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Lotto Glück im Tresor

Ein Bochumer Lotto-Unternehmer lockt mit Millionenchancen, Gewinne macht er vor allem selbst. Jetzt ermitteln Staatsanwälte.
aus DER SPIEGEL 12/1993

Vier Wochen lang spielte er mit, dann hatte Christian Rohr, 49, die Schnauze voll. 362 Mark verspielte der Bankkaufmann aus Freiberg bei Stuttgart. Gewonnen hatte er 23,79 Mark - »eine grenzenlose Frechheit«, schnaubt der Geprellte.

Er war den üppigen Versprechen einer dubiosen Firma auf den Leim gegangen: »Riesige Gewinngeld-Ausschüttung« hatte ihn gelockt, »62,5 Millionen Mark alle 7 Tage« versprach der Prospekt des Lotto-Unternehmers Norman Faber, 47.

Der ist der Größte seiner Branche in Deutschland. Faber setzt Geld von Hunderttausenden hoffnungsfroher Lottospieler auf geheimnisvolle Glückszahlen - und gewinnt vor allem selbst. _(* Mit dem Modell seiner neugebauten ) _(Firmenzentrale in Bochum. )

Seine Kunden zahlen für einen Anteil an Fabers Lottozetteln 7 Mark, davon gehen nur 4,78 Mark an die Lotto-Annahmestelle. 2,22 Mark kassiert der Glücksunternehmer als Gebühr für seine Leistungen. Fabers Systemtips sollen höhere Chancen und mehr Gewinne bringen, die dann je nach Anteilen auf Tausende von Kunden verteilt werden - was diese vorher nur im Kleingedruckten erfahren.

Der Dreh funktioniert prächtig: Faber erzielt einen Jahresumsatz von etwa 300 Millionen Mark. In seinem nagelneuen, 15 Millionen Mark teuren Glaspalast in Bochum beschäftigt er 150 Angestellte.

Womöglich nicht mehr lange: Diese Woche will die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs per Unterlassungsklage Fabers System zu Fall bringen: »Die Leute werden hinters Licht geführt«, so Zentralenchef Marcel Kisseler, 65. In Bochum und Wiesbaden ermitteln schon Staatsanwälte: Enttäuschte Kunden haben Faber wegen Betrugs angezeigt, das hessische Finanzministerium wegen illegalen Glücksspiels.

Faber sieht sich zu Unrecht verfolgt: Er betreibe lediglich ein »Service-Unternehmen«, nehme den Lottospielern gegen Gebühr das lästige Ausfüllen der Tippzettel und das Laufen zur Annahmestelle ab. Vorige Woche präsentierte er seinen jüngsten Gewinn: Erst am Wochenende zuvor war auf Fabers Zetteln ein Sechser - 3 818 348,10 Mark.

Fabers Lottokönige aber sind höchstens kleine Prinzen: Den Millionengewinn teilen sich diesmal 294 Mitspieler. Denn Faber bildet Tippgemeinschaften - wie glücksuchende Büromenschen und Fabrikarbeiter. Nur: Fabers Kunden spielen besondere Zahlen, dank »Extrem-Know-how« (Eigenwerbung) der Firma.

Unter klangvollen Phantasienamen wie »Super-Optima 6/III« oder »Super-Select C6/6« verkauft der Glücksunternehmer geheimnisvolle Ziffernreihen, die das koreanische Computer-Wunderkind Seong-Han Kim, 21, ausgetüftelt hat: Zahlen, die selten getippt werden und hohe Gewinne versprechen, wenn sie denn fallen.

Die meisten Tipper nehmen Glückszahlen wie die 7 oder Geburtstage. Und was viele tippen, wirft wenig Gewinn ab - die 19 zum Beispiel, mit der die meisten Geburtsjahre anfangen. Dank jahrelanger Analysen einzelner Zahlen hat Faber, wie er stolz verkündet, eine »Formel im Panzerschrank, die mit der von Coca-Cola vergleichbar ist«. Die bleibt natürlich geheim.

So scheu ist er nicht, wenn es um Selbstdarstellung geht. 50 bis 80 Millionen Mark im Jahr, schätzen Werbeexperten, gibt er für Reklame aus: Der VfL Bochum kickt mit Faber-Logo, gesponsert werden Basketballclubs aus Bamberg und Hagen, die nordischen Skiläufer und die Biathleten. Auch Boris Becker trägt seit letztem Jahr das Faber-Logo am Leibchen. Radiowerbung, Fernsehwerbung - überall der Slogan: »Ohne Wenn und Aber - Faber«.

Doch die Gegner formieren sich. Lottogesellschaften in Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein warnen in Handzetteln vor Fabers »dubiosem Gewinnversprechen«. Der Bochumer Unternehmer treibe »gewaltige Bauernfängerei«, sagt Rainald Meier, 49, Chef des Verbandes bayerischer Lotterie-Annahmestellen.

Vor allem die fehlende Kontrolle bei Faber weckt Mißtrauen. Karl Rodler, 60, Präsident der Staatlichen Lotterieverwaltung Bayern: »Eine kleine Lotto-Annahmestelle im Bayerischen Wald mit 300 Mark Wochenumsatz wird strengstens staatlich kontrolliert, Faber überhaupt nicht. Das ist doch pervers.«

Top secret ist die Lotto-Annahmestelle, bei der Faber seine Tippzettel abgibt; niemand hat je die Tippzettel-Ausfüllmaschine gesehen, die Faber angeblich konstruiert hat. Weil Faber die Original-Lottozettel generell nicht an die Mitspieler herausgibt, wollen zwei Kunden ihn jetzt verklagen.

Rodler bezweifelt, daß Faber alle Tippzettel ordnungsgemäß abgibt: Auffällig sei, daß Faber seine Wochenumsätze mit fünf bis sechs Millionen Mark angibt, die zuständige Landes-Lotterieverwaltung aber nur Faber-Einzahlungen von ein bis zwei Millionen verbucht.

»Wer kann denn kontrollieren, ob der überhaupt spielt? Der könnte theoretisch auch überhaupt nicht Lotto spielen«, sagt Rodler. Schließlich sei Faber, vom Umsatz her, seine eigene Lotterie: »Wenn ein Sechser fällt, kann der ihn auch auszahlen.«

* Mit dem Modell seiner neugebauten Firmenzentrale in Bochum.

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