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ENGLAND / KÜNSTLICHE BEFRUCHTUNG Glückbringender Erfolg

aus DER SPIEGEL 13/1958

Die britische Regierung hat kürzlich eine Untersuchungskommission mit der Klärung einer Frage betraut, die in der englischen Öffentlichkeit seit einigen Wochen mehr oder minder verschämt diskutiert wird. Die Frage lautet: Ist die künstliche Befruchtung einem Ehebruch gleichzusetzen und mithin zu verbieten?

Die Frage der künstlichen Befruchtung war Anfang des Jahres durch einen Entscheid des Edinburgher Lordrichters Wheatley in den Sog öffentlicher Auseinandersetzungen geraten. Wheatley hatte die Scheidungsklage eines Schotten, dessen Frau ohne sein Wissen durch künstliche Befruchtung zu einem Kind gekommen war, zunächst abgewiesen. Eine verheiratete Frau, die mit Hilfe eines anonymen Spenders ein Retortenbaby zur Welt bringe, habe keinen Ehebruch begangen, argumentierte er (SPIEGEL 6/1958).

Als sich die Ehefrau jedoch nicht bereit fand, nähere Angaben über den Vollzug der in England AID* genannten künstlichen Befruchtung zu machen, also den Beweis für ihre Behauptung schuldig blieb, mußte der Richter Ehebruch annehmen. Er sprach dem klagenden Ehemann die Berechtigung zu, sich als unschuldiger Teil von seiner Frau scheiden zu lassen.

Das Urteil des Lordrichters löste eine Debatte in der Öffentlichkeit aus, in der sich vor allem die Führer der anglikanischen und katholischen Kirchen als scharfe Gegner der künstlichen Befruchtung hervortaten. Weit mehr

Aufsehen als die theoretischen Erörterungen der Theologen, Juristen und Politiker erregte jedoch ein Artikel des liberalen »Manchester Guardian«, in dem ein Vertrauensarzt - ohne seinen Namen zu nennen - zum erstenmal Einzelheiten aus der Praxis der AID-Hilfe enthüllte.

Die Ehepaare, die zu ihm kämen und um AID-Hilfe bäten, so erzählt der ungenannte Arzt, ständen im allgemeinen, was ihren Charakter und ihre Intelligenz beträfe, weit über dem Durchschnitt. Seinem Bericht zufolge unterhält sich der anonyme Arzt zunächst mit jedem der beiden Ehepartner ausführlich, um herauszufinden, ob das Kind auch von beiden Teilen wirklich gewünscht werde. Vor einer Anwendung von AID seien Ehe und Familienmilieu nämlich noch gründlicher zu prüfen als vor einer Adoption. Wenn ein Kind nur gewünscht werde, um eine Ehe zusammenzuhalten, lehne er die AID-Hilfe ab. Auch in einer Impotenz des Mannes sieht der Verfasser keinen zureichenden Grund für eine AID-Behandlung. Er hält es für unangebracht, ein Kind in eine Ehe zu setzen, in der gewisse naturgegebene Spannungen existieren und aller Voraussicht nach auch weiterhin bestehen werden. Alleinstehende Frauen weist er ebenso grundsätzlich ab wie Paare gemischter Rasse oder Religion.

Der Erfolg der AID-Methode sei begrenzt. Nur in 56 von 100 Fällen habe er eine Empfängnis bewirken können. Bei seinen Kollegen sei die Erfolgsquote etwa die gleiche. Im allgemeinen könne erst nach vier- oder fünfmaliger Behandlung mit einer Befruchtung gerechnet werden.

Als Spender habe er durchweg mit großer Sorgfalt Männer ausgesucht, die ungewöhnliche Intelligenz und einen einwandfreien Charakter aufwiesen. Eine Bezahlung lehnten diese Männer zumeist ab. Sie stellten sich vielmehr, mit Wissen ihrer Frauen, aus ähnlich humanitären Gründen wie Blutspender zur Verfügung. Ihre Namen müßten selbstverständlich geheim bleiben. Auch dürften die Spender dem zukünftigen Elternpaar weder verwandtschaftlich noch freundschaftlich nahestehen.

Wie der AID-Praktiker weiter berichtet, hat er die Methode der künstlichen Befruchtung »seit nunmehr zehn Jahren mit glückbringendem Erfolg« angewandt. Weder er noch seine gleichgesinnten Kollegen konnten bei den AID-Kindern irgendwelche »Defekte« entdecken. Die Kinder seien im Gegenteil gesund und überdurchschnittlich begabt. Viele seiner Patienten hätten daher ein zweites oder drittes Kind von dem gleichen Spender erbeten

»Nur wer solche kinderlosen Ehepaare sieht und spricht«, versichert der Arzt, »weiß um das Ausmaß ihres Unglücks. Weil sie potentiell zu den besten Eltern unserer Nation gehören, habe ich ihnen geholfen und werde ihnen auch in Zukunft helfen.«

Die menschenfreundlichen Argumente des offenherzigen Arztes vermochten freilich die Gegner der künstlichen Befruchtung nicht davon abzuhalten, im Oberhaus den Antrag zu stellen, die AID solle als Verbrechen gebrandmarkt und gesetzlich verboten werden.

Die künstliche Befruchtung durch einen fremden Spender, so polemisierte der Erzbischof von Canterbury, sei »ein sündhafter Betrug an Gott und den Menschen«. Der Ehemann trete fälschlich als Vater auf, die Ehefrau behaupte, ein eheliches Kind zur Welt gebracht zu haben, das in Wirklichkeit ein Bastard sei, und sogar der Arzt mache sich des Betruges schuldig, weil er einen falschen Geburtsschein ausstelle. Die AID-Praxis müsse daher von den englischen Ärzten ebenso gemieden werden wie eine unerlaubte Abtreibung.

Englands ehemaliger Deutschland-Minister und katholischer Labour-Lord Pakenham übertrumpfte die erzbischöfliche Stimme noch: »Wir müssen diese Ausgeburt des Teufels ausrotten!« In der Verurteilung der künstlichen Befruchtung seien sich alle christlichen Kirchen der Welt einig.

Die Regierung ließ sich von den scharfen Attacken der Lords jedoch nicht in die Enge treiben. Ihr Sprecher sagte lediglich zu, die rechtlichen und sozialen Probleme der künstlichen Befruchtung würden durch eine Kommission geprüft werden. Bis zur Vorlage des Untersuchungsberichtes wollen die Lords ihren Antrag zurückstellen, die künstliche Befruchtung in England zu verbieten.

* Artificial Insemination by Donor, zu deutsch: Künstliche Befruchtung durch einen (anonymen) Spender.

Labour-Lord Pakenham: »Sündhafter Betrug an Gott«

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