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Gnade für die Popieluszko-Mörder

Bericht vom Prozeß in Thorn / Von Zbigniew Roznowski Der Autor, ein in Polen lebender Publizist, schreibt aus Gründen seiner Sicherheit unter Pseudonym. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Warum starb Popieluszko? Der Hauptbevollmächtigte der Volksrepublik Polen, General Jaruzelski, nannte seinem ZK kurz vor Weihnachten den Grund für den Priestermord: »Es kam zu einer unzulässigen Aneignung des Privilegs auf eine eigene - und deshalb auch fatal falsche - Interpretation der politischen und moralischen Beweggründe der Partei. Dies hat zur Tötung geführt.«

Vom Standpunkt der kommunistischen Interessen war der Mord ein schlichter Fehler, jedenfalls von dem Augenblick an, als die Tat enthüllt wurde. Und eben wegen eines Fehlers müssen sich die vier Sicherheitsoffiziere vor dem Thorner Woiwodschaftsgericht verteidigen. Denn wegen eines Verbrechens werden solche Leute auf den Territorien östlich der Elbe nicht zur gerichtlichen Verantwortung gezogen.

General Jaruzelskis Urteil, die Entscheidung über das Leben des Priesters sei nur die Folge einer falschen Auslegung der Partei-Politik gewesen, ist eine offene Schuldzuweisung an die bestehenden Verhältnisse. Wer diese falsche Entscheidung getroffen hat, wird der Thorner Prozeß denn auch kaum enthüllen - obgleich der angeklagte Oberleutnant Waldemar Chmielewski am vorigen Donnerstag wieder von einem unbestimmten stellvertretenden Innenminister gesprochen hat - von denen gibt es mehrere.

Bewiesen ist bisher, daß keiner der Angeklagten, die jene »falsche Entscheidung« zu vollstrecken hatten, an ihrer Richtigkeit gezweifelt hat oder gar schockiert gewesen wäre. Der Schock für sie war vielmehr ihre Verhaftung. Der Angeklagte Leszek Pekala, 32, am zweiten Verhandlungstag: »Ich litt während des Ermittlungsverfahrens unter Halluzinationen, es kam mir vor, als ob ich Einflüssen verschiedener Abwehrdienste ausgesetzt sei, als ob ein Krieg der Sterne ausgebrochen sei.«

Dem Oberleutnant des polnischen Sicherheitsdienstes erschien ein Sternenkrieg wahrscheinlicher als die Aussicht, wegen Teilnahme an der Ermordung eines oppositionellen Geistlichen vor ein ordentliches Gericht zu geraten.

Erschüttert über ein so ungewöhnliches Resultat einer Befehlsausführung sind nicht nur die Angeklagten: In diesem Gerichtssaal ereignet sich ein Wandel von historischem Rang, mit Folgen für den ganzen Ostblock.

Die Staatsmacht hat sich denn auch viel Mühe gegeben, damit die Eingangstür zum Gerichtssaal nicht zu weit geöffnet wird. Obwohl sie nach den polnischen Gesetzen auch in Warschau hätten stattfinden können, wurden die Verhandlungen in die Provinz verlegt. Doch die dreistündige Anreise aus der Hauptstadt ist nur die erste Hürde von vielen.

Das Gerichtsgebäude ist von Polizeitruppen umringt, die peinlich darauf achten, daß Unbefugte rasch das Weite suchen. Die Angeklagten werden zum Verhandlungssaal durch einen unterirdischen Gang geführt. Die wenigen, denen Passierscheine ausgestellt wurden, müssen

sich einer zweifachen Detektor-Kontrolle unterziehen.

Innerhalb des Gerichtsgebäudes hat die berüchtigte Antiterrorbrigade Posten gefaßt, bewaffnet mit langen Dolchen und Maschinenpistolen, deren Läufe auf die eintreffenden Rechtsanwälte, Geistlichen und Journalisten gerichtet sind.

All diese Sicherheitsvorkehrungen sind kaum geeignet, die Angeklagten vor Gefahr von jener Seite zu schützen, aus der sie nur drohen könnte, nämlich von ihren Kollegen und Vorgesetzten aus dem Apparat des Innenministeriums: Die meisten Plätze im Saal sind mit Sicherheitsfunktionären in Zivil besetzt.

Sollte es zu einem Attentatsversuch kommen, läßt sich die Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen vorstellen, wenn man bedenkt, welche Aufgabe ausgerechnet dem heutigen Hauptangeklagten, dem damaligen Abteilungsleiter im Vierten Departement des Innenministeriums, Hauptmann Piotrowski, vor anderthalb Jahren oblag: sich persönlich um die Sicherheit des Papstes Johannes Paul II. bei dessen Besuch in Polen zu kümmern.

Die Verteidiger sind ausnahmslos unbekannte Provinz-Anwälte aus Thorn und Umgebung. Es heißt, die Familienangehörigen der Angeklagten hätten versucht, Warschauer Juristen zu engagieren, von denen keiner dazu bereit war, solche Mandanten zu verteidigen.

Denn die einzige vernünftige Verteidigungsstrategie wäre ja, auf die zehnjährige Zugehörigkeit der Angeklagten zum Sicherheitsdienst hinzuweisen, der sie geformt und ihr Weltbild geprägt hat, so daß sie es für glaubhaft halten konnten, der Mordbefehl sei von ihrem Vizeminister erteilt worden.

Über die Details ihrer Ausbildung im Sicherheitsdienst möchten die Angeklagten aber möglichst wenig sagen. Der Rechtsanwalt Jan Olszewski, ehemals Berater der Gewerkschaft »Solidarnosc« und nun Prozeßbevollmächtigter der Hinterbliebenen des Opfers, will wissen, wer den Angeklagten jene Mafia-Methode beigebracht hat, den Priester mit einer sich zusammenziehenden Schlinge um Hals und Beine zu fesseln.

Staatsschützer Pekala antwortet diesmal mit einer ganz ruhigen Stimme: Er habe nie zuvor eine solche Art von Fesselung eines Menschen gesehen und niemand habe ihm das je beigebracht.

Und doch, trotz ihrer so überzeugend demonstrierten Diensttreue, kompromittierten die Angeklagten ihr Ministerium. Als einer der Nebenkläger nach dem Inhalt des Eides fragt, den Pekala zum Antritt bei der Geheimpolizei abgelegt hat, kann sich der Oberleutnant nicht mehr recht erinnern, ob dort auch von einer Einhaltung der geltenden Gesetze die Rede gewesen sei.

Und auf eine Frage nach dem Feuer, das kurz vor der Entführung das Haus des Popieluszko-Chauffeurs Chrostowski eingeäschert hat und das laut allen Regierungszeitungen »unbekannte Täter« gelegt haben, gibt der Oberleutnant spontan zu Protokoll, er sei davon überzeugt gewesen, daß die Sache ein Werk seiner Kollegen aus dem Dienst war.

Der bisher geständigste Killer Chmielewski, 29, leidet am Verhaftungsschock, seither stottert er, zittert am ganzen Körper, sein Gesicht durchläuft unentwegt ein nervöses Zucken, das er nicht beherrschen kann. Die bisher schweigenden wichtigeren Angeklagten zeigen hingegen völlige Gelassenheit: Der Departements-Vizedirektor Oberst Adam Pietruszka, 46, sitzt stumm mit dem unbewegten Gesicht eines erfahrenen Gangsters, und Hauptmann Grzegorz Piotrowski, 33, demonstriert hin und wieder sogar Heiterkeit - die Aussagen seiner Untergebenen bringen ihn einfach zum Lachen.

Heiterkeit herrscht zuweilen auch bei ihren Kameraden im Publikum. Als Pekala die Vorbereitungen zur »Eliminierung« des Priesters schildert und dabei zwei Paar Socken erwähnt, die, mit Sand gefüllt, zur Betäubung des Opfers dienen sollten, ruft einer aus dem Saal: »Waren die Socken wenigstens sauber?« Worauf das Auditorium mit einer kräftigen Kasernenlache reagiert.

Die beiden Oberleutnants haben ihre Reuebekenntnisse, besser: ihre Selbstkritik, abgeleiert und mehrfach betont, wie falsch sie gedacht haben, als sie dachten, daß der Befehl von dem stellvertretenden Innenminister stammte.

So schieben sie die Verantwortung ihrem unmittelbaren Vorgesetzten zu, dem Hauptmann Piotrowski, und behandeln ihr Ministerium mit weitgehender Diskretion. Zwar haben sie während der Verhöre mehrmals auf ihren Oberst Pietruszka, den Schweiger, als den Hauptbefehlsgeber der »Aktion« hingewiesen. Jetzt aber, vor Gericht, behaupten sie, dies alles nur von Piotrowski, dem Heiteren, gehört zu haben.

Hauptmann Piotrowski hat zwar sämtliche Taten, deren er beschuldigt wird, während der Verhöre zugegeben, zugleich aber immer wieder behauptet, im Interesse des Staates gehandelt zu haben. Er wurde erzogen von einem Sicherheitsdienst-Obristen, der sich seinen Rang in der Lodzer Geheimpolizei zur Zeit des Stalin-Terrors verdient hat: seinem Vater.

Piotrowskis Oberleutnants wiederholen immer wieder, er habe sie betrogen, er habe ihnen zugesichert, niemand werde sie zur Rechenschaft ziehen. Er habe ihnen von Kollegen erzählt, die an ähnlichen Aktionen teilgenommen und dann Belohnungen und Beförderungen geerntet hätten. Für den schlimmsten Fall habe ihnen der Hauptmann eine neue Identität, eine Namensänderung, einen neuen Wohnort und eine neue Dienststelle versprochen.

Als Piotrowski seinen Untergebenen erläuterte, warum das Attentat gegen Jerzy Popieluszko, 37, notwendig sei, berief er sich auf »außerreligiöse und außergesetzliche Aktivitäten« des Kaplans. »Man muß sich dem Gegner anpassen«, wiederholte Oberleutnant Chmielewski vor dem Gericht die Worte seines Abteilungschefs. Die Anpassung an den Gegner, der von seiner Kirchenkanzel gegen den Haß gepredigt hat, bedeutete in der Praxis - so die Anklageschrift - das »Begehen eines Mordes in Verbindung mit besonderen Martern«. _(Mit Walesas Beichtvater Henryk Jankowski ) _((M.) kurz vor Popieluszkos Ermordung im ) _(Oktober 1984. )

Diese Gerichtsverhandlung, die voll von Details über das Martyrium des Priesters ist, gerät zu einem Kanonisationsprozeß. Popieluszko, der zu einem Heiligen der katholischen Kirche erst frühestens fünf Jahre nach seinem Tod erklärt werden könnte, wird in Polen bereits heute inbrünstig verehrt.

Der »Solidarnosc« hat bislang ein Schutzheiliger gefehlt - jetzt bekam sie ihn in der Gestalt des heiligen Jerzy (deutsch: Georg), des Märtyrers, der im Kampf gegen den roten Drachen gefallen ist. Daß es nach der Legende der Drache war, der getötet wurde, stört die Polen nicht.

Wenn man die aus den Kirchen strömenden Menschen danach fragen würde, von wem die Worte »Besiege das Böse durch das Gute« stammen, würde sich kaum einer daran erinnern, daß es sich hier um die Worte des heiligen Paulus handelt - unter der Bevölkerung gelten sie bereits als Worte des heiligen Jerzy.

Nach der »Solidarnosc« im Untergrund hat General Jaruzelski auch noch einen Märtyrer als Feind bekommen. Gegen die haben Generäle zumeist geringe Chancen.

Mit der Eröffnung dieses Prozesses hat Jaruzelski nur das kleinere Übel gewählt, denn ein aus der Sicht der Regierung gutes Ende kann der Prozeß nicht nehmen. Die öffentliche Meinung nimmt jedes andere Urteil als die Todesstrafe nur als Bestätigung ihres Verdachts, die Mörder sollten später durch die Hintertür freigelassen werden.

Millionen von Polen können sich nicht vorstellen, daß Offiziere des Sicherheitsdienstes an die Wand gestellt werden. Um sich Glaubwürdigkeit zu verschaffen, müßte der General wohl im mittelalterlichen Stil eine öffentliche Hinrichtung anordnen.

Die Kirche könnte ihm wieder einmal beistehen und um eine Begnadigung der Verurteilten ansuchen. Und auch die Opposition hat das vor: Denn nur durch den Galgen könnten die Schreibtischmörder ihre Erfüllungsgehilfen zum Schweigen bringen. Wichtiger als die Sühne für Popieluszko ist aber eine Enthüllung der Hintermänner.

Die Angeklagten wissen das. Es ist ihre Überlebenschance.

Mit Walesas Beichtvater Henryk Jankowski (M.) kurz vor PopieluszkosErmordung im Oktober 1984.

Zbigniew Roznowski
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