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Großbritannien Gleich in Tränen

Aufruhr in ehrwürdigen Londoner Klubs: Sollen Frauen Mitglieder werden dürfen?
aus DER SPIEGEL 4/1995

The Garrick« in Covent Garden zählt zu den edelsten Klubs der britischen Hauptstadt. Er wurde 1831 vom Herzog von Sussex gegründet und nach David Garrick, einem berühmten Shakespeare-Schauspieler des 18. Jahrhunderts, benannt - sogar der große Charles Dickens war Mitglied.

Auch Lord Lester of Herne Hill, 58, einer der angesehensten britischen Anwälte und Menschenrechtler, verkehrte früher in den intimen Salons, Speiseräumen und der Bibliothek des vierstöckigen viktorianischen Prachtbaus. Aber jetzt ist Schluß: Nach 25 Jahren hat der Adelige gekündigt - wegen der »unversöhnlichen Feindseligkeit gegen weibliche Mitgliedschaft«.

Wie die meisten der renommierten Londoner Klubs ist »The Garrick« eines der letzten Refugien der britischen Männerwelt. Frauen sind, wenn überhaupt, nur als Dinnergäste und Dekoration bei Abendgesellschaften geduldet. Lord Lester, der die Diskriminierung immerhin ein Vierteljahrhundert mitmachte, findet den Frauenbann nunmehr »absurd und vorsintflutlich«.

Doch die Garrick-Kameraden, an ihren Krawatten mit lindgrünen und rosa Streifen - Gurken und Lachs - rasch zu identifizieren, erteilten allen Umsturzversuchen des liberalen Klubbruders eine scharfe Abfuhr. Der Verleger Leo Cooper etwa sah allein schon deshalb keinen Reformbedarf, weil es genug weibliche Zier gebe: »Schließlich zeigt ein Drittel aller aufgehängten Ölbilder berühmte Schauspielerinnen.«

Fast zeitgleich mit Lord Lester verursachte ein weiteres angesehenes Mitglied des britischen Establishments einen Eklat in der abgeschlossenen Welt der Klubs. Der Wissenschaftler und Oxford-Lehrer David Butler trat nach 43 Jahren unter Protest aus »Oxford and Cambridge« aus, einem exklusiven Akademiker-Zirkel.

Butlers Demission richtete sich gegen »anachronistische Auflagen für Damen«, die zum Beispiel als Gäste ihren Portwein nicht in einer von drei prunkvollen Bibliotheken einnehmen dürfen. Diese Räumlichkeit ist ausschließlich Mitgliedern, also Männern, vorbehalten. Solch chauvinistisches Verhalten, verurteilte der Gelehrte die Klubregeln, widerspreche der »Norm der modernen britischen Gesellschaft«.

Auch »The Carlton«, 1832 eröffnet und ausschließlich deklariert konservativen Herren vorbehalten, erlebt neuerdings modischen Aufruhr. Über 20 Carltonians traten aus, weil der Klub auch künftig keine Frauen zulassen will.

Mit bizarren Regeln versuchen die Gentlemen-Enklaven den Ansturm der Damen auf ihre marmornen Portale aufzufangen: Im »Garrick« dürfen Frauen lediglich im rosafarbenen Pooh room mit ihren männlichen Begleitern speisen, immerhin steht ihnen schon eine eigene Toilette zur Verfügung.

Der »Royal Automobile Club« (RAC) duldet weibliche Gäste prinzipiell nicht in der Bar, im Billardzimmer und dem Rauchsalon. Im »Athenaeum«, der eine Handvoll Bischöfe unter seinen Mitgliedern hat, dürfen Damen die große Eingangstreppe nur abwärts zum Verlassen des Gebäudes, aber keinesfalls zum Aufstieg benutzen. Und im »Boodle's« (gegründet 1762), wo sich rechte Politiker und senile Aristokraten tummeln, müssen Frauen das Gebäude stets über den Lieferanteneingang betreten.

»White's«, Londons ältester, reichster und reaktionärster Herrenverein, ist noch strikter. »Damen sind unter keinen Umständen zu keinem Zeitpunkt zugelassen«, heißt es im Traditionsklub an der Ecke Piccadilly/St. James's Street, wo nach Hausbrauch selbst die Mäuse und Kakerlaken ausschließlich männlichen Geschlechts sein sollen.

Warum die Front gegen weibliche Mitglieder so lange hält, erklären die Gentlemen mit feinsinnigen Argumenten. Dem Publizisten Sir Peregrine Worsthorne widerstrebt die Vermischung der Geschlechter, weil Frauen die Hänseleien und gelegentlich scharfen Wortgefechte der Klubmänner »nicht ertragen könnten und gleich in Tränen ausbrechen würden«.

Kennerinnen der britischen Männerseelen vermuten dagegen, der Drang zum Klubleben habe vor allem mit dem Bedürfnis zu tun, in vertrauter Internatsumgebung »ewige Schuljungen« bleiben zu können - und so den strengen Blicken und der Fürsorge der Nannies, Mütter oder Gattinnen zu entkommen. Garrick-Dissident Lord Lester: »Männer gehen doch in den Klub, weil sie vor den Weibern flüchten wollen.«

Trotz Widerstands der Oberklassen-Chauvis scheint der Vormarsch der Frauen unaufhaltsam: »The Reform«, von dessen Klubräumen aus Jules Verne seinen Phileas Fogg zur »Reise um die Welt in 80 Tagen« aufbrechen ließ, nimmt seit Jahren weibliche Mitglieder auf. Zuletzt hielt sogar eine Frau, die gebürtige Berlinerin Eva-Maria Barbara Beck-Coulter, die ehrenvolle Position der Klubpräsidentin.

Doch weniger der edle Drang nach Gleichberechtigung als die prekäre wirtschaftliche Lage haben »The Reform« für Frauen geöffnet - es fanden sich nicht mehr genug männliche Mitglieder, um die steigenden Kosten zu decken. Y

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