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FILM Glück für die ganze Familie

»In tödlicher Mission«. Spielfilm von John Glen. Großbritannien 1981; 127 Minuten; Farbe.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Wenn es stimmt, daß James-Bond-Filme Gradmesser für unterschwellige politische Zeitstimmungen sind, dann gibt es zur Zeit überhaupt keine Zeitstimmung.

Weder sind die bösen Gelben dabei, die Erde in die Luft zu sprengen, noch wuseln muselmanische Schurken an den Ölhähnen herum, und auch der US-Neger als Schreckens-Modell »Schwarzer Panther« hat mitsamt seinen bleckend weißen Zähnen ausgedient.

Da man Bösewichte(r) nun einmal braucht, damit 007 sie töten darf, übernimmt wie in den frühen Bond-Streifen ("Liebesgrüße aus Moskau") der KGB den zur Glücklosigkeit verdammten Part des Finsterlings -- aber er spielt ihn mit einer apolitischen Lustlosigkeit, als ginge es nicht um den Geheimcode der britischen Marine, sondern bestenfalls um ein Hotel in der Schloßstraße beim Monopoly.

Wenn es stimmt, daß Bond-Filme den Stand männlichen Verfügungswahns ("Heiße Öfen«, »schnelle Schlitten«, »knackige Bräute") besser widerspiegeln als der aufklappbare Hochglanz der Herrenmagazine, so ist es auch hiermit nicht mehr zum besten bestellt.

Bond, der, obwohl doch meist nichts Geringeres als die Existenz des Planeten Erde bei seinem Einsatz auf dem Spiel stand, zwischendurch immer Zeit fand, als Warentester von Mannequins aller Hautfarben aufzutreten, um stets mit einem stereotyp süßlichen Lächeln belohnt zu werden -- dieser Bond reagiert fast altjüngferlich panisch, wenn sich ihm im Hotelbett ein skandinavisches Eismädchen als Überraschung schon ausgepackt anbieten will.

Ist Bond (der unverwüstliche Fünfziger Roger Moore), der im Skidreß schon aussieht, als habe er während der Dreharbeiten vorwiegend Bauch-Einziehen und Luft-Anhalten praktiziert, etwa des triebhaften Treibens müde, ein später Säuerling der Moral, ein Fuchs mit einem Traubendiätplan? Das Geheimnis ist mit dem Namen eines Gerichts aus chinesischen Restaurants umschrieben, das »Glück für die ganze Familie« heißt.

So wie dieses Gericht weder zu scharf noch zu matt, noch zu süß, noch zu salzig, sondern einfach reichlich zu sein hat, will Bond in seinen jüngsten Filmen seine Fans vom zwölften bis zum neunzigsten Lebensjahr so vergnügen, daß sich keiner überfordert, keiner gefrustet fühlt: der Markt wird größer, der Spielraum kleiner.

Bond, der Familien-Bond, enthält soviel Frivolität wie Coca-Cola Kokain, er ist, zur Freude seiner Producer, Glück für die ganze Familie. Dieses Glück stellt er vor allem mit technischer Bravour her, so daß man im Kino dafür entschädigt wird, was einem das Serien- und Familienfernsehen zumutet: einen Austausch von Wortblasen im Schnitt/Gegenschnitt-Verfahren, einen Kopfsalat von Großaufnahmen, der einem auf Pappkulissentellern in 45-Minuten-Häppchen gereicht wird.

Bond statt dessen bietet technisch ausgekochte Brillanz, waghalsiges Stuntman-Können und eine ironisch-infantile Zerstörungswut, die sich an unserem S.135 technischen Spielzeug austobt, daß es eine Lust ist.

Das fängt mit einer Hubschraubernummer an, bei der ein Kahlkopf im Rollstuhl Bond ferngesteuert in den Tod fliegen lassen will und selbst in einem Londoner Schornstein landet -- und das im Jahr der Behinderten:

Das geht, ebenso perfekt, mit einer Autojagd durch die spanische Olivenernte weiter, bei der eine »Ente« zeigt, wieviel sie beim Saltoschlagen aushält. Und gipfelt in einem kombinierten Abfahrtslauf zwischen Skifahrern, Bobschlitten und spike-besetzten Motorrädern durch den Eiskanal von Cortina d''Ampezzo. Was Bogners Ski-Zirkus hier zeigt (bei den Dreharbeiten verunglückte ein Stuntman tödlich), das bekommt man im Fernsehen nicht einmal bei besonders unfallträchtigen Abfahrtsläufen im Winter von Harry Valerien als Sturz-Parade geliefert: dort mit den Krokodilstränen der Entrüstung.

Wem in den Ferien beim Schnorcheln nur ein paar bunte Kleinfische ins Blickfeld geschwommen sind (zu wenig für die wasserdichte gelbe Minolta), dem wird hier eine Art abgesoffener Akropolis im Sightseeing-Tauchen serviert -- und aus den einsiedlerischen Mönchen in Thessalien, die auf unwirtlichen Felsen wohnen, um Gott nah und den Feriengästen fern zu sein, macht der zwölfte Bond-Film eine beachtliche Bergsteiger-Akrobatik-Orgie.

Wer nach solchen technischen Glanznummern noch nach Sinn und Handlung fragt, dem ist nicht zu helfen -- ebensogut könnte er im Telephonbuch nach den Psalmen suchen oder in Disney-Land nach der Kritik der reinen Urteilskraft.

Die letzten beiden Bond-Filme »Der Spion, der mich liebte« (1977) und »Moonraker -- streng geheim« (1979) erstickten, obwohl sie eine so zugkräftige und komische Gegenfigur Bonds wie den Beißer (Jaws) aufboten, an ihrem Überangebot an technischen Spielereien. Besonders der Weltraum im »Moonraker«, wo es zu einer endlosen Vernichtungsorgie in einer Raumstation kam, erwies sich als Bond-ungeeigneter Spielort.

Bond muß seinen Zuschauern offensichtlich auf den Routen des Luxus-Tourismus vorauseilen -- und nicht in die sterile Unwirtlichkeit des Alls, das seit dem »Krieg der Sterne« von kindischen Steiff-Tierchen okkupiert ist.

Bei Bond geht es jetzt wieder irdischer, witziger, parodistischer zu.

Übrigens heißt der zwölfte Bond rein zufällig: »In tödlicher Mission«, und ein tödliches Etwas, das die volle militärische Stärke des Westens enthält, wird in allerletzter Minute vor den Russen gerettet: es sieht aus wie eine zerbeulte Reiseschreibmaschine. Warum auch nicht? Der deutsche Verteidigungsminister sieht ja auch wie Hans Apel aus.

Hellmuth Karasek

S.134Mit Roger Moore.*

Hellmuth Karasek
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