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Briefe

GLOCKEN-SCHLÄGE
aus DER SPIEGEL 13/1966

GLOCKEN-SCHLÄGE

Ich habe den Fall Haase voll miterlebt. Ich war fast 18 Monate in Untersuchungshaft. In der eigenen Sache wurde ich voll rehabilitiert. Während meiner U-Haft teilte ich folgenden Stellen - größtenteils illegal - den Tod Haases und andere Dinge aus dem Untersuchungsgefängnis mit: Dr. Damrow (vom »Hamburger Abendblatt"), »Hamburger Abendecho«, »Hamburger Morgenpost«, Burda-Verlag, »Stern« und dem »Stern«-Verleger Dr. Bucerius. Persönlich informierte ich Herrn Senator Kramer, als er mit dem Regierungschef von Schleswig-Holstein eine Visite machte.

Theodor Kleiber vom Burda-Verlag schickte meinen ganzen Bericht nebst Beschwerde gegen mich an die Gefängnisbehörde Hamburg, an den Leitenden Regierungsdirektor Dr. Sinke. Von dort ging der Fall zu (dem Leiter des Untersuchungsgefängnisses) Herrn Oesterreich, und dieser übergab mich dem Verantwortlichen der Glocke: Amtmann Kunst.

Ich bekam zwei Tage verschärften Arrest, und mir wurde ein Strafverfahren wegen »Verleumdung und Diebstahls von Anstaltseigentum« (Schreibpapier an Burda) angekündigt.

Somit wußten alle leitenden Herren spätestens am 4. April 1965 von der Sache. Nach meiner Entlassung (Mai 1965) fragte ich bei der Staatsanwaltschaft wegen des Verfahrens an. Die Antwort: »Nichts bekannt!«

Hamburg HELMUT-LAURITZ GAARDE

Obrigkeitshörigen Deutschen ins Stammbuch: Viele Beamte waren des Haasen Tod!

Hamburg CARL DÜCKER

Der Tote heißt Haase - und die Lebenden wissen von nichts!

Hamburg FIETJE DREWES

Daß der deutsche Justizapparat nicht in Ordnung ist, ergibt sich auch daraus, daß die Aufsichtsbehörden solcher Gefangenen-Quälanstalten entweder nichts von allem wissen wollen oder aber den Bock zum Gärtner machen (der Generalstaatsanwalt läßt Gefängnisbeamte in eigener Sache Vernehmungen vornehmen!).

Basel JONAS LANDERT

Daß Leute in der U-Haft durchdrehen, ist doch nicht verwunderlich; denn sie müssen ja dort unter völlig ungewohnten Bedingungen leben - plötzlich fehlen alle Umwelteinflüsse. Unverständlich und erschreckend ist nur, daß die Häftlinge bei »Anfällen« gleich als »Irre« in die »Glocke« kommen, statt sie von Fachärzten behandeln zu lassen.

Bremen ROLF LAGEMANN

Es ist bekannt, daß der Entzug fremder Reize auf die Sinnesempfindungen (Schall, Wechsel der Temperatur, der Beleuchtung) eine auch schwer physische Belastung darstellt, die unter Umständen bei kreislauflabilen Typen zum Kollaps führen kann. Der Mensch ist nun einmal darauf eingerichtet, daß er im steten Wechsel mit seiner Umgebung lebt, er bedarf ihrer zu seiner Existenz. Dazu gehört auch der Reflex seiner Aktionen aus der Umwelt.

Fragen Sie mal einen Elektroakustiker, wie er sich nach längerem Aufenthalt in einem schalltoten Spezialraum (wie er dort zum Ausmessen von Mikrophonen und Lautsprechern verwendet wird) fühlt.

Grenzfall: Irgendeine US-Stelle machte diesen Versuch: Person in Badewanne von Körpertemperatur, schwebend (durch Wasserzusätze), Hände und Füße so gelagert und durch Röllchen geschützt, daß der Betreffende sich nirgendwo selbst berühren konnte, dunkler, schalltoter Raum. Nach bereits einer Stunde (wenn ich mich recht erinnere) Kreislauf im »Eimer«, Person halb wahnsinnig, bereit, alles zu glauben, was man sagte, allen Anweisungen zu folgen. Rekonvaleszenz nach Versuch dauerte sehr lange!

Julich (Nordrh.-Westf.)

WILHELM HOPMANN

Dipl.-Physiker

Wenn in Hamburg der Untersuchungsgefangene Haase nach 25 Schlägen auf das Gesäß verstirbt, verwendet der SPIEGEL fünf Seiten. Wenn in Tuttlingen der Hilfsaufseher Zepf nach 25 Schlägen mit einem Stuhlbein über den Kopf verstirbt, verwendet der SPIEGEL keine Zeile.

Rottenburg (Bad.-Württ) ANTON STEINER

Gerechterweise sollte nicht unerwähnt bleiben, daß es sich bei dem erwähnten Oberwachtmeister Albert Unke (der Haase prügelte) um einen leider zur Minderheit gehörenden Beamten handelte, der sich im Umgang mit Gefangenen durch Besonnenheit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft auszeichnete. Um so unverständlicher (oder etwa verständlicher?) sein Verhalten im Fall Haase.

z.Z. Untersuchungs-Haftanstalt Hamburg

DENNIS LUHTI

Beim Lesen Ihres Artikels stellte ich mit Befremden fest, daß auch Sie für einen Strafvollzugsbeamten den Ausdruck Wärter benutzten. Dazu möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich als Beamter im Strafvollzug (Oberwachtmeister) während meiner Dienstzeit in der Hamburger Untersuchungshaftanstalt stets bemüht war, den hier einsitzenden Gefangenen bei der Erfüllung ihrer Wünsche und Erledigung ihrer Angelegenheiten nicht nur im Rahmen der Dienstvorschriften, sondern auch menschlich in jeder Weise behilflich zu sein. Als Anerkennung dafür werde ich dann in der öffentlichen Meinung als Wärter bezeichnet. In meiner Vorstellung, und ich glaube, auch in der Vorstellung der breiten Lesermasse, ist ein Wärter jemand, der Tieren wie Affen, Schweinen, Löwen und so weiter mit Hilfe von Zucker und Peitsche ein nach menschlichen Begriffen ordentliches Benehmen besorgt. Aus diesem Grunde habe ich den Eindruck gewonnen, daß Sie nicht nur meinen Beruf als unehrenhaft ansehen, sondern auch die in Untersuchungshaft einsitzenden und ehemals einsitzenden Personen als von Wärtern in der von mir geschilderten Weise beaufsichtigte Wesen ansehen. Bemerken möchte ich noch, daß ich während meiner fast siebenjährigen Dienstzeit von nur einem Gefangenen ernsthaft als Herr Wärter angesprochen wurde - wenn es nicht unzulässig wäre, hätte ich dem Herrn gerne eine Banane angeboten.

Hamburg RALF BOLLHORN

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