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PUTSCH Gnade für den Gimpel

aus DER SPIEGEL 2/1961

Bevor die Maschine des Kaisers zur Landung auf dem Flugplatz von Addis Abeba ansetzte, hatten bereits die von Asmara mitgeflogenen 250 Fallschirmjäger die Startbahn abgeriegelt und die aufmarschierten Würdenträger umzingelt. Dann kletterte der Sieger aus dem Flugzeug: Seine Majestät Haile Selassie, Löwe von Juda, Auserwählter Gottes und 255. König der Könige Äthiopiens, war gekommen, über seine Feinde Gericht zu halten.

Kaum hatte er die Gangway verlassen, löste sich aus der Gruppe der Hofbeamten ein kleiner und gedrungener Mann, der noch drei Tage zuvor im Auftrag kaiserfeindlicher Militärputschisten proklamiert hatte, der Kaiser habe ausgespielt und »3000 Jahre des Unrechts« seien endlich vorüber.

Nun aber stürzte des Kaisers mißratener Sohn, Kronprinz Asfa Wossen, auf seinen Vater zu und warf sich ihm zu Füßen. Zwar vermochten die Würdenträger das Gemurmel von Vater und Sohn nicht recht zu verstehen, doch am Ausgang der Zwiesprache war nicht zu deuteln: Der Kaiser vergab seinem Ältesten die makabre Rolle, die Asfa Wossen an der Spitze jenes Militärputsches gespielt hatte, der Afrikas älteste christliche Monarchie Mitte Dezember erschütterte.

»Ich setze größtes Vertrauen in den Kronprinzen«, rief später der Kaiser seinen Untertanen zu und erläuterte: »Der Kronprinz wurde nach dem Ausbruch des Putsches unter dem Vorwand, seine Mutter sei ernsthaft erkrankt, in den Palast gerufen, wo er zusammen mit anderen Mitgliedern der Königlichen Familie (von den Putschisten) gefangengenommen wurde.«

Die Worte Haile Selassies machten deutlich, daß die theatralische Flugplatz -Szene vom 17. Dezember eine Legende begründen sollte, zu der sich Kaiser Haile Selassie aus Vaterstolz und Staatsräson entschlossen hat. Diese Legende besagt, der Kronprinz sei von den Putschisten gezwungen worden, den Staatsstreich gegen den Kaiser zu unterstützen - »als ein Gimpel unter Verrätern«, wie Haile Selassie im ersten Zorn höhnte.

Die Hofbeamten des Kaisers und die westliche Presse bemühen sich denn auch, an Haile Selassies wunderliche Kronprinzen-Legende zu glauben.

»Der Kronprinz hat mit größter Wahrscheinlichkeit keinen Anteil an dem Staatsstreich gehabt«, verkündete Äthiopiens ehemaliger Luftwaffen-Oberbefehlshaber, der schwedische Hauptmann Carl Gustaf von Rosen, und die Londoner »Times« ließ sich weismachen: »Die Verkündung des Rebellenprogramms durch den Kronprinzen ist anscheinend unter Zwang zustande gekommen.«

Tatsächlich lassen aber mancherlei Indizien darauf schließen, daß Kronprinz Asfa Wossen von Anfang an Teilhaber oder zumindest Mitwisser des Militärputsches war. Daß die Feinde des Kaisers in dessen Sohn einen Verbündeten sahen, war nur natürlich; seit Jahren sind die Fehden zwischen Kaiser und Kronprinz Hofgespräch.

Haile Selassie hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß er seinen ältesten, 1916 geborenen Sohn für einen Schwachkopf hält, den er unter keinen Umständen auf den Thron lassen möchte. Wiederholt demütigte er den Kronprinzen in der Öffentlichkeit; er stellte ihn nie fremden Diplomaten vor und verlangte von ihm sogar jenen Kotau, den Haile Selassie allen ausländischen Besuchern erspart:

Sobald der Sohn das Zimmer des Kaisers betrat, mußte er sich am Eingang auf den Boden werfen, in der Mitte des Zimmers den Kotau wiederholen und von dort an den kaiserlichen Stiefel heranrobben.

Zudem trennten auch politische Auffassungen Vater und Sohn. Der mild-liberale Kronprinz mißbilligte den aufgeklärten Autokratismus des Kaisers, riet zu einem größeren Entgegenkommen gegenüber den nichtchristlichen Minderheiten des Vielvölkerstaats und plädierte für rascheres Tempo bei der auch von Haile Selassie geförderten Modernisierung Äthiopiens.

Die Auseinandersetzungen mit seinem ältesten Sohn veranlaßten den seit 1928 regierenden Kaiser frühzeitig, Asfa Wossen den Weg zum Thron des Negus Negesti zu verbauen. Geschichte und Tradition erleichterten ihm das Manöver: In Äthiopien gibt es kein Throngesetz, das dem Erstgeborenen eines Kaisers automatisch das Nachfolgerecht sichert; jahrhundertelang erwarben sich die Kaisersöhne - so auch Halle Selassie - durch List und Intrige das Recht auf den Thron.

Obwohl Haile Selassie seinem ältesten Sohn den offiziellen Kronprinzen-Titel beließ, erwählte er seinen zweitgeborenen Lieblingssohn Makonnen, Herzog von Harrar, zum eigentlichen Thronfolger. Ihn nahm er auf jede Auslandsreise mit, und bald gab es keinen politischen Schritt mehr, den der Kaiser ohne Makonnen unternahm.

Die kaiserlichen Pläne wurden jedoch jäh durchkreuzt, als Prinz Makonnen im Mai 1957 bei einem Autounfall ums Leben kam. Gleichwohl zog Haile Selassie einen zweiten Prinzen seinem Erstgeborenen vor: Der jüngste Sohn Sahle Selassie, Gouverneur der Provinz Gamu-Gofa, galt nun als präsumtiver Nachfolger Haile Selassies.

Derart zweimal seiner Thronansprüche beraubt, sah sich Asfa Wossen in die Opposition und an die Seite eines buntscheckigen Haufens von Revoluzzern gedrängt, die bereit waren, das Regime des Kaisers zu stürzen.

Unter der gemeinsamen Flagge eines Kampfes gegen die kaiserliche Autokratie hatten sich drei verschiedene Gruppen zusammengefunden:

- unzufriedene Stammeshäuptlinge, die dem harten Griff widerstreben, mit dem Haile Selassie den archaischen Vielvölkerstaat zusammenhält,

- fortschrittliche, im Ausland erzogene Intellektuelle und junge Offiziere, die eine radikale Modernisierung Äthiopiens anstreben, und

- in Ungnade gefallene Hofbeamte.

Im Sommer 1959 gab sich General Mengistu Newaye, Kommandeur der Kaiserlichen Garde, dem Kronprinzen als Führer der Putschisten zu erkennen. Der Mitarbeit des Kronprinzen bedurfte Mengistu, um seinem Staatsstreich den Anschein der Legalität zu geben: Ohne einen anerkannten Abkömmling Salomons und der Königin von Saba, der legendären Stammeltern des äthiopischen Kaiserhauses, lassen sich im Koptenreich des Negus keine Putsche realisieren.

Obwohl Asfa Wossen sich im August 1959 den Verschwörern anschloß, kamen die Vorbereitungen des Umsturzes nur langsam voran. Vor der übermächtigen Persönlichkeit des Kaisers fürchteten sich selbst die kühnsten Putschisten, und ein für Ende 1959 geplantes Attentat gegen Haile Selassie wurde wieder aufgegeben.

Erst als der bärtige Löwe von Juda Mitte Dezember 1960 das Land verließ und eine Reise nach Brasilien antrat, schlugen die Putschisten zu. Im Morgengrauen des 14. Dezember alarmierte General Mengistu seine 6000 Gardisten, die wenige Stunden später mit gewohnt militärischer Präzision alle lebenswichtigen Zentren von Addis Abeba besetzten.

Schon am Nachmittag jenes Tages schlug Asfa Wossens große Stunde. Er begab sich in den Kaiserpalast, in dem die Putschisten ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten, erklärte seinen Vater für abgesetzt und proklamierte sich selber zum Negus.

Indes, so reibungslos auch die Machtübernahme zu glücken schien - wenige Stunden später offenbarte sich ein verhängnisvoller Fehler der Putschisten. Sie hatten versäumt, auch die Führer der: anderen Waffengattungen ins Vertrauen zu ziehen - offenbar in dem Glauben, die Überraschungsaktion der als besonders kaisertreu geltenden Leibgarde werde die übrigen Wehrmachtteile für die Revolution gewinnen.

Die in Addis Abeba stationierten Armee-Einheiten - die Erste Division einschließlich des Generalstabschefs Merid Menguescha - aber weigerten sich, die Revolte zu unterstützen. In dieser kritischen Stunde des Haile-Selassie-Regimes bewährte sich das raffinierte System des Kaisers, keine starke Macht neben sich zu dulden und die Wehrmachtteile gegeneinander auszuspielen. Der übrigen Wehrmacht hatte stets mißfallen, daß die Garde als vornehmste Waffengattung galt und sogar einem eigenen Minister unterstand.

Noch hatte freilich der Putschisten-General Mengistu die Chance, das Hauptquartier des Generalstabschefs zu stürmen; gegenüber Mengistus drei Brigaden (darunter ein Panzerregiment), verfügte der kaisertreue General Menguescha allenfalls über zwei Bataillone, die noch dazu außerhalb der Stadt kaserniert waren.

Der Putschistenführer Mengistu zögerte einen Tag lang, ob er nun die kaisertreuen Widerstandsinseln in Addis Abeba vernichten oder durch Verhandlungen für sich gewinnen sollte. Sein Zögern wurde zum Zaudern, als sich am Vormittag des 15. Dezember jene Macht

einschaltete, der es nicht gleichgültig sein konnte, wer hinfort in Äthiopien regierte: Amerika.

US-Botschafter Arthur Richards zeigte sich wenig erbaut darüber, daß der antiamerikanische Kaiser-Vetter Ras Imru Ministerpräsident werden und der Amerika-Freund Sahle Selassie keine Thronchancen mehr haben sollte. Die Amerikaner und Mengistu kamen überein, die Rebellen sollten mit den Kaisertreuen verhandeln, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Mitglieder der amerikanischen Militärmission vermittelten die Verhandlungen.

Ob nun gewollt oder nicht - die von den Amerikanern angeregten Verhandlungen gaben Menguescha genügend Zeit, fünf Bataillone aus der Provinz heranzuführen, mit denen er dann am 15. Dezember gegen 14.30 Uhr den Kampf gegen die Putschisten eröffnete.

»Inzwischen hatte sich längst im ganzen Land die Waagschale auf die Seite des Kaisers gesenkt. Maschinen der Luftwaffe griffen die Rebellen an, der Statthalter von Asmara verbreitete absichtlich die falsche Nachricht von der Rückkehr Haile Selassies nach Äthiopien, während Generalstabschef Menguescha an der Spitze seiner Truppen einen Kaiser marschieren ließ, der in Wirklichkeit nur ein vom Hof unterhaltener Doppelgänger des Negus Negesti war.

Und wieder erwies sich US-Botschafter Richards als Deus ex machina. Als er im Rebellenhauptquartier mit einer Kapitulationsaufforderung der Kaisertreuen erschien, mußte der Amerikaner zwar erleben, daß vor seinen Augen 15 Minister und Vertraute des Negus von Putschisten niedergemacht wurden; zugleich aber konnte er, dem Gemetzel nach einem Sprung durchs Fenster entkommen, melden, daß der in einem Nebenzimmer gebliebene Kronprinz geflohen sei.

Eben diese rechtzeitige Flucht Asfa Wossens aus der Rebellenburg ermöglichte es dann dem zurückgekehrten Kaiser, das Prestige seines Sohnes notdürftig zu wahren. Die anhaltenden Kämpfe zwischen Putschisten und Kaisertreuen lassen es Haiie Selassie ohnehin opportun erscheinen, den Kronprinzen von seiner »schrecklichen Vergeltung« (so ein skandinavischer Reisender) auszunehmen.

Asfa Wossen

Makonnen

Aufgehängte Putschistenleichen in Addis Abeba: Schreckliche Vergeltung

Sieger Haile Selassie, Untertan: Väterliche Vergebung

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