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HANDLESEN Glück im Laubfrosch

aus DER SPIEGEL 10/1964

Handliniendeuter Fritz Eishold, 48, (Künstlername: »Urano") reiste aus seiner Heimatstadt, dem hessischen Wiesbaden, ins schwäbische Eßlingen. Dort las er Gästen eines Lokals aus der Hand, kassierte jeweils zehn Mark und stolperte dabei über eine Eigenheit des deutschen Föderalismus: Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, das seine Bürger durch besondere landesrechtliche »Gaukeleiparagraphen« vor bezahlten Prognosen von Wahrsagern, Handlesern und Hellsehern bewahrt.

Der Deuter gegen Kasse wurde angezeigt und erhielt eine Strafverfügung über 30 Mark. Die Buße war begründet mit Eisholds Verstoß gegen:

- das »Polizeistrafgesetzbuch für Baden« vom 31. Oktober 1863, das in Paragraph 68 bestimmt: »Wer gegen Lohn oder zur Erreichung eines sonstigen Vorteils sich mit sogenannten Zaubereien oder Geisterbeschwörungen, mit Wahrsagen, Kartenschlagen, Schatzgraben, Zeichen- und Traumdeuten oder anderen dergleichen Gaukeleien abgibt, wird mit Haft bis zu 14 Tagen oder Geld bestraft«;

- das »Württembergische Polizeistrafgesetzbuch« vom 27. November 1871, das im Januar 1934 um den Artikel 28 b ergänzt worden war, der Gaukelei-Delikte mit »Geldstrafe bis zu 150 RM oder mit Haft« bedroht.

Teils zur selben Zeit wie Baden, teils erst während der NS-Zeit hatten auch sämtliche anderen Länder des Deutschen Reichs ihr regionales Recht durch ähnliche Paragraphen bereichert.

Die letzten Säumigen ermunterte der NS-Reichsminister des Innern mit Erlaß vom 15. August 1934, »angesichts der schweren Schädigungen, zu denen Ausbeutung der Leichtgläubigkeit des Publikums durch Gaukelei ... führen kann«, das entgeltliche Wahrsagen und andere Gaukeleien polizeilich zu verbieten.

Nach Kriegsende aber sagten sich die Länder - außer Baden-Württemberg - von den NS-Paragraphen gegen die Gaukelei wieder los und bekämpften nur noch Auswüchse-mit den Betrugsparagraphen des Strafgesetzbuchs.

Der Wiesbadener Chirologe Eishold fühlte sich vom baden-württembergischen Starrsinn benachteiligt. Als er gegen die Strafverfügung Einspruch erhob und sich unter anderem auf das

Recht zur freien Berufsausübung berief, kamen auch dem Amtsgericht Eßlingen Zweifel. Es bemühte Baden-Württembergs Staatsgerichtshof. Doch Präsident Professor Dr. Hans Neidhard verkündete nach einer Samstagvormittagsitzung Mitte vorigen Monats, der Polizeistrafgesetzbuch-Artikel 28 b sei nicht zu beanstanden.

Der Staatsgerichtshof fand, die unter den Sammelbegriff Gaukelei fallenden Betätigungen seien »sozial unwerte Berufe« und mithin nicht schutzwürdig. Auch der Gleichheitsgrundsatz werde nicht verletzt, denn was ein Bundesland nicht für strafwürdig halte, brauche deshalb noch lange nicht in einem anderen ebenfalls straflos zu bleiben.

Mit seinem Spruch gab der Staatsgerichtshof grünes Licht für die Fortsetzung des Eishold-Verfahrens beim Amtsgericht Eßlingen.

Gleichwohl furchtlos, meldete sich Chirologe Eishold noch am selben Samstag per Inserat in der »Badischen Zeitung« für ein längeres Beratungs-Gastspiel in der südbadischen Stadt Freiburg

»Urano, Ihr Handliniendeuter«, so zeigte Eishold 92 mal 44 Millimeter groß an, »sagt alles aus Ihren Handlinien, vor allen Dingen über Ihren Beruf, Erwerb, Geschäft, Liebe, Ehe, Kinder, Krankheit, Glück durch Spiel usw.«

Bei seinem Kundendienst im Freiburger Hotel »Laubfrosch« blieb Eishold -Urano vor Nachstellungen der Gaukelgegner bislang verschont. Zwar erschien die badische Polizei bei ihm, aber: »Ich habe meinen Gewerbeschein aus Wiesbaden gezeigt, und dann ist nichts weiter passiert.«

Die Hoffnung, daß ihm im baden-württembergischen Landesteil Baden auch hinfort nichts passieren werde, begründet der Deuter mit dem privaten Interesse, das badische Juristen an seiner Tätigkeit nehmen.

»Urano« letzte Woche nach zehntägiger Praxis im »Laubfrosch": »Sogar Richter und Staatsanwälte haben sich bei mir die Handlinien deuten lassen.«

Chirologe Eishold, Kundin (im Freiburger Hotel »Laubfrosch"): Alles aus der Hand

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