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ÄGYPTEN Gold in der Grube

Eine neugeschaffene Spezialpolizei soll den Antiquitätenräubern das Handwerk legen.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Polizeihauptmann Ahmed Kassim sah in das Erdloch. Da lagen Hunderte von Alabaster-Statuen, goldenen und silbernen pharaonischen Grabbeigaben aufeinandergehäuft nur wenige Kilometer vom berühmten Tal der Könige bei Luksor entfernt.

Diebe, auf die Plünderung jahrtausendealter Pharaonen-Gräber spezialisiert, hatten in der Grube ihre in Jahren zusammengeraubte Beute gelagert, um sie dann an ausländische Hehler zu verkaufen. Wert des Diebesguts: anderthalb Millionen Mark.

Um Mitternacht drangen Polizisten in die Villa eines griechischen Kaufmanns in der Pyramidenstraße von Giseh ein. Noch rechtzeitig: Altägyptische und islamische Kunstgegenstände im Wert von knapp vier Millionen Mark sollten gerade in Apfelsinenkisten verpackt und an eine europäische Deckadresse verschickt werden.

Als das kleine Museum von Assuan eine Klimaanlage erhalten sollte, krochen dreiste Diebe durch die kaum versperrten Luftschächte und bedienten sich. »Es waren Sachkenner«, jammert der Museumsdirektor.

Ägyptens Behörden registrieren, daß die Kunstdiebstähle beängstigend zunehmen. Zudem: In Auktionshäusern von New York und London tauchen Woche für Woche immer neue und größere Schätze aus dem alten Ägypten auf. Das Kairoer Massenblatt »Al-Achbar« forderte aufgeschreckt: »Haltet die Pyramiden fest.«

Parlament und Regierung wollen nun durchgreifen. Die Volksvertreter diskutieren ein 43 Punkte umfassendes Gesetz über den Handel mit Altertümern. Denn die bestehenden Gesetze schrecken kaum noch jemanden ab. »Nur 60 Mark Strafe«, klagt Polizeioberst Ghalib Ibrahim, »die kann jeder Dieb verkraften.« Die Zeitung »Al-Achbar« möchte Kunstschieber lebenslang im Zuchthaus sehen. Mehrere Abgeordnete wollen durchsetzen, daß alle Kunstgegenstände von größerem Wert an den Staat übergehen sollen; private Besitzer sollen entschädigt werden.

Ägyptens Innenminister gründete eine Sonderabteilung der Polizei, die ausschließlich Antiquitäten-Diebe verfolgen soll. Präsident Sadat will die neue Tempelgarde, die ihr Hauptquartier in Luksor hat, mit Radar und Detektor-Geräten ausstatten.

Kunstschätze werden in Ägypten seit langem gestohlen. Schon zu Lebzeiten der Pharaonen Amenophis IV. und Ramses II. im zwölften und elften Jahrhundert vor Christi hatten sich Räuberbanden auf den einträglichen Gräberraub spezialisiert. Aus Furcht vor den Grabfrevlern bauten die Nachfolger von Cheops und Chephren keine Pyramiden mehr, sondern ließen ihre Totenkammern an unbekannter Stelle in Felsen hauen.

Später plünderten fremde Invasoren Ägypten: Türken, Napoleons Expeditionskorps von 1798 bis 1801, Engländer. Obelisken aus Ägypten stehen in Rom, Washington, Paris, London und Istanbul. In West-Berlin wird die Büste der Königin Nofretete aufbewahrt.

Heute rauben vor allem wieder die Einheimischen. Am schlimmsten trieb es der Dorfnotable Abd el-Rassul aus einem Vorort von Luksor. Nächtelang trieb der Nachkomme einer ganzen Dynastie von Grabräubern heimlich mehrere Stollen in die Erde nahe dem großen Tempel von Luksor und förderte Mengen

wertvoller Antiquitäten zutage. Sein Neffe Ah Ab el-Rassul baute aus dem Erlös des Diebesguts ein Hotel, der Illustrierten »Akher Saa« zufolge »Treffpunkt der internationalen Mafia der Kunsträuber«.

Seit dem Altertum berüchtigt als Diebe sind auch die Bewohner des Dorfes Gurna auf halbem Wege zwischen Luksor und dem Tal der Könige. Die Dörfler haben Ackerbau und Viehzucht aufgegeben. Sie bieten vermögenden Touristen noch immer relativ preiswert echte pharaonische Grabbeigaben an.

»Noch nicht einmal ein Viertel dessen, was bis heute ausgegraben wurde, ist dem Staat bekannt«, brüstet sich ein Dörfler, der in seiner Lehmhütte gleich zwei Fernsehapparate hat. Die Tage von Gurna sind nun gezählt. Der Regierungspräsident von Luksor will die Bewohner umsiedeln,

Angesichts der neuen Maßnahmen haben Diebe und Hehler jetzt bestechliche Diplomaten als Helfer gewonnen: Viele Schätze werden in Kuriertaschen außer Landes geschafft.

Große Objekte kommen neuerdings selten durch. Kürzlich ertappte die neue Altertümer-Schutztruppe eine Diebesbande, die eine sieben Tonnen schwere Pharaonen-Statue über die Grenze schmuggeln wollte.

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