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GLOBKE UND DIE JUDEN

aus DER SPIEGEL 20/1961

SPRECHER: Wir begrüßen die Möglichkeit, die der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Herr Dr. Globke, uns gab, zu Einzelheiten dieses Films Stellung zu nehmen; und Herr Dr. Globke wird mit mir einer Meinung sein, wenn ich sage, daß wir dieses Gespräch in aller Offenheit und in aller Klarheit führen wollen. Haben Sie, Herr Staatssekretär, an dem Reichsbürgergesetz und am Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, also an den Nürnberger Gesetzen, mitgearbeitet, und wenn ja, in welcher Form?

GLOBKE: Ich habe an den Gesetzen nicht mitgearbeitet. Ich habe von dem Erlaß der Gesetze auf dem Parteitag in Nürnberg wie die meisten anderen Deutschen erst durch Rundfunk oder Presse erfahren, nachdem sie erlassen waren. Richtig ist, daß ich, nachdem die Gesetze erlassen waren, bei der ersten Ausführungsverordnung zum Reichsbürgergesetz und zum Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der Ehre vorübergehend mitgearbeitet habe, und zwar zu dem Zweck, die Wünsche des Stellvertreters des Führers, die auf eine Verschärfung der Gesetze hingingen, dabei mit Hilfe anderer Beamter zu unterbinden.

SPRECHER: Herr Staatssekretär, haben Sie an dem sogenannten Namensänderungsgesetz, das ja in einem besonderen Abschnitt vorsah, daß jüdische Mitbürger die Vornamen Sarah und Israel führen müssen, mitgearbeitet, und ist es richtig, daß dieses Gesetz den Nationalsozialisten überhaupt erst die Möglichkeit zur Erfassung der jüdischen Mitbürger gab?

GLOBKE: Das Namensänderungsgesetz ist von mir verfaßt worden. Das Namensänderungsgesetz sollte eine völlig andere Fassung erhalten. Es war nämlich vorgesehen, daß die Juden alle an ihren Familiennamen den Doppelnamen Jude oder dergleichen anfügen sollten. Das war auf Wunsch des Stellvertreters des Führers, auf Anregung aus nationalsozialistischen Kreisen so von dem Innenminister entschieden worden. Ich habe dann dagegen Vorstellungen erhoben und schließlich erreicht, daß die Kennzeichnung der jüdischen Namen unterblieb. Dafür wurde dann die Zufügung der Vornamen Israel und Sarah angeordnet. Diese Maßregel war natürlich eine erheblich mildere - so hart sie dann auch war - gegenüber der anderen. Aber es waren zum Beispiel die Juden, die ins Ausland gingen, ohne weiteres in die Lage versetzt, diese Namen wieder abzulegen. Schon aus dem, daß das Gesetz in der Form, in der es erlassen war, verhindert worden ist, nämlich die Kennzeichnung der Familiennamen, ergibt sich, daß dieses Gesetz gar nicht die Grundlage für die Erfassung der jüdischen Mitbürger gab, denn das wäre ja auch bei der schärferen Formulierung eingetreten. Es ist dann in dem Film behauptet worden, daß die Schwierigkeiten dadurch entstanden seien, daß die Hinzufügung der Namen Israel und Sarah der Leitstelle der Geheimen Staatspolizei zu melden sei von den Standesbeamten. Das ist richtig. Diese Bestimmung war in dem von mir entworfenen Erlaß nicht enthalten; sie ist nachträglich von anderer Seite - ich kann Ihnen heute nicht mehr sagen, ob von dem Minister oder Staatssekretär persönlich - eingefügt worden auf Verlangen der SS- und der Parteidienststellen.

SPRECHER: In welcher Art, Herr Staatssekretär, zeichnen Sie verantwortlich für die von den Nazis eingeführte Kennzeichnung der Judenpässe mit dem Stempelaufdruck »J«?

GLOBKE: Ich kam einmal zu einer internationalen Personenstandskonferenz nach Bern. Bei der Gelegenheit erklärte mir der deutsche Gesandte, daß er mit mir zu dem Schweizer Polizei-Departement gehen wolle, um über die Kennzeichnung von Pässen zu sprechen. Ich erklärte ihm, daß ich darüber gar nichts wisse, damit auch nichts zu tun habe. Er bat mich aber, gleichwohl mitzukommen. Die Schweizer Behörden seien verstimmt darüber, daß sie aus Berlin nie eine Antwort bekämen, und er habe mich jetzt angemeldet. Ich bin dann mit ihm gegangen, um keinerlei Verstimmung aufkommen zu lassen, und habe bei der Gelegenheit zum erstenmal davon gehört, daß zwischen deutschen und Schweizer Stellen Verhandlungen im Gange waren darüber, daß die Pässe von jüdischen Deutschen gekennzeichnet werden sollten, damit die Schweizer bei der Einreise über die Einreise genau Bescheid wissen könnten. Ich habe dem Schweizer Beamten, mit dem ich darüber verhandelte, erklärt, daß ich mit der Sache nichts zu tun hätte, daß ich aber bereit sei, seine Wünsche bei meiner Rückkehr nach Berlin in Berlin vorzutragen, daß ich aber im übrigen den Vorschlag machte, wenn diese Dinge sich verzögerten, ob man nicht statt dessen eine andere Regelung nehmen könne, nämlich die Regelung, daß die nicht jüdischen Deutschen, die in die Schweiz einreisten, einen besonderen Vermerk in ihren Paß bekämen: Gültig auch für die Schweiz. Ich habe das angeregt. Der Gedanke ist hin und her gesprochen worden. Wir sind weggegangen. Als ich einige Tage später nach Berlin kam, stellte sich heraus, daß der Gesandte bereits schriftlich und telephonisch darüber berichtet hatte, und als ich mich an den Sachbearbeiter für die Paßfragen wandte, erklärte er mir: Ja, die Sache ist schon erledigt, es wird in den nächsten Tagen eine Besprechung mit der Schweiz hier stattfinden... Dann habe ich hinterher gehört, daß las Ergebnis dieser Besprechung gewesen sei, daß nun die Pässe mit einem »J« gekennzeichnet waren ...

SPRECHER: Herr Staatssekretär, stimmt es, daß Sie zuständig waren für eine Verfügung, wonach den Genehmigungsgesuchen für Heiraten zwischen Deutschen und Ausländern Photos der Antragstellerin in unbekleidetem Zustand oder im Badeanzug beigefügt werden mußten?

GLOBKE: Nein, das ist in dieser Weise unrichtig. Gegen Kriegsende, als die Sachgebiete zusammengelegt wurden, kam das Gebiet des Personenstandswesens, das ich bis zum Kriegsbeginn bearbeitet hatte, wieder in meine Zuständigkeit; und dabei stellte ich fest, daß während der Zeit, in der ich nicht zuständig war, auf Wunsch der Medizinalabteilung für solche Eheschließungen eine entsprechende Verfügung ergangen war. Ich bin daraufhin sofort mit der Medizinalabteilung in Verbindung getreten, um eine Änderung dieses Zustandes zu erreichen. Ich habe aber nur erreichen können, daß sie zustimmten, daß die Photographien grundsätzlich im Badeanzug vorzulegen seien, und da, wo Photographien in nur unbekleidetem Zustand zur Verfügung standen, daß diese Photographien in verschlossenem Umschlag vorgelegt werden müssen ...

SPRECHER: Ist es richtig, Herr Dr. Globke, daß Sie an der Einführung der Judengesetze in den seinerzeit von Deutschland besetzten europäischen Ländern ... beteiligt waren?

GLOBKE: Nein, es ist völlig unrichtig ... Ich habe von einer Endlösung der Judenfrage in dem Sinn, daß nun alle Juden umgebracht werden sollten, nie etwas gehört. Ich habe auch immer geglaubt, daß es in den Städten des Ostens große Gettos gab, in denen Juden untergebracht waren, und dergleichen mehr. Den vollen Umfang der Greuel, die verübt worden sind, habe ich erst nach dem Kriege erfahren.

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Im NS-Reichsinnenministerium war ich nur ein ganz kleiner Beamter

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