Zur Ausgabe
Artikel 62 / 116
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ITALIEN Glühende Sprungfedern

Teufel oder Technik? Mysteriöse Brände in einem sizilianischen Dorf machen Wissenschaftler ratlos und den Betroffenen Angst.
aus DER SPIEGEL 28/2004

Damit hat alles angefangen«, sagt Nino Pezzino und legt eine völlig verkohlte Steckdose auf den Tisch. »Damit kam die Angst nach Canneto.«

Ein paar Tage vor Weihnachten war es, als im Haus des 43-jährigen Versicherungsangestellten Pezzino plötzlich Flammen aus dem Stromanschluss schossen. Er rief einen Elektriker, der wechselte das Teil aus und sagte: »Alles okay!« - Am nächsten Tag brannte der Küchenherd.

Pezzino rief einen Fachmann des staatlichen Stromwerks Enel zu Hilfe, der prüfte, schraubte, vermaß und sagte: »Alles okay!« Anderntags fackelte sich, wie von Geisterhand, die Waschmaschine ab.

Dann loderte es auch bei den Nachbarn, in den schlichten kleinen Häusern der Via del Mare, im winzigen Canneto di Caronia, an der Küstenstraße SS 113. Sie liegen nur 50 Meter vom Meer entfernt, sind aber vom Strand abgeschnitten durch Siziliens meistbefahrene Eisenbahnstrecke Palermo-Messina.

Erneut rückten die Enel-Profis an, inspizierten die verkohlte Haushaltstechnik, vermaßen alles ganz genau und meinten, es müsse an den Leitungen liegen. Ein Teil des Ortes wurde vom Netz genommen, durch Generatoren mit Strom versorgt. Da ging das Feuerwerk erst richtig los.

Glühende Sprungfedern entzündeten auf einmal Betten und Polstermöbel. Pezzinos Frau Lucia verlor ihr stets wohlbehütetes Brautkleid im Feuer. Bei der schwangeren Teresa Fortunato von nebenan ging die Abstellkammer in Flammen auf. Paolo Pizzuto trug zu seiner Überraschung plötzlich einen brennenden Schuh am rechten Fuß.

Da schritten endlich Obrigkeit und Wissenschaft ein. Die 13 Häuser der Via del Mare wurden geräumt, 17 Familien, 41 Personen, mussten sich im Hotel oder bei Verwandten einquartieren. Zivilschützer und Carabinieri bewachten Canneto fortan, Professoren durchleuchteten den Flecken. Und schnell fanden sie auch plausible Erklärungen für das eigenartige Phänomen - die sich freilich allesamt widersprachen.

Verdächtigte zum Beispiel der Physiker Giovanni Gregori aus Palermo ein so genanntes Elmsfeuer, die zeitweilige Verstärkung des elektrischen Erdfeldes, erklärte sein Fachkollege aus Turin, Gianni Comoretti, diese Theorie sogleich für nicht haltbar. Suchte der eine Fachmann die Erklärung am Himmel - ein Sonnensturm, der sich über »atmosphärische Linseneffekte« zufällig auf das kleine Canneto konzentrierte -, ging der nächste in die Tiefe: An Stacheln wie beim Seeigel trage der Erdkern geothermische Energie nach oben, ein besonders langer Stachel ende unter Canneto. Eine Art Fidibus also.

Auch außernatürliche Faktoren wurden in Betracht gezogen: Vielleicht, raunen manche, sei der Ort ja von Neidern verwunschen oder vom Himmel bestraft worden, für eine alte, längst vergessene Sünde. Andere erinnern an das schottische Kindermädchen Carole Compton, das 1982 mittels übernatürlicher Kräfte bei seinen italienischen Dienstherren mehrfach Feuer legte und dafür 16 Monate im Knast sitzen musste. Und hatte nicht in Cefalù, ganz in der Nähe, Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, der okkultistische Magier Aleister Crowley sein heidnisches Tagwerk getrieben, bis der gut katholische »Duce« Mussolini ihn vertrieb!

Für Pater Gabriele Amorth, Lieblingsteufelsaustreiber von Papst Johannes Paul II., war die Sache sowieso gleich klar: »Satan treibt ein teuflisches Spiel.«

Weiter brachte allerdings auch diese klerikale Analyse die Betroffenen nicht. Nach einer kurzen Feuerpause, in der Siziliens Regionalregierungschef Salvatore Cuffaro schon »Keine Gefahr mehr!« gejubelt hatte, ging es Mitte März lichterloh weiter. In Nino Pezzinos Auto entzündete sich das Navigationsgerät, als er in die Via del Mare einbog. Der Fiat seines Nachbarn Antonio Siracusano hupte am Ortseingang plötzlich, dann schossen Stichflammen aus dem Cockpit. Handys klingelten Sturm, obwohl niemand anrief, und zeigten seltsame Symbole im Display. PC schalteten sich ab. Elektronische Türverriegelungen parkender Autos schlossen und öffneten sich selbsttätig - im Sekundentakt.

Nach über 400 Bränden endeten die unheimlichen Feuerspiele so plötzlich, wie sie begonnen hatten. »Klüger sind wir seither nicht geworden«, klagt Pedro Spinnato, 38, Bürgermeister von Caronia, zuständig auch für Canneto. Jetzt dürfen die Anwohner in ihre Via del Mare zurückkehren. Die angekohlten Häuser werden geflickt und gestrichen, geputzt und neu möbliert. »Aber hier kann keiner ruhig schlafen, solange das Phänomen nicht erklärt ist«, schimpft Nino Pezzino, alle hätten Angst vor dem nächsten Feuer.

Brandstiftung, ob von der Mafia oder von einem Geisteskranken, schlossen Feuerwehr und Polizei aus. Die Stromkabel der Eisenbahn wurden von Technikern unter die Lupe genommen, der militärische Geheimdienst forschte nach U-Booten fremder Mächte vor Siziliens Küste, womöglich mit einem bislang unbekannten Antrieb. Theorien von Lasern als Ursache wurden geprüft und verworfen. »Geeinigt hat man sich schließlich auf elektromagnetische Wellen als Brandursache, seien sie natürlichen oder nicht natürlichen Ursprungs«, erklärt - selbst zutiefst ratlos - Bürgermeister Spinnato.

»Blödsinn«, widerspricht Pezzino, elektromagnetische Wellen habe nie jemand gemessen. Die Regierung verschweige etwas, vermuten die Anwohner, um sie nicht in Panik zu versetzen oder aus Angst vor der Verantwortung. Wer denn wissen könne, erregt sich Pezzinos Frau Lucia, dass sie nicht alle strahlenkrank würden. »Wir fühlen uns wie Hühnchen in der Mikrowelle.« HANS-JÜRGEN SCHLAMP

Zur Ausgabe
Artikel 62 / 116
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel