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KETTEN-RESTAURANTS Gold am Löffel

aus DER SPIEGEL 43/1964

Eine gegrillte Rindfleisch-Frikadelle zwischen zwei Scheiben Toast will Heinrich Lobenberg, 35, aus Lingen an der Ems in Westdeutschland als gastronomischen Markenartikel einführen.

Er hat sich mit Europas größter Gaststätten-Gesellschaft, der Londoner Lyons & Company Ltd., zusammengetan, die das »Wimpy« genannte Fleisch-Sandwich seit langern zum eisernen Menü-Bestand und Namenspatron ihrer 380 englischen »Wimpy -Bars« gemacht hat.

Mitte Dezember eröffnet Lobenberg mit Hilfe, der Lyons-Manager Gluckstein und Salmon am Bochumer Hauptbahnhof die erste von etwa 300 westdeutschen Wimpy-Bars. Mit dem symbolischen Rindfleisch-Brocken (Lobenberg: »Ich werde wahrscheinlich 1,10 Mark dafür nehmen") will der Emsländer seinen Bemühungen um eine neue Dimension für das bundesdeutsche Gaststättengewerbe Auftrieb geben.

Der blondgelockte Neuerer hatte zunächst im väterlichen, seit 1958 im eigenen Getränkehandel an der Kundschaft die Misere des deutschen Gastwirts studieren können. Ihr Sinnbild ist die Kümmer-Kneipe, die vom kaufmännisch wenig qualifizierten, mit den

Gästen knobelnden und trinkenden Wirt mehr schlecht als recht verwaltet wird.

Häufig haben die Kneiplers keine Ahnung vom Gang ihrer Geschäfte. Sie führen nur Einkaufsbücher und lassen Umsatz und Einkommen vom Finanzamt schätzen. Eine Erfolgsrechnung kennen sie nicht.

Von den 190 000 gastronomischen Betrieben der Bundesrepublik erreichen nur etwa 1000 einen Jahresumsatz von über 400 000 Mark. Die meisten, nämlich 110 000, setzen weniger als 80 000 Mark um. Laut Dr. Ralf Senf, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, gibt es »mindestens 25 000 Lokale zuviel«.

Vor dem trüben Bild der deutschen Durchschnitts-Gastronomie kam Heinrich Lobenberg auf die Idee, eine überregionale Restaurantkette aufzufädeln. Es sollten, anders als etwa die Hühnergrills des Münchner »Wienerwald« -Unternehmers Friedrich Jahn, keine Speziallokale sein.

Lobenberg gründete 1961 in Lingen eine »Kochlöffel-GmbH« mit 20 000 Mark Kapital (heute: 300 000 Mark). Die Gesellschaft hat seither fünf Restaurants mit dem heimeligen Namen - in Wilhelmshaven, Osnabrück, Oldenburg, Krefeld und Bremerhaven - eröffnet.

Lobenbergs Löffel vergoldete sich rasch. In diesem Jahr wird der Nachwuchskonzern 3,5 Millionen Mark Umsatz erreichen.

Gleich im ersten Anlauf hatte der Lingener die wesentlichen Zutaten zum Erfolgsrezept gefunden. Seine Kette trägt einen einprägsamen Markennamen,

- offeriert »solide Gaststätten der Mittelklasse« (Lobenberg),

- bietet überall gleiche Speisen zu gleichen Preisen und,

- wird von einer Zentrale aus rationell geleitet.

Die Kochlöffel-Speisekarte wechselt nur selten und umfaßt in der Regel nicht mehr als 15 Gerichte. Die Bestandteile dieses Dauer-Menüs kauft die Lingener Zentrale, um so die höchsten Rabatte und Skonti auszunutzen. Die Geschäftsführer der Lokale dürfen am Ort nur das einkaufen, was besonders preiswert zu haben ist - etwa Obst oder Gemüse.

Die Manager müssen allwöchentlich ihre Verkaufsergebnisse detailliert nach Lingen melden. Die GmbH erstellt dann für jeden Monat Gewinn- und Verlustrechnungen, so daß sich unrentable Posten leicht ermitteln und ausmerzen lassen.

Die Kontrolleure entlarvten zum Beispiel den gegrillten dänischen Vorderschinken auf virginische Art mit gebackener Ananas als Verlustbringer und strichen ihn von der Karte. Original Münchner Leberkäs mit Spiegelei dagegen wurde als Umsatzstar ermittelt und gehört damit zum ständigen Repertoire.

Mit knapp kalkulierten Sonderangeboten locken die Kochlöffel-Schwinger zusätzlich Gäste an. So wurde vor kurzem vier Wochen lang das Glas Dujardin für 65 Pfennig statt für 1.10 Mark ausgeschenkt.

Als seine Geschäfte bereits blühten, machte sich der Emsländer zu einem Informationsbesuch beim Londoner Restaurantkonzern Lyons auf. Dabei stellte sich gegenseitiges Interesse ein. Lobenberg entdeckte, daß die Engländer ihm mit langjährigen Erfahrungen dienen konnten; Lyons sah einen Partner für den Plan, Westdeutschland mit Wimpy-Bars zu überziehen.

Es wurde eine Vereinbarung geschlossen, nach der Lobenberg gegen geringe Gebühr ("einige tausend Mark") das Recht erhält, Lokale mit dem Namen und nach dem Muster des englischen Vorbildes zu eröffnen. Er muß sie selbst finanzieren und den Engländern ein bis anderthalb Prozent von den laufenden Umsätzen zahlen.

Der aufstrebende Gastronom sieht seinen Vorteil bei diesem Geschäft vor allem in der ausgereiften Rationalisierungs-Technik, die ihm die Lyons -Leute vermitteln. Er hofft angesichts der englischen Erfolgszahlen auf einen Durchschnittsumsatz von 36 Mark je Stuhl und Tag in der deutschen Wimpy-Bar. Seine Kochlöffel-Stühle bringen ihm bislang nur 13 bis 16 Mark ein.

Einen anderen Gewinn aus der neuen Partnerschaft erwartet Lobenberg erst für die fernere Zukunft: »Die Engländer verstehen sehr viel von Rindfleisch und Steaks. Wenn die Hähnchenwelle mal vorbei ist, läßt sich das vielleicht für Kochlöffel ausnutzen.«

Ketten-Gastronom Lobenberg

Mit einem Stück Rindfleisch...

... zu neuen Dimensionen: Kochlöffel-Lokal in Wilhelmshaven, Wimpy-Bar in London

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