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2000: Wirtschaft GLOBALES MONOPOLY

Mannesmann war nur der Anfang. Die Konzernherren des 21. Jahrhunderts kennen keine nationalen Sentimentalitäten, internationale Kapitalanleger wollen Rendite sehen. Grenzenlose Märkte, das Internet und ein gigantischer Aktienboom treiben sie zu immer waghalsigeren Fusionen. Die Welt AG entsteht - aber hält sie auch?
Von Mathias Müller von Blumencron und Christoph Pauly
aus DER SPIEGEL 52/1999

V errat am nationalen Erbe«, riefen britische Kleinaktionäre, als die Wolfsburger Volkswagen-Werke vor anderthalb Jahren die Nobelmarke Rolls Royce übernahmen.

»Warum lassen wir unseren Volvo den Amerikanern?«, fragten sich empört die Schweden, als der Ford-Konzern die Automarke Anfang 1999 aus dem Norden aufkaufte.

»0172 bleibt deutsch - Keine Übernahme unter dieser Nummer«, giftete die »Bild«-Zeitung, als vor einem Monat der britische Vodafone-Konzern erstmals die Mobilfunkfirma Mannesmann attackierte.

Zumindest die großen Firmenübernahmen, von den Investmentbankern als transnationale Mergers verniedlicht, erregen noch immer die Nationen. Es geht schließlich um das Selbstverständnis ganzer Regionen, um Heimatsprache und gewachsene Loyalitäten, um Erfahrungen und Zukunftschancen.

Der Gekaufte empfindet sich als Verlierer im globalen Monopoly, weshalb sich die betroffenen Führungskräfte - mit reichlich Abfindungsgeld ausgestattet - in der Regel sofort absetzen oder abgesetzt werden. Rekordverdächtig war da die Übernahme von Bankers Trust durch die Deutsche Bank: Der Chef der amerikanischen Investmentbank kassierte 100 Millionen Mark und verschwand wortlos.

Die übrigen Mitarbeiter bei solchen Fusionen sind oft weltweit in Sprachlosigkeit und Wut vereint. Niemand hat sie gefragt, sie wurden von keinem der Beteiligten informiert, ihre Mitbestimmungsrechte, die beim Kauf einer EDV-Anlage und bei den Öffnungszeiten der Kantine stets beachtet werden, zählen im Fall der Fälle nichts. Die Fusion ist groß und wichtig und damit ihrer Einflussnahme komplett entzogen.

So bleibt ihnen oft nur ihr verletzter Stolz, ihr entwerteter Erfahrungsschatz aus den Zeiten der Nationalökonomie, als die Stammbelegschaft im Stammwerk noch deutsche Normalität war.

Der Schmerz über das abrupte Ende einer Firmentradition befällt oft auch die vermeintlichen Gewinner. Denn mit dem Zukauf oder der Fusion löst sich das Vertraute auf, fremde Manager halten Einzug auf allen Etagen, oft wechselt die Konferenzsprache ins Englische, selbst der Firmenname ist nicht mehr tabu. Aus Hoechst und Rhône-Poulenc wird Aventis, aus vier unterschiedlichen Versicherungen formiert sich Ergo, Mercedes-Benz geht erst in Daimler-Benz auf, um in der neuen DaimlerChrysler AG zu verschwinden.

Weltweit haben sich die Konzerne auf Einkaufstour begeben, angeführt und angetrieben von Managern wie DaimlerChrysler-Boss Jürgen Schrempp, Vodafone-Chef Chris Gent, den Vorständen der Telefonkonzerne und der Energieunternehmen. Ihr Ziel ist immer gleich: Sie wollen auf allen Kontinenten vertreten sein, setzen auf Dominanz durch Marktführerschaft, hoffen auf Einsparung durch Synergieeffekte, was wiederum Superprofite ermöglichen soll.

Und: Jeder für sich strebt nach einem Stück Unsterblichkeit, zumindest für eine Erwähnung im Buch der Wirtschaftsgeschichte soll das eigene Tun am Ende reichen. Der New Yorker Fondsmanager David Alger: »Das Ego der Konzernherren ist eine der stärksten Antriebskräfte.«

Bis Ende November gab es weltweit bereits Firmenzusammenschlüsse im Wert von 3,1 Billionen Dollar, im gesamten vergangenen Jahr belief sich das Transaktionsvolumen auf nur 2,5 Billionen. »Newsweek« spricht von »mergermania«.

Vor allem die Europäer fielen als fusionsfreudig auf. Im dritten Quartal 1999 lag der Wert der Übernahmen auf dem alten Kontinent erstmals über dem in den USA.

Erleichtert wird die Fusionitis durch einen nie da gewesenen Zufluss an Kapital. Die Börsen boomen, immer mehr Jüngere pumpen ihr privates Geld in den Kreislauf, aus Furcht vorm drohenden Rentenkollaps, fasziniert von der Aussicht auf steil steigende Gewinne.

Im Eiltempo hat die Aktie das Bargeld ersetzt. Wurden Firmen vor 50 Jahren genauso gekauft und bezahlt wie Autos und Kaffeemaschinen, cash nämlich, hat sich mittlerweile die Aktie als Zahlungsmittel durchgesetzt.

Erst sie verleiht der Globalisierung jene Wucht, die alle Weltregionen erschüttert: Mit einem Aktientausch finanzierten die Daimler-Bosse die Fusion mit dem Chrysler-Konzern, Aktien bietet Vodafone für Mannesmann, mit »Cybercash« (Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff) kaufen sich die Online-Pioniere von AOL, Yahoo und Amazon weltweit ihre Imperien zusammen.

Die kleine kalifornische Software-Firma Ariba etwa, die Konzernen bei der Konstruktion von elektronischen Marktplätzen im Internet hilft, erwarb kürzlich eine ähnliche Firma - für 1,86 Milliarden Dollar in Aktien. Der Umsatz von Ariba bis zum September dieses Jahres: magere 28 Millionen Dollar bei einem fast ebenso hohen Verlust. Vor Jahren hätte eine solche Mickymausfirma keinen Milliardendeal einfädeln können.

Kritiker sehen darin nur weitere Beispiele für eine aberwitzige Börsenspekulation, die schon bald mit einem schmerzhaften Crash enden werde. Andererseits sorgen die hoch bewerteten Finanzmärkte für eine nie da gewesene Dynamik. Ohne Börsenboom würde die Online-Industrie viel langsamer wachsen, würde sich Zukunftstechnik viel träger verbreiten.

Die Sucht nach Macht und Größe treibt Gründer und Manager, seit es Unternehmen gibt. Wann immer neue Techniken die Märkte durcheinanderwirbelten, wenn Zollschranken fielen und Regierungen Staatsunternehmen freigaben, kam es zu großem Geschacher, zur Neuordnung der Märkte.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es die industrielle Revolution, die einen gewaltigen Konzentrationsprozess auslöste. Arbeiteten 1875 nur 23 Prozent der Beschäftigten in Großbetrieben über 50 Mann, waren es 30 Jahre später schon fast doppelt so viele. Nur die kapitalstärksten Unternehmen konnten bei dem Wettlauf um Investitionen in neue Techniken mithalten, nur die größten im erbarmungslosen Preiskampf bestehen.

Damals bildete sich jene granitharte Kapitalistenklasse, eine Mischung aus wagemutigen Gründern, reichen Erben und Finanzartisten, die mit ihren weit verzweigten Konzernen nach und nach die Weltmärkte eroberten. Unternehmen wie Siemens, Krupp und MAN breiteten sich krakenartig aus und expandierten oft rasch auch ins Ausland, so dass nationalistische Politiker in Frankreich die Angst vor der wirtschaftlichen »Invasion Germanique« schon bald gezielt zur Stimmungsmache nutzten.

In den USA erreichte der Wert der Fusionen schon damals, kurz vor der Jahrhundertwende, gemessen am Bruttosozialprodukt, Dimensionen wie heute. Innerhalb von nur 20 Jahren kaufte sich der Ölbaron John D. Rockefeller mit seinem Konzern Standard Oil ein Imperium zusammen, das 90 Prozent des Ölmarktes in den USA kontrollierte. Gleichzeitig vereinigte der Finanzier J. P. Morgan die kränkelnde Stahlindustrie des Landes zu einem gewaltigen Trust.

Dominierten in Europa anfangs charismatische Gründer die Szene, verbürokratisierten sich die Unternehmen nach dem Ersten Weltkrieg zusehends. Der angestellte Manager trat an die Spitze von Konzernen, und mit ihm wuchs die Abhängigkeit von Staat und Banken. In Großbritannien und den USA hingegen, wo Unternehmer ein höheres gesellschaftliches Ansehen genossen, war der Selbständigkeitsdrang kaum zu bändigen - ein Unterschied, der bis heute geblieben ist und Ursache für die große Dynamik auch der gegenwärtigen amerikanischen Wirtschaft ist.

Beschränkten sich die Konzerne anfangs auf den Heimatmarkt und benachbarte Länder, entstanden in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts die multinationalen Unternehmen - zunächst angeführt von amerikanischen Konzernlenkern wie Henry Ford. Telefon und später Telex, schnelle Bahnverbindungen und Fluglinien ermöglichten die Kontrolle von Tochterfirmen und Niederlassungen selbst in entfernten Weltgegenden.

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer regelrechten Invasion von US-Unternehmen, deren Direktinvestitionen im Ausland zwischen 1946 und 1970 von 7,2 Milliarden Dollar auf 78 Milliarden anwuchsen. Besonders seit den sechziger Jahren expandierten auch europäische Firmen zusehends ins Ausland - die Globalisierung war in Fahrt gekommen.

Am Ende des Jahrhunderts gibt es einen neuen Konzentrationsschub, machtvoller als je zuvor. Das Ende des Kalten Krieges öffnete schlagartig den Zugang zu riesigen Märkten und Millionen von Arbeitskräften, die konkurrenzlos billig produzieren können. Computertechnik und Roboter verbilligen die Produktion weiter, drücken auf die Preise und drängen Unternehmen, sich mit Konkurrenten zusammenzuschließen. Wer die größte Einkaufsmacht hat, kann die niedrigsten Preise für Zulieferungen heraushandeln, je massenhafter die Produktion, desto geringer die Kosten.

Neue Techniken wie das Internet und das Mobiltelefon lassen neue Unternehmen entstehen, die sich nun hastig vereinen. Wohlbehütete Branchen wie die Telefonindustrie stehen nach ihrer Privatisierung plötzlich im globalen Wettbewerb, bedroht von der Marktmacht großer ausländischer Konzerne. Wer die meisten Mobilfunkkunden hat, kann die billigsten Tarife anbieten. Wer nicht die Chance hat, bekommt auch keine, er wird geschluckt.

Noch krasser wirkt das Gesetz der Größe in der Online-Industrie: Experten wie Henry Blodget von der amerikanischen Investmentbank Merrill Lynch rechnen damit, dass 75 Prozent der neuen Internet-Unternehmen die nächsten fünf Jahre nicht überleben werden. Die Internet-Ökonomie wird eine Wirtschaft der Konzerne, nicht der Boutiquen.

Amerikanische Investmentbanker, etwa von der Firma Goldman Sachs, liefern die Ideen, das Geld geben die Börsen, und wenig später werden Konzerne, die in ihrer Heimat erfolgreich sind, vom anderen Ende der Erde dirigiert - nicht selten aus einer deutschen Stadt: der amerikanische Buchverlag Random House von Bertelsmann-Managern aus Gütersloh, die britische Autolegende Rover von BMW-Chefs in München, die amerikanische Großbank Bankers Trust von Deutsche-Bank-Bossen aus Frankfurt. Wenn die Herren der Globalökonomie ihre Feldzüge planen, sind Staatsgrenzen kaum mehr als Linien auf einer Landkarte.

In kaum mehr als zehn Jahren bildeten sich so Dutzende von neuen Imperien, deren Herrscher nahezu unbegrenzte Macht genießen - jedenfalls solange sie ihren Aktionären Reichtum bringen. Die Firma Vodafone gab es Anfang der achtziger Jahre noch nicht, der Kommunikationsgigant Worldcom war 1990 noch eine Klitsche im fernen Mississippi. Und Hightech-Konzerne wie Intel oder Microsoft, beide erst seit 25 Jahren aktiv, dominieren ihre Industrien bereits so sehr wie damals die Rockefellers und Vanderbilts.

Die Gewerkschaften tun sich schwer mit der neuen Zeit. Ihre Gegenmacht, über Jahrzehnte ausgebaut und in nationalen Tarifverträgen und Gesetzen fixiert, funktioniert nicht mehr richtig. Für die Welt AG mit ihren kulturellen und materiellen Unterschieden ist das deutsche Gewerkschaftssystem so wenig geeignet wie das US-amerikanische. Die Debatte über weltweite Mitbestimmung und einen länderübergreifenden Betriebsrat stehen erst am Anfang. Die wohltätige Wärme der alten Solidargemeinschaft wird nicht mehr wiederkehren.

In etlichen deutschen Chefetagen geht ebenfalls die Angst um. Früher sorgten befreundete Aufsichtsräte, genügsame Großaktionäre und um ihren Ruf besorgte Banken dafür, dass die Wogen der Globalisierung nicht bis in die deutschen Konzerne schwappten. Doch mit rheinischem Kapitalismus lässt sich der globale Wettkampf im 21. Jahrhundert nicht gewinnen, sagen nun viele. »Unfreundliche Übernahmen können kein Tabu sein«, mahnt Henning Schulte-Noelle, Vorstandschef der mächtigen Allianz. Der Versicherungsmann erwartet neue feindliche Übernahmen. Deutschland bewege sich hin zu einer »wettbewerbsintensiveren Form des Kapitalismus«, sagt er.

Den Politikern ist diese Entwicklung nicht ganz geheuer, nirgendwo auf der Welt. Was ist ihr Wählervotum eigentlich dann noch wert? Wie viel Verantwortung können sie noch übernehmen, wenn die wichtigen Entscheidungen in den Konzernzentralen fallen? Braucht die Staatengemeinschaft nicht vielleicht doch neue Regeln, zusätzliche Institutionen, eine Weltkartellbehörde oder weltweite Bankenaufsicht?

Aus Angst vor einer Übernahme versuchen die deutschen Unternehmen, sich der Herrschaft der internationalen Kapitalanleger anzupassen. Zurzeit in Mode ist die Konzentration auf Kerngeschäfte, nachdem noch in den achtziger Jahren der Risikoausgleich in breit gefächerten Konzernen gesucht wurde. Also werden ganze Firmen verkauft, die Investmentbanken machen als Berater glänzende Geschäfte. Trotzdem entstehen immer mächtigere Konzerne, weil gleichzeitig der Marktanteil weltweit durch Übernahmen möglichst ausgebaut werden soll.

Deutsche Unternehmen haben da noch Nachholbedarf, auch wenn dies viele Politiker und Gewerkschafter nicht wahrhaben wollen. Im Vergleich zu amerikanischen Unternehmen gelten sie noch als Schnäppchen. Selbst Prestigekonzerne wie Siemens, heute mit einem Börsenwert von 135 Milliarden Mark, sind nicht mehr sicher.

Obwohl Siemens-Chef Heinrich von Pierer in den vergangenen Monaten den Aktienkurs seiner Firma gezielt nach oben trieb - er verkaufte Verlust bringende Abteilungen und warb vor Investoren in London wie New York -, hat seine Firma nur ein Siebtel des Börsenwerts seines großen Konkurrenten General Electric aus den USA.

Die Deutsche Bank, das größte Kreditinstitut der Welt, liegt gemessen am Börsenwert in Europa seit einigen Jahren nicht mehr an der Spitze. Bei einer Übernahme durch europäische Konkurrenten wie die britische Lloyds Bank oder die spanische Banco Santander Central Hispano wäre sie nur Juniorpartner.

Doch der Zwang zur Größe ist kein Naturgesetz. Immer deutlicher zeigt sich, dass viele der multinationalen Konzerne nicht zu beherrschen sind. Die Vorteile der Fusion bleiben in der Realität oft hinter den Erwartungen zurück.

Die amerikanische Unternehmensberatung Mercer Management Consulting ermittelte, dass etwa die Hälfte aller Zusammenschlüsse in den neunziger Jahren Aktienvermögen vernichtete, statt es zu erhöhen. Eine Studie der Beratungsfirma KPMG kam kürzlich zu einem ähnlichen Ergebnis. Lediglich 20 Prozent der Zusammenschlüsse hatten den Aktionären eindeutigen Gewinn gebracht.

Unternehmensberater prophezeien sich und ihrer Branche daher rosige Zeiten. Ein New Yorker Investmentbanker: »Vieles, was wir jetzt zusammenschmieden, werden wir morgen wieder auseinander schweißen.«

MATHIAS MÜLLER VON BLUMENCRON, CHRISTOPH PAULY

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