Zur Ausgabe
Artikel 26 / 129

STASI Gold in der Backröhre

Akten der Gauck-Behörde enthüllen eine der verwegensten DDR-Karrieren: Ein Geheimdienstler, der aus dem Ruder gelaufen war, baute sich ein Geldimperium auf und schmierte höchste Genossen - und niemand kontrollierte ihn.
aus DER SPIEGEL 16/2000

Die Affäre mit den Hitler-Köpfen war der Regierung in Ost-Berlin hochnotpeinlich. Sie sollte schnell und vor allem geräuschlos erledigt werden - ein Fall für die Staatssicherheit.

Im Jahr 1976 hatten Unbekannte in der angeblich faschistenfreien DDR zehntausende Zwanzigmarkscheine mit Hitler-Porträts verschmiert und in Umlauf gebracht, überall in der Republik. Stasi-Offiziere rotierten, in einer geheimen Operation mit dem Decknamen »Note« fischten sie die Scheine vom Markt - schließlich waren Banknoten im Wert von 580 000 Mark beisammen.

Um die unbrauchbaren Scheine kümmerte sich ein vermeintlich vertrauenswürdiger Offizier: Günter Wurm, Jahrgang 1935 und zuletzt Leiter der Stasi-Abteilung XVIII/4. Wurm hatte die besudelten Papierstapel zur Staatsbank gebracht, wo sie vernichtet werden sollten. Doch er passte den Auftrag seinen eigenen Bedürfnissen an. Zwar lieferte er die Scheine bei der Bank ab - aber dann herrschte er den zuständigen Bediensteten an, ihm im Austausch sauberes Geld zu geben, angeblich weisungsgemäß. Der Mann in der Bank, so funktionieren Polizeistaaten, parierte.

Wurm steckte das frische Geld ein, und jahrelang kam ihm niemand auf die Schliche. Doch der erfolgreiche Betrug war für ihn nur ein kleiner Fisch. Heute, zehn Jahre nach der Wende, enthüllen Aktenfunde in der Berliner Gauck-Behörde seine ganze Karriere - und mit ihr den größten Wirtschaftskrimi der DDR-Geschichte. Knapp zwei Jahrzehnte lang, von Anfang der sechziger Jahre bis 1980, hatte Wurm klammheimlich ein Vermögen angehäuft: kiloweise Gold, Millionen von West-Mark, Edelsteine, Schmuck und Münzen. Mitten in der Diktatur verfügte er darüber wie ein Duodezfürst - eine Staats- und Stasi-Affäre.

Die Akten waren streng geheim, denn der Kriminalfall Wurm hatte sich auch bald zu einer beispiellosen Korruptionsaffäre entwickelt, in die Politiker, Funktionäre und Stasi-Offiziere verstrickt waren.

Es war die Stasi selbst, die Wurm auf die schiefe Bahn setzte: Jahrzehntelang hatte das Regime seinen Bürgern auf kriminelle Weise Gold, Juwelen oder Antiquitäten abgenommen, um sie im Westen verscherbeln zu können. Bei der Stasi ging ein Reim um: »Devisennot kennt kein Gebot.«

Eine der rabiatesten Operationen, Anfang der sechziger Jahre, trug die Tarnbezeichnung »Aktion Licht« (SPIEGEL 51/1997). Die Stasi brach tausende, meist seit der Nazi-Zeit verwaiste Bankschließfächer auf und plünderte sie.

Über tausend Beutestücke erbrachte Aktion Licht: Handschriften von Goethe und Napoleon, Bilder von Dürer und Rembrandt, Diademe, Orden und wertvolle Briefmarkensammlungen. Als alles einkassiert war, suchte die Stasi verdeckt nach »gewinnbringenden Verwertungsmöglichkeiten ... im Operationsgebiet«, also Westdeutschland. Die Arbeitsgruppe »Konto« wurde gebildet; sie war erfolgreich. Über vier Millionen West-Mark brachte der Verkauf.

Nur konnten die Stasi-Mannen die West-Millionen nicht einfach nach Ost-Berlin überweisen, die Devisengesetze im Westen verboten das. Sie schmuggelten das Geld über die Grenze, dabei bewährte sich auch Wurm, so dass ihm die Stasi-Oberen von nun an in Gelddingen trauten.

Wenig später, im April 1964, hatte die DDR-Führung Stasi-Mitarbeiter und Ökonomie-Experten in einem Schreiben aufgefordert, darüber nachzudenken, wie »am offiziellen Außenhandel vorbei Devisengewinne erwirtschaftet« werden könnten.

Damals entstand die Idee, im Ost-West-Geschäft so genannte Vertreterfirmen zu installieren, eine moderne Form der Wegelagerei. Wollte ein West-Unternehmen nun mit einer DDR-Firma Geschäfte machen, musste es dafür eine solche Vertreterfirma einschalten, die den Auftrag vermittelte und dafür Provisionen einstrich - in West-Mark.

Die Vertreterfirmen wurden gesteuert von einem neu geschaffenen staatlichen Sonderapparat, dem Bereich »Kommerzielle Koordinierung«, kurz KoKo genannt. Das Rennen um den Chefposten machte 1966 ein Mann, der immer noch geheimnisumwittert ist - Alexander Schalck-Golodkowski.

Doch die Stasi-Oberen wollten sich offenbar nicht nur auf Schalck verlassen. Im Geheimen schufen sie sich zur gleichen Zeit eine eigene Mini-KoKo: Nur ganz wenige wussten von der Gründung der Scheinfirma an der Ost-Berliner Rathausstraße, die im Handelsregister nicht auftauchte. Ihr Chef: der bewährte Günter Wurm. Er gab ihr einen unverfänglichen Namen: »Industrievertretung«; das Geschäftsprinzip war das gleiche wie bei den KoKo-Vertreterfirmen.

Wurm kassierte die Provisionen von »kapitalistischen Geschäftspartnern« (Stasi-Vermerk), fünf bis zehn Prozent, wie »international üblich«. Dadurch »hatte Gen. Wurm erhebliche Deviseneinnahmen«, hielt die Stasi später fest.

Bis 1970 sollen Wurm und seine Stasi-Gehilfin Ursula W., die bald seine Geliebte wurde, die Gewinne ordnungsgemäß bei Finanzminister Siegfried Böhm abgeliefert haben - 400 000 bis 600 000 West-Mark jährlich in bar, ohne Quittung.

Der Kleinstbetrieb Industrievertretung, zu dem nur noch der Inoffizielle Mitarbeiter (IM) »Felix« gehörte, entwickelte sich in der Folge ganz prächtig. Wurm kaufte bald mit seinen Einnahmen im Westen, was in der DDR an modernem Gerät fehlte: Geldtransporter für die Staatsbank oder Abhörgeräte für Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Wie parallel zu ihm der große Schalck machte sich auch der kleine Wurm unentbehrlich.

Doch dann lief Wurm aus dem Ruder und änderte seine Geschäftspraxis. Statt die Gelder abzuführen, zahlte er sie nun auf Konten ein, für die nur er zeichnungsberechtigt war - unter dem Falschnamen »Dr. Berger«.

Manchmal hob er das Geld wieder ab und deponierte es daheim oder in seinem Bürotresor. Um das viele Bare sicher anzulegen, ließ er über einen West-Berliner Kaufmann hauptsächlich in der Schweiz Goldbarren besorgen, die dann illegal eingeführt wurden.

Niemand in der sonst so repressiven DDR kontrollierte Wurm und die Genossin W. Vielleicht wollte ihn auch niemand kontrollieren. Denn Wurm hatte plötzlich Einfluss und Macht. Seine »beträchtlichen Deviseneinnahmen« aus den Provisionsgeschäften, notierten später Untersuchungsbeamte der Staatssicherheit, hätten ihm zu »weit reichenden persönlichen Kontakten und Beziehungen« verholfen, »auch in Bezug auf leitende Funktionäre«. Ständig »erhöhten sich die Wünsche, die an ihn herangetragen wurden«.

Ein nettes Wort am anderen, das entscheidende aber fehlte: Korruption.

Laut Stasi-Bericht, von dem nur drei Exemplare existierten, schmierte Wurm zumindest einen Minister, eine stellvertretende Ministerin, mehrere Staatssekretäre, Abteilungsleiter und andere hohe Verwaltungsbeamte. Er besorgte ihnen Autos und Fernseher, Schreibmaschinen und Pelzmäntel, Jagdgewehre, Spirituosen, Zigaretten oder Kosmetika. Er finanzierte auch schon mal die Fertigstellung eines Bungalows, weil die verdiente Genossin Bauherrin »in finanzielle Schwierigkeiten geraten war« (Stasi-Bericht). Für die Gattin und die Tochter des Staatssekretärs M. kaufte er schicke Dessous.

Ganz scharf waren die DDR-Sozialisten auf schöne Immobilien, auch hier konnte Wurm dienen. Dabei half ihm ein Kollege des Spionageapparats HVA, der wiederum einen Inoffiziellen in der Wohnungsverwaltung des Berliner Magistrats führte. Pro Wohnung verlangte der HVA-Offizier 1000 West-Mark cash - und Wurm zahlte, etwa 45-mal zwischen 1965 und 1980.

Vier dieser Wohnungen behielt Wurm als »konspirative« für sich, mit bester Ausstattung auf West-Niveau. Als ein Staatssekretär für sich und seine Geliebte etwas Kuscheliges suchte, half Wurm mit einer Wohnung in bester Lage aus - auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte.

Seine Geldtöpfe nannte Wurm »Reptilienfonds«, mit ihnen habe er, so der Stasi-Mann, »viele Dinge organisieren und machen« können - fast alles, »was anderen nicht möglich war«. Jene Rolle, notierten die Stasi-Untersucher, sei ihm »innerliche Genugtuung« gewesen.

Wer ihm weniger wohlgesinnt war, der musste sein Gebaren als Großmannssucht beschreiben. Und weil Wurm so tickte, ging er auch das Risiko ein, aus den klandestinen Gewinnen seiner Firma Industrievertretung über eine halbe Million Mark in die Renovierung eines Gästehauses nahe Eisenhüttenstadt zu stecken, das zu seiner Hauptabteilung gehörte; es trug (und trägt) den Namen »Siehdichum«.

1980 war MfS-Revisoren die allzu üppige Ausstattung aufgefallen - der Faktor Neid kam ins Spiel. Nun forschten sie nach der Geldquelle. Kaum einer von ihnen hatte je von der Industrievertretung des selbstherrlichen Kollegen gehört. Wurms Chef ordnete an, die Scheinfirma aufzulösen und »alle materiellen und finanziellen Werte« abzuliefern.

Doch Wurm und seine Freundin kamen dem Befehl nur teilweise nach. Auf ein Staatskonto transferierten sie 1,5 Millionen West-Mark, dazu kamen auch Summen in anderen Währungen. Die Tresorverwaltung erhielt zwölf Kilogramm Gold und über 200 Münzen.

Mehr als 80 Kilo Gold im Wert von 19 Millionen DDR-Mark aber bunkerte er weg, dazu knapp 1,3 Millionen West-Mark, Dollar, Franken und Pfundnoten, ebenso Schmuck und Edelsteine. 44 Kilogramm Gold versteckte Wurm in drei Teekesseln, die er im Wald vergrub, in einer eigens angemieteten Garage lagerte er 1100 Flaschen Spirituosen und 1,5 Millionen Zigaretten, Wasserpumpen und Stereoanlagen.

26 Kilo Gold sowie 160 000 West-Mark deponierte er in der Backröhre eines Kachelofens seiner konspirativen Wohnung mit dem Tarnkürzel »NB«- was ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

Denn im Januar 1981 ordnete sein Hauptabteilungsleiter plötzlich eine Inventur dieser Wohnung an der Berliner Niederbarnimstraße an. Die Sore wurde entdeckt. Wurms Einlassung klang abenteuerlich. Er sei so sehr an »Umgang mit Devisen und Werten gewöhnt« gewesen, dass ihm eine »absolute Trennung« davon zu schwer gefallen sei. Er habe sich aber keineswegs persönlich bereichern wollen.

Die Stasi blieb zunächst äußerst milde. Gegen ihre beiden Offiziere leitete sie nur Disziplinarverfahren ein. Auch als Ursula W. sämtliche anderen Verstecke verriet, zauderten die Chefs.

Denn Wurm war nicht nur umtriebig und wegen seiner Großzügigkeit äußerst beliebt. Der Finanzökonom hatte auch regelmäßig hohe Auszeichnungen für die »erfolgreiche Realisierung« von »Staatsaufträgen« erhalten.

Deshalb wurde Wurm lediglich vom Oberstleutnant zum Major degradiert, als »Offizier im besonderen Einsatz« ans Kombinat für Polstermöbel nach Dresden versetzt, zum Schweigen verdonnert und angehalten, alle »Verbindungen zu leitenden Mitarbeitern zentraler staatlicher Organe abzubrechen« - der Kreis der Mitwisser sollte klein gehalten werden.

Deshalb auch war ursprünglich kein Ermittlungsverfahren geplant. Es durfte nicht herauskommen, dass in der Stasi-Firma »ca. 15 Jahre keinerlei Kontrolle stattgefunden« hatte und zig Millionen Mark »aus der Verfügung des MfS« verschwunden waren, »ohne dass das auffällt«, so der Stasi-Bericht. Dies würde im straff geführten Staat »völliges Unverständnis auslösen«. Einen Stasi-Juristen trieb etwa die Sorge um, Wurm könne von seinem Recht auf Eingaben Gebrauch machen - »bis hin zum Generalsekretär«, der offenbar noch von gar nichts wusste. Ergo: »Die Probleme können so größer statt kleiner werden.«

Wurm jedoch war nicht zu kontrollieren. Er begann zu trinken, stänkerte herum und beschwerte sich trotz des Verbots bei einem Minister über die Behandlung. Auch soll er mit dem Gedanken gespielt haben zu fliehen. »Wenn man einen zweiten Stiller will«, sagte er zu Ursula W., »dann muss man es sagen.« Stasi-Offizier Werner Stiller war 1979 in den Westen übergelaufen und hatte dort geplaudert.

Jetzt war Wurm endgültig zum Sicherheitsrisiko geworden. Mitte September 1981 wurden er und seine Geliebte wegen Vorbereitung zur Fahnenflucht verhaftet, aber das Urteil des 1. Militärstrafsenats am 3. Dezember lautete anders: »gemeinschaftlich begangener verbrecherischer Diebstahl zum Nachteil sozialistischen Eigentums«.

Wurm bekam 15 Jahre Haft, Ursula W. acht. Die Regie in dem weitgehend geheimen Prozess hatte die Stasi geführt.

Kein Wort verlor der Richter über deren blinde Chefs, kein Wort über korrumpierte Minister und Staatssekretäre. Wurm, der Hauptschuldige, sei schlichtweg abgeglitten »in moralische Verkommenheit und dem Sozialismus entgegenstehendes Besitz- und Machtstreben«.

Gold, Münzen, Edelsteine und Schmuck nahm KoKo-Boss Schalck in seine Obhut. Zum Hüter der Sachwerte bestimmte er seinen Stellvertreter Manfred Seidel, erlöste Devisen zahlte der auf ein später berühmt gewordenes Konto ein: o528 bei der Deutschen Handelsbank in Ost-Berlin.

Stasi-Chef Erich Mielke hatte 1972 Order gegegeben, dieses KoKo-Konto einzurichten und es getrennt von anderen zu führen. Informationen über Kontobewegungen, hielt Schalck fest, dürften »ausschließlich an den Minister erfolgen«.

Die Diskretion machte durchaus Sinn. Anfangs wurden auf o528 die Erlöse aus Häftlingsfreikäufen verbucht, dann diente es der Bonzen-Versorgung in Wandlitz. Auf Schalcks Weisung seien alle Belege vernichtet worden, um so »eine Kontrolle über bestimmte Privilegien« von Politbüromitgliedern und »deren Kinder und Kindeskinder unmöglich zu machen«, gab Seidel in einem Ermittlungsverfahren zu Protokoll.

Nach und nach wurden sämtliche Münzen und Edelsteine versilbert. Der Schmuck blieb laut Seidels Aussage im KoKo-Tresor - auch über das Ende der Schalck-Truppe hinaus. Dann übernahm der Bund die herrenlosen Stücke.

Im Internet (www.berlin.de/ stasi-landesbeauftragter) sucht das Berliner Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen jetzt nach den einstigen Besitzern der Preziosen. Ein Collier ist darunter, ein Kruzifix und ein Silberpokal mit der Gravur: »Kaiser Wilhelm II. Dem Sieger im Jagdrennen der Offiziere des XV. Armeekorps 1914«.

Wurm starb nach nur zwei Jahren Haft im Gefängnis, die Familie schaltete eine kleine Todesanzeige - zum ersten Mal stand sein Name in der Zeitung. Seine Geliebte W. wurde nach vier Jahren entlassen. Sie hatte sich schriftlich zum »strengsten Stillschweigen« verpflichtet.

Wurms Lieblingsobjekt »Siehdichum« ist heute ein Hotel, das sich vor allem Jägern und Anglern anpreist. Sein jetziger Besitzer hatte es schon vor der Wende verwaltet - als Stasi-Offizier und einer der Wurm-Nachfolger. GEORG BÖNISCH,

WOLFGANG TIETZE

* Goldbarren aus einer Teekanne; Münzkoffer; Goldbarren imKachelofen.

Wolfgang Tietze
Zur Ausgabe
Artikel 26 / 129
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.