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INDIEN Glückliches Tal

Hundert Millionen Moslems fühlen sich von der indischen Hindu-Mehrheit unterdrückt und rufen zu gewaltsamem Widerstand auf. Bei Wahlen in der Moslemprovinz Kaschmir gab es bereits Tote. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Touristen, die jedes Jahr in Massen aus der ganzen Welt ins malerische Kaschmir kommen, werden dort traditionell mit dem Slogan »Willkommen im glücklichen Tal« begrüßt.

Dieses Jahr sah Srinagar, die idyllische, fast 1800 Meter hoch gelegene Hauptstadt zwischen Gärten, Seen und schneebedeckten Berggipfeln, nur wenige Gäste. Das glückliche Tal wird von Mord und Brandstiftung heimgesucht.

Halbwüchsige zogen in den vergangenen Wochen steinewerfend durch die Stadt, schrieen »Kaschmir gehört uns« und »Inder, haut ab«.

Nachdem Demonstranten das Hauptquartier von Indira Gandhis Kongreßpartei in Srinagar niedergebrannt hatten und bei den Unruhen etwa ein Dutzend Menschen getötet, über tausend verletzt wurden, schickte Neu-Delhi mehr als 20 000 Bereitschaftspolizisten in die unruhige Himalaja-Provinz. Auch die Militärgarnisonen in dem seit 1947 geteilten Gebiet, dessentwegen Indien mehrere Kriege mit dem Nachbarn Pakistan ausgefochten hat, wurden verstärkt.

Grund für die Unruhen in den Bergen des Himalaja sind Wahlen, die in Indien, der größten Demokratie der Welt, neuerdings beinahe zu Bürgerkriegen ausarten: Wahlen in der nordostindischen Grenzprovinz Assam führten Anfang des Jahres zu einem Gemetzel, das zwischen 3000 und 5000 Todesopfer forderte und Hunderttausende aus ihren Heimatdörfern vertrieb. Ursache für die Katastrophe war die von den Assamesen gewalttätig bekämpfte Überfremdung ihres Staates durch illegal zugewanderte Bengalen.

Bei den Wahlen in Kaschmir ging es vordergründig um einen Machtkampf zwischen der Einheimischen-Partei »Nationale Konferenz« und Indira Gandhis allindischer Kongreßpartei, also mehr oder weniger um Lokalpolitik.

In Wahrheit aber rühren die Konflikte da wie dort an die Wurzeln der Existenz der Indischen Union. Sie haben ihre Ursachen in dem erbitterten Gegensatz zwischen den beiden großen Religionen des indischen Subkontinents, dem Hinduismus und dem Islam.

3,7 der 5,3 Millionen Kaschmiri beten zu Allah. Als die britische Kolonie Indien 1947 geteilt wurde, fühlte sich die Mehrheit der Kaschmiri zum islamischen Pakistan hingezogen, ihr Hindu-Maharadscha aber schlug sich zu Indien.

Ein pakistanischer Einfall führte zum ersten Krieg zwischen den beiden Staaten, die eben erst ihre Unabhängigkeit errungen hatten, und zur Teilung der Himalaja-Provinz: Ein kleiner, gebirgiger Westteil gehört als »Asad Kaschmir« - »Freies Kaschmir« - seither zu Pakistan, der größere und fruchtbare Osten fiel an Indien.

Beide Kaschmirs sind stark bemannte Militärprovinzen der beiden verfeindeten Nachbarn. Doch die Moslems im indischen Kaschmir wollen »selber über ihr Schicksal entscheiden«, so Molwi Mohammed Faruk, »Mirwais«, religiöser Führer der Himalaja-Muselmanen.

Diese Forderung hatte auch Scheikh Abdullah, der politische Führer der Kaschmiri, jahrzehntelang vorgebracht. Die Inder sperrten den »Löwen von Kaschmir«, so sein Beiname, dafür viele Jahre ins Gefängnis. Als er letztes Jahr starb, übernahm sein Sohn, Faruk Abdullah, die Kaschmiri-Partei, die traditionell die Mehrheit in der umstrittenen Provinz stellt. Er wurde auch Chefminister in Kaschmir.

Faruk, ein Pragmatiker, zwölf Jahre Arzt in England und mit einer englischen Krankenschwester verheiratet, stellt moderate Forderungen an die Zentralregierung: freien Grenzverkehr mit dem pakistanischen Teil Kaschmirs, Eindämmung der Hindu-Agitation im Land, Schutz der Moslem-Sprache Urdu.

Doch Indira Gandhi aus der Dynastie der Nehrus bekämpft autonome Regungen

überall im Lande - nicht nur um das Riesenreich mit seinen unterschiedlichen Religionen und Rassen, seinen 15 verschiedenen Hauptsprachen zusammenzuhalten. Im Bundesstaat Pandschab, gleich neben Kaschmir, kämpfen militante Gruppen der dolchtragenden Sikhs gewalttätig für einen eigenen Staat, und mit Kaschmir fühlt sich Indiras Sippe darüber hinaus noch besonders verbunden.

Die Nehrus sind Kaschmir-Brahmanen, die in der Hindu-Kastenordnung als etwas Besonderes gelten. Jegliches Wegrücken ihrer Urheimat vom Mutterland muß der Regierungschefin, die sich selber als »Tochter Kaschmirs« bezeichnet, wie ein Sakrileg erscheinen. All India Radio sendet daher in Kaschmir besonders patriotisch, die »Stimme der kaschmirischen Moslems ist dagegen nirgendwo zu hören«, klagt Mirwais Faruk.

So versucht sie, sich mit Gewalt Gehör zu verschaffen. Die Zwischenfälle der vergangenen Wochen wurden hauptsächlich von fanatischen moslemischen Jugendlichen angezettelt, die der »Dschamiat-i-tulba«, einer radikalen islamischen Kampforganisation, angehören.

Deren Führer, Scheikh Tadschammul Islam, forderte den »Rückzug der indischen Armee aus Kaschmir, die sich aufführt wie die Sowjetarmee in Afghanistan«. Er tritt für eine Volksabstimmung ein, in der die Kaschmiri selbst entscheiden sollen, ob sie bei Indien bleiben oder sich Pakistan anschließen wollen.

Für die indische Regierung grenzen solche Gedanken an Hochverrat, denn sie gefährden die Existenz des ganzen Reiches. Indira Gandhi selbst flog in der Woche vor der Wahl nach Kaschmir, um die Kaschmiri bei der Stange zu halten und vor »religiösen Extremisten« zu warnen. Wohin es führen könnte, wenn die das Sagen hätten, zeige das böse Beispiel Assam aus jüngster Zeit, warnte Indira.

Genau das Schicksal bengalischer Moslems in Assam aber, die von hinduistischen Assamesen massakriert wurden, malt auch die Kaschmiri-Partei »Nationale Konferenz« an die Wand: Nur wenn sie stark sei, könne sie die kaschmirischen Moslems vor solchem Schicksal bewahren.

Daß religiöser Genozid in Indien Wahlkampfthema wird, ist etwas Neues im Land. Das Trauma der Massaker während der Teilung des Subkontinents im Jahre 1947, denen zwischen 250 000 und zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen und die elf Millionen Inder entwurzelten, machte das Thema jahrzehntelang zum Tabu.

Zwischenfälle, lokale Terror-Orgien zwischen Moslems und Hindus, hat es seither zwar immer wieder gegeben. Meist aber gelang es der Regierung, sie mit Polizei oder Militär rasch zu unterdrücken, bevor sie sich ausbreiteten. Indiens Presse unterwarf sich in der Berichterstattung darüber freiwilliger Selbstzensur.

Denn das religiöse Dilemma, von den britischen Kolonialisten den Nachfolgestaaten vererbt, ist allgegenwärtig. Die Engländer hatten die Moslems als tapfere und willige Hilfstruppen ihrer Herrschaft in Indien - die Mehrheit der »Sepoys«, der farbigen Soldaten unter britischem Kommando, war meist moslemisch - gehätschelt und so den Haß der Hindus gegen die Anbeter Allahs geschürt.

Die gewaltsame Teilung des Subkontinents, ebenfalls unter britischer Aufsicht, hatte 1947 zur Eruption geführt. Als der Moslem-Staat Pakistan entstand, der später unter tatkräftiger Hilfe der indischen Armee in Pakistan und Bangladesch zerlegt wurde, waren die Probleme keineswegs gelöst. Im Gegenteil, die Aufteilung des damals 130 Millionen Einwohner zählenden Nachbarlandes machte den Hindu-Staat Indien mit seinen heute hundert Millionen Moslems zum Land mit der zweitgrößten moslemischen Bevölkerung der Welt (nach Indonesien).

Und die fühlte sich, unter einer Fünf-Sechstel-Mehrheit von Hindus, immer als unterdrückte Minderheit. Die islamische Renaissance, ausgehend von Chomeinis Iran, hat ihr Selbstbewußtsein gestärkt. Zunehmende Zwischenfälle, bei denen sie als Minderheit fast immer die leidenden Opfer sind, vor allem die grausamen Massaker in Assam, wo im Februar allein im Bezirk Nellie über 900 Moslems einer Mordorgie hinduistischer Stammesangehöriger zum Opfer fielen, haben Indiens Moslems radikalisiert. »Stoppt den Völkermord an den Moslems« und »Wir sind nicht zum Abschlachten da«, stand auf Spruchbändern, die Moslems bei einer Demonstration im Mai in Delhi trugen. Der Präsident des Allindischen Moslemrates, Sulfikarullah, beschuldigte die Hindu-Polizei in Assam, sich an den Moslem-Massakern beteiligt zu haben.

Vor der Dschama-Moschee in Alt-Delhi, der größten Indiens, schworen die Demonstranten beim Koran, daß »die Moslems Indiens von nun an Leben und Eigentum der moslemischen Bevölkerung bis zum letzten Blutstropfen verteidigen werden«.

Moslemführer beklagten die systematische Unterdrückung durch die Hindu-Mehrheit. Der Präsident der Moslem-Liga und Parlamentsabgeordnete Ibrahim

Suleiman Said sagt, die Moslems würden gezwungen, in Gettos zu leben, sie würden wirtschaftlich ausgebeutet und sozial diskriminiert. Für sie gebe es weder ausreichende Erziehung noch Arbeitsplätze, ihre Sprache, Urdu, werde von Amts wegen unterdrückt.

Im Staatsdienst, zählt Said auf, gebe es ganze drei, im diplomatischen Dienst 4,4 Prozent Moslems, in der Polizei weniger als zwei. Von etwa 6500 Direktoren staatlich kontrollierter Betriebe im Lande seien nur 119 Moslems. Folge eines geheimen Dekrets des Innenministeriums von 1948, wonach Moslems von Schlüsselstellungen fernzuhalten seien.

Zwar bemüht sich die Zentralregierung stets, einige wenige Alibi-Moslems spektakulär auf hohe Posten zu befördern - Indira Gandhi machte einen sogar zum Staatspräsidenten -, aber andererseits treffen Zwangsmaßnahmen der Regierung vornehmlich Moslems.

Als Frau Gandhi und ihr Sohn Sandschaj während des Ausnahmezustandes von 1975 bis 1977 massenhaft Zwangssterilisierungen durchführen ließen, waren vor allem Moslems betroffen. Als Sandschaj die Slums von Delhi mit Bulldozern ausräumte, wurden vor allem Moslems aus der Hauptstadt vertrieben.

Dies gefiel der Hindu-Mehrheit, die auf die Moslems traditionell mit Haß und Verachtung herabblickt: Moslems schlachten und essen die Rinder, die von den Hindus als heilig verehrt werden. Moslems sind für die Hindus Leute, die »fünfmal am Tag zu Boden fallen« - wenn sie ihre Gebete sprechen.

Viele Hindus weigern sich strikt, Moslems zu beschäftigen. Kastenbewußte Hindus lassen Moslems nicht einmal in ihre Häuser, weil die dadurch unrein würden. »Jedesmal wenn mir ein Hindu die Hand schüttelt, muß er sich anschließend waschen«, ärgerte sich schon der Pakistan-Gründer Dschinnah. Andererseits finden Hindus nichts dabei, sich in alten Moscheen einzunisten.

Konträr sind auch die religiösen Gebräuche. Hindus verehren Heiligenbilder und -statuen - für gläubige Moslems ein Schrecken. Die Hindus singen, musizieren und tanzen bei ihren rituellen Handlungen - für Moslems ein striktes Tabu während des Gebetes.

Fast täglich führen diese Gegensätze zu schweren Zwischenfällen irgendwo im Land. Im südindischen Haiderabad wurden im Mai acht Menschen getötet und 40 verletzt, weil ein Hindu-Hochzeitszug mit lauter Musik an einer Moschee vorbeigezogen war, in der Moslems gerade beteten. Ein Steinwurf auf eine heilige Kuh, das Anfassen einer verschleierten Moslem-Frau durch einen Hindu-Polizisten, ein Lied am falschen Ort - alles kann sogleich blutige Auseinandersetzungen auslösen.

»Der indische Moslem fühlt sich als zweitklassiger Bürger. Sein Name schon ist seine Nemesis, er trägt ihn, wie die Juden im nazibesetzten Europa ihre Davidsterne trugen, und leidet darunter«, sagt Sajjid Schahabuddin, ein Moslem-Abgeordneter des indischen Parlaments.

Der Abgeordnete spricht von einem Verfolgungskomplex und einer Belagerungsmentalität der 100 Millionen Moslems gegenüber ihren 550 Millionen hinduistischen Mitbürgern, und das mit gutem Grund: »Über zehntausend Moslems sind seit 1947 bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in Indien ums Leben gekommen, 150 000 wurden verletzt.«

Eine Untersuchung der rund 12 000 religiösen Zwischenfälle, die seither amtlich registriert wurden, zeigt, daß etwa drei Viertel der Opfer Moslems sind. »Frau Gandhi muß sehr schnell etwas tun, um einen Holocaust zu stoppen«, sagt ein Moslemführer in Delhi. »Unsere Jugend wird von Tag zu Tag ungeduldiger, sie will Taten sehen. Es besteht die Gefahr, daß die Moslems wirklich zu jener 'fünften Kolonne' in Indien werden, als die viele Hindus sie zu Unrecht heute schon sehen.«

»Wir Moslems haben es satt, wie Sklaven behandelt zu werden.« Mit diesem Schlagwort zog auch der Kaschmiri-Führer Faruk Abdullah von Wahlversammlung zu Wahlversammlung und gewann damit wieder die Mehrheit der Sitze - worauf die Kongreßpartei die Wahl in mehreren Bezirken anfocht.

Und Moslem Faruk besuchte demonstrativ den Goldenen Tempel der Sikhs in Amritsar im Nachbarstaat Pandschab, wo militante Führer der Sikhs Unabhängigkeit für ihre Provinz fordern und zur Durchsetzung ihrer Pläne »Selbstmordkommandos« von bewaffneten Sikhs organisiert haben, zu denen sich bereits Tausende freiwillig meldeten.

Diesen gewalttätigen Untergrundgruppen schließen sich auch immer mehr Moslems an, die sich mit den Sikhs als eine von der Hindu-Mehrheit unterdrückte Minderheit solidarisch fühlen.

Mitte Mai legten 151 Moslem-Militante im Goldenen Tempel zusammen mit Sikhs einen heiligen Eid ab, für die Rechte ihrer Volksgruppe notfalls auch mit Gewalt zu kämpfen.

Die so demonstrierte Einigkeit zwischen den ebenso unterschiedlichen wie entschlossenen Gegnern der Zentralgewalt schockte die Regierung in Neu-Delhi. Frau Gandhi eilte zu den Pandschab und nach Kaschmir, um Indiens Einheit zu beschwören. Der Oppositionspolitiker Tscharan Singh sah bereits »das ganze Land auseinanderfallen«.

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UdSSR AFGHA-NISTAN Gilgit KASCHMIR Srinagar PAKISTAN Amritsar PAN-DSCHAB Neu-Delhi INDIEN CHINA Kilometer Grenze des ehemaligen Kaschmir indische Provinzgrenzen von China besetztes Gebiet Karten-Ausschnitt AFGH. PAKISTAN CHINA INDIEN SRI LANKA

[GrafiktextEnde]

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