offenbar wuchtigen Faustschlag gingen Augenhöhlendach und Schädelbasis Mulugetas zu Bruch: »Wie schwer eine solche Augenverletzung ist, hängt von den individuellen Eigenheiten ab«, so eine Rechtsmedizinerin, »denn die Augenwand ist hauchdünn.« Es kam in der Folge zu einer Hirnschwellung, einer unspezifischen Reaktion des Gehirns, so dass ein Teil der Schädeldecke vorübergehend abgenommen werden musste, um dem Druck abzuhelfen. Dazu wurde Mulugeta zwölf Tage lang in ein künstliches Koma versetzt.

Spuren von weiteren Schlägen oder Tritten, wie sie typisch sind für rassistisch motivierte Übergriffe, fanden sich nicht. Dass Mulugeta wieder sprechen und sich weitgehend beschwerdefrei bewegen kann und sogar das Kurzzeitgedächtnis in Gang gebracht hat, grenzt an ein Wunder.

M. und L. bestreiten, in jener Nacht am Tatort, ja überhaupt jemals miteinander unterwegs gewesen zu sein. Ist M. hager und schmal, wie mehrere Zeugen einen der Täter beschreiben? Nein, beide Angeklagte sind kräftig. Blond ist keiner der beiden, auch nicht stiernackig, und ob sie aussehen wie »Rechte«, steht sowieso dahin. Unzählige junge Männer sehen nicht viel anders aus. Dem Taxifahrer blieb L.s »cooler« Gang im Gedächtnis. Doch wie unterscheidet sich ein »cooler« von einem normalen Gang? Der Zeuge weiß es nicht.

Die Kripo versuchte die Aufklärung der Tat anhand einer Gegenüberstellung mit Videoaufzeichnung von sieben verschiedenen Personen. Der Taxifahrer: »Wenn der kleinere der Täter unter den gegenübergestellten Männern war, war er die Person Nr. 3. Ich weiß es aber nicht.« Der Vorsitzende Richter Michael Thies: »Ich will wissen, ob die Person 3 es ist! Es hörte sich bei Ihnen ja erst so sicher an!« Der Zeuge: »Ich habe es nach dem Ausschlussverfahren gemacht. Wenn überhaupt einer in Frage kommt, ist es am ehesten die Nr. 3. Ich habe nie gesagt: Der war's!«

Oberstaatsanwalt Rüdiger Falch, dem das Anklagegebäude langsam wegbröckelt: »Für mich ist das eine glasklare Identifikation! Oder sehe ich das falsch?«

Als Mulugeta in jener Nacht vergebens versuchte, seine Frau auf dem Handy anzurufen, sprang bei ihr die Mailbox an und speicherte einen durch Rauschen und unklare Laute gestörten, heftigen und nur schwer verständlichen Wortwechsel zwischen dem Farbigen und zwei Männern.

Mulugeta, laut: »Schweinesau! Ich ruf die ganze Zeit an, und du kommst nicht mal ran. I love you, Baby. You are ... okay? Tschüss!« Dann: »Geh mal andersrum, Mann, ey! Schweinesau!«

Eine andere Person mit hoher Stimme: »Ey, Nigger!«

Mulugeta: »Du blödes Schwein, ja! Wie bitte? Na, du brauchst nicht immer Neger zu sagen, ja!«

Die hohe Stimme: »Scheißnigger!«

Mulugeta: »Schweinesau!«

Dritte Person, lachend: »Was? Sonst?«

Mulugeta: »Hör mal, höre mal auf! Feige Sau!«

Die hohe Stimme: »Was?«

Mulugeta: »Lass mal lieber! Okay« (oder: »O nee"). Dann endet die Aufzeichnung.

Auf der Suche nach der Person mit der hohen Stimme gab die Polizei die Aufzeichnung an die Medien weiter. In Potsdam dachten einige Leute spontan an L., Spitzname »Pieps«. Ein früherer Nachbar L.s meldete sich. Der Vorsitzende: »Wenn Sie die Aufzeichnung nochmals hören - könnten Sie sagen, woran Sie die Stimme erkannten?« Der Zeuge zögert: »Wenn Sie mir sechs ähnliche Stimmen dagegenhalten, fiele mir die Entscheidung schwerer.«

Eine frühere Arbeitskollegin wurde, je öfter sie die Aufzeichnung hörte, unsicherer. Im Polizeiprotokoll steht noch, sie habe die Stimme »zweifelsfrei« erkannt. Vor Gericht sagt die Frau: »'Zweifelsfrei' gehört nicht zu meinem Wortschatz! Heute bin ich mir jedenfalls nicht mehr sicher.«

Als Mulugeta damals tagelang zwischen Leben und Tod schwebte, brach in Deutschland bei manchen Panik aus. Die Fußball-WM stand bevor. Die Welt zu Gast bei Freunden - da sollte niemand fürchten, Ausländer würden hier totgeschlagen. M. und L. wurden wie Monster von vermummten Beamten nach Karlsruhe zum Generalbundesanwalt geflogen. Am Tatort türmten sich Blumen. Bilder davon gingen wie Signale um die Welt. Kaum ein Zeuge, der nicht glaubte, an der Aufklärung eines Mordanschlags brutaler Neonazis mitwirken zu müssen.

Nur so ist es zu verstehen, dass dieser Gewissheit entgegenstehende Umstände kaum registriert wurden. So brachte L. bereits bei der Festnahme am 20. April vor, zur Tatzeit an einer Kehlkopfentzündung gelitten zu haben; seine Stimme sei längst nicht so hell und klar gewesen wie auf dem Band zu hören, sondern heiser und kratzig.

Das Potsdamer Gericht hörte den behandelnden Arzt an. Er bestätigte, dass L. am 12. April 2006 mit Stimmbeschwerden in die Praxis gekommen sei. »Es war im klinischen Sinn eine Kehlkopfentzündung, er sprach rau und krächzend. Falls sich die Beschwerden nicht bald besserten, sagte ich, sollte er einen Facharzt aufsuchen. Am 18. April kam Herr L. wieder und holte einen Überweisungsschein.«

Im Gerichtssaal sitzt eine Gutachterin, die L.s Stimme mit der Aufzeichnung verglichen hat. Welcher Beweiswert kommt ihrer Analyse noch zu? Die Verteidigung, die Potsdamer Anwälte Matthias Schöneburg, Karsten Beckmann und Sven-Oliver Milke, rechnen nicht mehr mit einer überraschenden Prozesswende. »Wäre der Geschädigte ein Weißer, hätte man wohl nicht angeklagt«, sagt Schöneburg. Es wäre auch niemand fünf Monate in U-Haft gekommen. »Es war ein Unglücksfall, aber kein Attentat Rechtsradikaler.«

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.