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LANDWIRTSCHAFT Goldene Ära

Die deutschen Bauern entdecken den Optimismus - dank Bio-Boom, lukrativer Exporte und erneuerbarer Energien.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Vor einigen Jahren hätte man ihn für wahnsinnig gehalten - einen sicheren Job mit guter Perspektive hinzuwerfen, nur um sich als Landwirt zu verdingen.

Vor einigen Jahren wäre Jens Geveke freilich auch nicht auf den Gedanken gekommen, seine Stelle bei der Oldenburgischen Landesbank aufzugeben. »Ich war froh, überhaupt einen solch sicheren Arbeitsplatz gefunden zu haben«, sagt der 32-Jährige.

In wenigen Wochen aber wird Geveke seine feinen Anzüge gegen schlichte Arbeitsklamotten tauschen - der Banker wird Bauer.

Er erfüllt sich damit einen Kindheitstraum, aber das ist nicht sein Motiv. »Ich glaube, dass ich als Landwirt mehr verdienen kann«, sagt Geveke. Eine Biogasanlage will er bauen, um aus Gülle oder Gras viel Strom und Wärme zu gewinnen. Es ist ein Geschäft in einer Wachstumsbranche, da ist sich der Finanzfachmann sicher: »Die Landwirtschaft ist eine Branche mit Zukunft.«

Solch emphatische Töne mögen verblüffen. Schließlich galten hiesige Bauern über Jahrzehnte als Berufsnörgler, denen das Wetter wahlweise zu trocken war oder zu nass, der Staat entweder zu aktiv oder zu untätig. War die Ernte gut, waren die Preise zu schlecht, und waren die Preise mal gut, konnte das nur an der schlechten Ernte gelegen haben. Doch nun werden unter den Landwirten mehr Optimisten als Pessimisten gezählt - was es noch nie gab, seit Bauern vor rund sechs Jahren ihr »Konjunktur-Barometer« einführten.

Eine ungeahnte »Aufbruchstimmung an den Agrarmärkten« hat die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle ausgemacht. Der Grund: Die weltweite Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Rohstoffen sei zuletzt »schneller gewachsen als das Angebot« - von dieser Entwicklung habe auch die deutsche Agrarbranche »erheblich profitiert«.

Einige Schlagzeilen aus dem aktuellen Jahresbericht: Rekorde am Schweinemarkt. Getreidepreise im Aufwind. Rapsnachfrage deutlich über Angebot.

Es sind so viele gute Nachrichten für die deutschen Bauern, dass selbst deren Präsident beinahe gute Laune bekommt, obwohl Jammern zu seinem Job gehört. Zwar betont Gerd Sonnleitner, dass »die Stimmung besser ist als die Lage«. Wer in der Landwirtschaft arbeite, verdiene brutto nur etwa 1900 Euro und müsse davon noch die Investitionen in den Hof bestreiten; unterm Strich bleibe für die Betriebe noch nicht mehr übrig als früher. Doch auch Sonnleitner will die Zeitenwende nicht leugnen: »Man braucht uns wieder.«

Besonders zufrieden geben sich derzeit die Schweine- und Geflügelhalter, aber auch vielen Ackerbauern geht es vergleichsweise sonnig. Der Verband der Landwirtschaftskammern berichtet, dass »selbst der Milchmarkt, das Sorgenkind der letzten Jahre«, immerhin »einige leicht positive Tendenzen« zeige.

Branchenübergreifend beschert der Bio-Boom den Öko-Bauern eine solche Nachfrage, dass sie mit der Lieferung von Fleisch und Gemüse kaum noch hinterherkommen. Die Mitteilungen der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle lesen sich deshalb, als drohte Deutschland eine Hungersnot: Von »Versorgungsengpässen« schreiben die Analysten und davon, dass Öko-Produkte »mangels ausreichender Rohstoffe knapp in Deutschland« seien.

Hinzu kommt ein Trend, der immer mehr Landwirte zu Energiewirten werden lässt: Nachwachsende Rohstoffe sind gefragt wie nie. Rainer Große Holthaus aus dem niedersächsischen Steinfeld hat deshalb gar nicht lange überlegt, als er seinen Betrieb für die Zukunft rüsten wollte. Seit dem 15. Jahrhundert bewirtschaftet seine Familie den Hof, dem nun eine Biogasanlage eine goldene Ära bescheren soll.

Über eine Million Euro investierten Große Holthaus und seine Frau, auch um ihren drei Kindern eine Perspektive zu bieten: »Für die wird es sich lohnen, später bei uns einzusteigen«, sagt Claudia Große Holthaus. Drei riesige Behälter, 20 Meter im Durchmesser, stehen nun neben den Ställen. Weil der Bauer nicht genügend Mais anbauen kann, um seine Schweine und gleichzeitig die Biogasanlage zu füttern, kauft er ihn von Landwirten in der Umgebung zu. Auch für die Zulieferer ein gutes Geschäft: Da sie auf Flächen anbauen,

die im Rahmen der EU-Agrarpolitik für die Nahrungsproduktion stillgelegt wurden, kassieren sie nun doppelt - von der EU und vom Energiebauern.

Solche Subventionen aus Brüssel haben in den vergangenen Jahren oft bestimmt, welche Art Landwirtschaft betrieben wird. Doch selbst das könnte sich ändern: »Mittelfristig werden wir ohne solche Gelder auskommen«, meint jedenfalls Harald Wedemeyer vom Landvolk Niedersachsen. Die Marktverhältnisse kehrten sich langsam um: »Bisher hatten es die Bauern mit einem Überschussmarkt zu tun, künftig gibt es einen Nachfragemarkt.«

Schon schlucken die Biogasanlagen so viel Mais und Futterpflanzen, dass andere Bauern fürchten, die Nahrung für ihre Tiere werde knapp und deshalb teurer. Der Bauernverband warnt vor einer Konkurrenz »zwischen Kuhpansen und dem eisernen Magen der Biogasanlage«, wie es Generalsekretär Helmut Born formuliert.

Im fernen Mexiko gibt es diese Konkurrenzsituation bereits. Dort stiegen zuletzt die Maispreise rasant, weil die USA so viel Ethanol produzieren - Zehntausende Mexikaner protestierten daraufhin gegen teure Tortillas.

Früher hätte eine solche Nachricht wahrscheinlich keinen deutschen Bauern interessiert. Heute aber wird die Landwirtschaft immer mehr zum Teil der Weltwirtschaft. »Unsere eigene wirtschaftliche Lage ist mehr und mehr vor allem mit den bevölkerungsreichen Ländern Asiens verknüpft«, sagt Bauernpräsident Sonnleitner. Davon gehe eine »deutliche Dynamik« aus.

Nach den Liberalisierungstendenzen der vergangenen Jahre kämpft nun auch der deutsche Bauer verstärkt gegen die Kollegen auf dem ganzen Globus, seine Scholle wird immer mehr Teil eines weltweiten Marktplatzes. Und auf dem zählen die deutschen Bauern derzeit zu den Gewinnern: Die australischen Kollegen leiden unter der Dürre, die chinesischen kommen dem Getreidehunger ihrer Landsleute nicht nach, die arabischen können so viel Joghurt und Käse, wie verlangt wird, gar nicht produzieren.

Auch wenn Fachleute vor Übermut warnen: Der Export, etwa von Milchprodukten und Fleisch, wird stetig bedeutender. 2001 verkaufte Deutschland im Ausland Agrarprodukte für 30 Milliarden Euro, im vergangenen Jahr bereits für 40 Milliarden Euro.

Darum hat sich Sonnleitner Anfang Februar in den Nahen Osten aufgemacht, gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsminister und etlichen Spitzenmanagern. Es ist nicht selbstverständlich, dass der Bauernchef einer solchen Regierungsreisetruppe angehört.

Für Sonnleitner ist es ein Beleg dafür, dass Landwirtschaft wieder etwas zählt in Deutschland: »Wir sind in.«

MICHAEL FRÖHLINGSDORF, MARKUS VERBEET

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