Zur Ausgabe
Artikel 29 / 83

BILDUNGSPOLITIK Glattes Mangelhaft

Ein internationales Gremium prüfte auf Bonner Geheiß Westdeutschlands Bildungswesen. Das Urteil der ausländischen Fachleute, das letzte Woche in einem 97-Seiten-Bericht vorgelegt wurde, fiel vernichtend aus.
aus DER SPIEGEL 50/1971

Neun Stunden lang standen im Pariser Chateau de la Muette westdeutsche Politiker im Examen. Dann, gegen Abend endlich, erhob sich Professor Maurice Niveau aus Grenoble und lobte: »Sie haben die Prüfung mit Bravour durchgestanden. Sie verdienen eine Eins.

Solch sehr gute Note gab der Professor, Präsident des »Komitees für Erziehungsfragen« bei der multi nationalen »Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung« (OECD) am Dienstag letzter Woche der Bonner Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher (FDP) und dem Mainzer Kultusminister Bernhard Vogel (CDU). Prüfungsthema der beiden Bildungsreisenden: »Schulen und Hochschulen in der Bundesrepublik«.

Die Bildungsdebatte im OECD-Hauptquartier war der letzte Teil einer langwierigen Prüfung, die 1968 begonnen hatte. Damals erteilten die Kultusminister der elf Bundesländer der Bonner Regierung Erlaubnis, die Leistungsfähigkeit der westdeutschen Schulen und Hochschulen durch eine fünfköpfige Expertengruppe des internationalen Wirtschafts- und Forschungsverbundes erkunden zu lassen.

Mit dem Testergebnis können sie kaum zufrieden sein, denn ihr Bildungsbemühen wurde in Paris weit weniger wohlwollend zensiert als die Gesprächsbereitschaft der deutschen Delegation. Die Experten -- unter ihnen der ehemalige französische Erziehungsminister Alain Peyrefitte und der schwedische Bildungsplaner Torsten Husén -- gaben den Ländern, die nach dem Grundgesetz für Bildungspolitik zuständig sind, ein glattes »Mangelhaft«.

Das Bildungswesen in der Bundesrepublik, so rügen die Prüfer nun in ihrer 97-Seiten-Enquete, sei trotz etlicher Reformversuche »merklich hinter vielen anderen Ländern zurückgeblieben«. Einer der Gründe für die pädagogische Lücke: Die Bundesrepublik ("eine reiche und wohlhabende Nation") habe in den letzten Jahrzehnten »zu wenig in das Bildungswesen investiert«.

Zu diesem Ergebnis kam das Prüfergremium nach einer vierzehntägigen Rundreise durch die westdeutsche Bildungsprovinz im Sommer dieses Jahres. In Bonn, Stuttgart, Berlin, München, Frankfurt und Mainz, in Großstadtuniversitäten wie Landschulen, diskutierten die OECD-Experten mit Studenten und Professoren, Politikern und Pädagogen. Wieder daheim, studierten ·sie die Reformpläne für die achtziger Jahre.

Fazit: Pädagogische Planspiele werden in der Bundesrepublik oft nur »als Vorwand gebraucht«, um »nichts oder zu wenig zu spät« zu tun. In ihrem Bericht tadeln die Prüfer unter anderem: > Die Bundesrepublik habe, gemessen an anderen Staaten, in den letzten Jahren zu wenig Vorschulplätze geschaffen (während in Frankreich nahezu 75 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen einen Kindergarten besuchen, ist es in Westdeutschland gerade ein Drittel). Kommentar der Kommission: »Grotesk für eine Nation, die ausgerechnet Friedrich Fröbel, den Begründer der Kindergärten, hervorgebracht hat."> An den deutschen Gymnasien und Hochschulen seien, im Unterschied zu anderen OECD-Mitgliedsstaaten, Arbeiterkinder auch heute noch stark benachteiligt (nur acht Prozent der Studenten kommen aus unteren Sozialschichten, in Großbritannien 25 Prozent). Kommentar: Jede Reform bleibe »ein leeres Versprechen, solange keine Veränderungen im Lehrplan und im Verhalten der Lehrer folgen«.

* Auch die Berufsausbildung ("früher einmal vorbildlich") sei inzwischen veraltet und werde zudem nicht hinreichend zwischen Schulen, Betrieben und Ministerien koordiniert. Kommentar: Die Ausbildung stehe »oft in keinem Zusammenhang mit den Bedürfnissen der jungen Arbeiter«.

Als Ursache für derlei Bildungsrückstände gilt den Forschern -- außer dem fehlenden -- »Herrschaft des Beamtentums« in Ministerien und Schulbehörden. Durch eine »exzessive Bürokratie« würden Lehrer und Schulleiter in ihrer »Experimentierfreiheit« behindert. Um den »Einfluß der Schulbürokraten« einzudämmen, schlagen die OECD-Kommissare die Berufung von Beiräten vor, in denen Schüler, Eltern und Lehrer, Studenten und Professoren, aber auch Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam Experimente vorbereiten und Reformstrategien entwerfen. Nach diesem Modell wurde im letzten Jahrzehnt das schwedische Schulwesen von Grund auf erneuert.

Hildegard Hamm-Brücher hält derlei Vorschläge des Prüfer-Quintetts -- »wie überhaupt den ganzen Bericht« -- für »ungemein interessant« und »außerordentlich wichtig«. Der liberalen Bildungspolitikerin kommt die Sachverständigen-Expertise sehr gelegen, denn die Bildungsforscher unterstützen fast durchweg die Reformpositionen der Bundesregierung und der sozialdemokratisch regierten Länder. So votieren sie etwa für ein Gesamtschulsystem, das die Christdemokraten nicht haben wollen. Zudem halten die Berichterstatter es für »höchst wünschenswert«, alle Lehrer (unabhängig davon, ob sie Sechs- oder 16jährige unterrichten) in wissenschaftlich gleichwertigen Studiengängen auszubilden (wogegen die CDU ebenfalls opponiert). Und sie wünschen, wie die Sozialliberalen, neue Lehrpläne, die für alle Schüler und auch für künftige Abiturienten ein bestimmtes Maß an beruflichem Grundlagenwissen vorschreiben.

»In allen Punkten stimmen wir natürlich nicht mit den Herren überein, aber wir haben ganz gut abgeschnitten«, distanziert sich CDU-Vogel vorsichtig von dem Bildungsbericht, den auch er für »nützlich« hält -- besonders, »um den Finanz- und Wirtschaftspolitikern mit einem internationalen Urteil zu beweisen, daß wir noch einiges brauchen«.

Wieviel genau gebraucht wird, können aber auch die OECD-Experten nicht sagen. Von dem bisherigen Ansatz in Bonn und Bundesländern (rund 100 Milliarden Mark bei steigenden Preisen im Jahr· 1985) sind sie laut ihrem Bericht »enttäuscht«. Und deshalb fürchten die Gutachter aus Paris schon heute, daß Westdeutschlands Bildungswesen in zehn Jahren auf allen Ebenen »weitgehend in der gleichen Weise funktionieren wird wie 1971 ... obwohl Reformen dann längst überfällig sind«.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 29 / 83
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.