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Glück und (Einscheiben-Sicherheits-) Glas

aus DER SPIEGEL 15/1972

Der Anblick eines Zahnarztes, der Zahnschmerzen hat, gilt als tröstlich, wenn er nicht gar Freude bereitet. Da sollte uns der Anblick eines angeklagten Staatsanwaltes eigentlich angenehm sein. Doch da steht nun ein Staatsanwalt vor Gericht -- und ist des Mitleids bedürftig wie kaum ein anderer Angeklagter.

Der normale Angeklagte weiß, was er vom Staatsanwalt spätestens von dem Augenblick an zu erwarten hat, in dem sich dieser zur Anklageerhebung entschließt: nichts als das, was der Staatsanwalt für die Wahrheit hält.

Der mit einem Ermittlungsverfahren überzogene Staatsanwalt hingegen meint, es werde sich aus diesem nichts anderes als die Wahrheit ergeben, denn was produziert das Ermittlungsverfahren nach seiner Berufsüberzeugung, wenn nicht die Wahrheit. Kommt es dennoch so weit, daß der Staatsanwalt angeklagt wird, so ist er nur endgültig überzeugt, nun könne sich nichts anderes noch durchsetzen als die Wahrheit, seine Wahrheit, die Wahrheit eines Staatsanwaltes immerhin. Denn was ist die Hauptverhandlung schließlich, wenn nicht die Stunde der Wahrheit.

Ein Staatsanwalt eignet sich also wirklich nicht zum Angeklagten, und was ihn in der Rolle des Angeklagten endgültig ruiniert, das kommt noch hinzu: die Tatsache, daß die Strafverfolgungsbehörde im Strafverfahren gegen einen Staatsanwalt ihre Objektivität und Korrektheit auf die Spitze treibt. Am angeklagten Staatsanwalt zeigt die Staatsanwaltschaft, wozu sie fähig ist.

Am 26. November 1969 gegen Mittag brach der Erste Staatsanwalt Roth in Schleswig auf, um nach Hause, nach Flensburg zu fahren. Herr Roth überholte in einem Ro 80 der ersten Serie einen Lastzug, das Wetter war für die Jahreszeit gut. Anschließend lag ein weiterer Lastzug vor Herrn Roth, den er jedoch, so hat er sich stets eingelassen, nicht auch noch überholen wollte. Plötzlich gab es einen fürchterlichen Knall, und vor Herrn Roths Augen verwandelte sich die Frontscheibe des Ro 80 in ein undurchsichtiges, blindes Spinnwebenfeld. Von hier an setzt die Erinnerung von Herrn Roth aus.

Das Ende war ein weiterer Knall, ein Schlag, nach dem tödliche Ruhe herrschte: Herr Roth war auf die linke Fahrbahn geraten und dort mit einem von vorn kommenden Citroön 2 CV zusammengestoßen, in dem die Ingenieurstudenten Iwersen und Ingwersen starben. Herr Roth wurde ins Krankenhaus geschafft. Als er am nächsten Tag von der Polizei im Krankenhaus befragt wurde, wußte er über den Hergang noch immer nichts zu sagen.

Er war aber immerhin schon so weit, daß er den ihn vernehmenden Beamten fragen konnte, was mit der Frontscheibe seines Wagens geschehen, ob diese stehengeblieben sei. Der Polizeibeamte besichtigte das Unfallfahrzeug und teilte anschließend Herrn Roth mit, die Scheibe sei eingestürzt. Erst danach und noch ein paar Tage später hatte Herr Roth -- zunächst nur seinem Anwalt gegenüber -- den Hergang rekonstruiert: Die Frontscheibe des Ro 80 sei blind geworden und nicht sofort eingestürzt, sondern bis zum Zusammenprall mit dem 2 CV blind stehengeblieben.

Von nun an stand Herr Roth unter dem Verdacht, er habe die perfekte Ausrede erfunden, das Perpetuum mobile unter den Schutzbehauptungen, das niemand anhalten kann. Herr Roth hat es nicht an Versuchen fehlen lassen, sich zu erklären. So hat er immer wieder davon gesprochen, daß sein Versuch, sich des Hergangs zu erinnern, dem Zusammensetzen eines Puzzles glich; daß er nach und nach erst die Teile zu einem annähernden Bild zusammenzufügen in der Lage war; die Teile, die ihm erst nach und nach wieder greifbar wurden.

Auch hat er darauf hingewiesen, er habe mit seiner zuletzt vorgebrachten Darstellung gezögert, weil er der Meinung war, der von ihm gefahrene Ro 80 sei serienmäßig mit einer Scheibe aus Verbundglas ausgerüstet gewesen, die nicht derart habe blind werden können wie die Scheibe seines Wagens. Erst als er erfuhr, daß er der Werbung aufgesessen war, die in der Tat den Ro 80 mit einer serienmäßigen Verbundglasscheibe ausbot, während sein gebraucht gekauftes Fahrzeug der ersten Serie noch mit Einscheiben-Sicherheitsglas (ESG) ausgerüstet war: Erst da sei er sich seiner Erinnerung sicher gewesen.

Herrn Roths Verhalten war exakt jenes, das auch ein Bürger an den Tag gelegt hätte, der kein Staatsanwalt ist, und wir meinen damit auch, daß Herrn Roths Verhalten nicht frei davon war, ein vorsichtiges Verhalten denen gegenüber zu sein, die von ihm zu wissen begehrten, was denn nun am 26. November 1969 gegen Mittag bei Kilometer 144,4 der Bundesstraße 76 geschehen sei.

Herr Roth jedoch, und das macht den Unterschied, ist Staatsanwalt. Und so widerfuhr ihm nicht nur das Mißtrauen, mit dem der normale verdächtige, beschuldigte und endlich angeklagte Bürger therapiert wird im Dienste der Wahrheit, oder genauer: eingeschüchtert. Ihm widerfuhr vielmehr der Gipfel an Objektivität und Korrektheit. Im Dezember 1970 wurde gegen Herrn Roth wegen fahrlässiger Tötung in Schleswig verhandelt.

Man bestritt Herrn Roth rundweg, es könne eine Frontscheibe aus ESG blind werden, ohne sogleich »in das Fahrzeug hinein« zusammenzustürzen. Doch dann brachte, kurz vor der Verurteilung, die schon zu greifen war, ein Prozeßbericht im »Hamburger Abendblatt« einen Aufschub. Eine Schar von Einsendern in Zugstärke behauptete brieflich und telephonisch, genau das erlebt zu haben, was Herr Roth behauptete: eine blinde Scheibe, die nicht einstürzte.

Im vergangenen Monat, wir schreiben das Jahr 1972, eine Sache, die einen Staatsanwalt betrifft, muß jene Weile haben, die den Gipfel von Objektivität und Korrektheit ausweist, ist in Schleswig erneut gegen Herr Roth, 48, verhandelt worden. Wiederum behauptete der Sachverständige, Diplom-Ingenieur Siemonsen, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Physik lasse nicht zu, was Herr Roth behauptet. Herr Siemonsen ist Herstellungsleiter eines Betriebes, der ESG produziert.

Eines allerdings war diesmal neu: das Aufgebot der Zeugen, die am Steuer eines Ford 17 M oder eines Ro 80 der ersten Serie (in Fahrzeugen also mit Astradom-förmigen Frontscheiben aus ESG) genauso wie Herr Roth plötzlich hinter einer blinden und dennoch nicht einstürzenden Frontscheibe gesessen hatten. Doch vermochte dieses Aufgebot nichts gegen Herrn Siemonsen, den neuen Palmstrom, und schon gar nichts gegen den Oberstaatsanwalt Niether, 51, der aus Kiel angereist war, um in Schleswig, oh Gipfel der Objektivität und Korrektheit, einen Staatsanwalt aus Flensburg anzuklagen. »Das sieht mir nach einer Schutzbehauptung aus«, beharrte Herr Niether und beantragte 5000 Mark Geldstrafe, ersatzweise 100 Tage Haft.

Das Gericht sprach frei und befand, es komme an den Zeugen nicht vorbei, die über ein Erlebnis, wie das von Herrn Roth behauptete, unter Eid ausgesagt hatten. Weder das Blindwerden und Nichteinstürzen der Frontscheibe noch der zeitweilige Verlust des Erinnerungsvermögens von Herrn Roth sei auszuschließen, wenngleich bezüglich dieser verspäteten Erinnerung eines Staatsanwaltes ein »ungutes Gefühl« bleibe.

Der unguten Gefühle sind da allerdings auch ganz andere. Den Streit darum, ob ESG (der Markenname »Sekurit« wurde als Gattungsbegriff geläufig) sicherer ist als Verbundglas, hat das Bundesverkehrsministerium für sich gerade mal wieder eingefroren, denn es harrt eines neuen Glases, das die Vorzüge der heute gebräuchlichen Sorten vereinen soll. Ärzte und Automobilklubs sehen das weiterhin erfolglos anders.

Hartnäckig stellt man darauf ab, im Fall eines Zusammenstoßes oder Aufpralls sei es für die Fahrzeuginsassen besser, hinter ESG zu sitzen. Die Tatsache, daß dieses Glas blind werden kann, ohne einzustürzen oder wenigstens garantiert an geeigneter Stelle ein Sichtfeld zu lassen, wird ignoriert. Diese Tatsache jedoch ist angesichts der von überladenen oder nicht ausreichend gesäuberten Baufahrzeugen immer deftiger bestreuten und beschossenen Straßen nicht länger außer acht zu lassen. Unfälle nach Blindwerden und Nichteinstürzen der Frontscheibe sind kaum bekannt, welch' Wunder: Wer hat schon ESG und dazu noch Glück wie Herr Roth; ein armes Glück freilich, gedenkt man der beiden toten Studenten.

Und ein ungutes Gefühl hinterläßt denn wohl auch das Ergebnis der Objektivität und Korrektheit, die Herrn Roth in Gipfelhöhenmaß zuteil wurde. Was für eine Unbefangenheit ist das, deren Demonstration zu einer so massiven Befangenheit führt. Herr Roth, wie wird er Staatsanwalt sein fürderhin? Vielleicht zögert er in Zukunft, wenn seine Ankläger-Wahrheit an die eines normalen Angeklagten gerät. Herr Roth fährt übrigens wieder Auto, einen Mercedes. Damit er sich nicht noch einmal irrt: Erst vom 1. Mai dieses Jahres an werden die Untertürkheimer ihre gesamte Produktion serienmäßig mit Verbundglas ausstatten. Herrn Roths neuer Wagen, so er sich kein Extra geleistet hat, ist also noch mit einer ESG-Frontscheibe ausgerüstet.

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