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Görrings Charme

aus DER SPIEGEL 47/1971

Im Februar 1970 fragte Axel Springer: »Sollen wir nicht mehr für das Volk der Juden und die jüdischen Mitbürger eintreten?«

Seither sind eindreiviertel Jahre vergangen, und Axel Springer muß sich das überlegt haben. Mitte September beging die »Welt« mit zwei Jubel-Aufsätzen den 80. Geburtstag von Führer-Nachfolger Dönitz. Springers Qualitäts-Zeitung würdigte den Mann, der das »auflösende Gift des Judentums« bekämpft hatte, als »untadeligen Soldaten« und lobte seine »Haltung und Souveränität«.

Der »Allgemeinen unabhängigen jüdischen Wochenzeitung« waren diese »publizistischen Ovationen« zuviel. Sie warf der Springer-Zeitung »demokratische Unglaubwürdigkeit« und eine »Geschichtsverfälschung« vor, die »in ihrer Infamie der Dolchstoßlegende« nicht nachstehe. »Die Welt« habe »alles belastende Material« gegen Dönitz unterschlagen.

Springer, der sich noch 1969 in Jerusalem unaufgefordert »schon fast wie zu Hause fühlte«, distanzierte sich nicht. Im Gegenteil.

Drei Wochen später begann »Bild am Sonntag« gleich eine ganze Rechtfertigungs-Serie für Hitlers zweiten Mann, für Hermann Göring -- »wie er wirklich war«.

Wie war er wirklich? »BamS« versuchte die Wahrheit über Göring aus einer besonderen Perspektive zu entwickeln: Allein von den »Menschen aus seiner engsten Umgebung«, von Luftwaffengeneralen und Kammerdienern, ließ sich »BamS« sagen, wie Göring wirklich war. Görings Opfer dagegen, diejenigen etwa, die in den Konzentrationslagern umkamen, die Göring noch vor Himmler einrichtete, können »BamS« darüber keine Auskunft geben.

»BamS« würde sich für solche Aussagen auch kaum interessieren. Denn »BamS-Chefreporter Stiller, der die Göring-Serie verfaßte, will »falsche Überlieferungen korrigieren«. Er hat eine »Verschwörung des Schweigens« entdeckt, die sich gegen »gewisse menschliche Qualitäten Görings« richtet.

Woher Springers Stiller das weiß? Nun, er hat am 13. Oktober auf einem Briefbogen der »Axel Springer Verlag AG« der »sehr geehrten Frau Göring« einen Brief geschrieben, in dem er darauf hinweist, »Bild am Sonntag« wolle eine Reihe von Berichten »über Ihren verstorbenen Gatten« veröffentlichen. Damit Frau Göring nicht annehme. »BamS« beabsichtige einen Anschlag auf den »Verstorbenen«, versichert ihr Stiller, man wolle sich »ausschließlich auf die Aussagen von Menschen, die mit dem Reichsmarschall zusammengearbeitet haben«, stützen. Deshalb auch lege »BamS« »größten Wert« auf »Informationen von Ihnen«. Denn: »Schließlich standen Sie dem Reichsmarschall in den entscheidenden Jahren seines Lebens am nächsten.«

So »sind denn auch die Informationen. die »BamS« in den bisher vorliegenden drei Folgen vermittelt. Man erfährt, daß Emmy Göring nicht soviel Pelze besessen habe, wie man ihr nachsagte. Man erfährt, daß Göring mit dem Haushaltsgeld knauserte. Man erfährt, daß Ex-Generalfeldmarschall Milch Göring

noch immer für einen »glänzenden Politiker« hält. Man erfährt alles über Görings »Popularität«, über seine »Gastfreundschaft« und seinen »massiven Charme«.

Und man erfährt nichts über die Brutalität ("Hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten"). mit der dieser charmante Gastfreund 1933 sofort jede Opposition unterdrückte (nur in einem Satz formuliert »BamS"« er habe damals »kurzen Prozeß« gemacht).

Im Hause Springer soll man dies halten, wie man will. Man mag dort den bisherigen Springer-Grundsatz der »Aussöhnung mit dem Judentum« durch den neuen Grundsatz. der Aussöhnung mit dem Nationalsozialismus ersetzen. Nicht gleichgültig aber kann sein, wenn bei diesem Geschäft Vertreter unseres Staates helfen sollen: »BamS«-Reporter Stiller bot in seinem Brief an Emmy Göring als Beweis seiner Vertrauenswürdigkeit »Referenzen« der Generale Kammhuber und Rall an. Der eine ist der frühere. der andere ist der gegenwärtige Inspekteur der Bundesluftwaffe.

Otto Köhler
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