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VIETNAM / WAFFENSTILLSTAND Goldene Gelegenheit

aus DER SPIEGEL 52/1966

Die höchste geistliche Autorität der Welt vereinte sich mit der höchsten moralischen Welt-Autorität, um den mächtigsten Politiker zu bedrängen: Papst Paul VI. und Uno-Generalsekretär U Thant beschworen US-Präsident Johnson, ab Weihnachten in Vietnam die Waffen ruhen zu lassen.

Die kämpfenden Parteien waren übereingekommen, das Feuer zu Weihnachten und zu Neujahr je 48 Stunden und zum buddhistischen Neujahrsfest »Tet« am 8. Februar vier Tage lang einzustellen.

Der Papst aber möchte mehr. »Warum sollten die Gegner in dem Konflikt diese separaten Waffenruhe-Perioden nicht zu einem zusammenhängenden Waffenstillstand vereinen?« erklärte Paul VI. in der Peterskirche. »Sie könnten diese Gelegenheit nutzen, um einen ehrenvollen Ausweg aus dem Krieg zu suchen.«

Uno-Generalsekretär U Thant, der seinen Posten wegen des Vietnamkonflikts schon aufgeben wollte und sich nur schwer zum Ausharren hatte überreden lassen, assistierte dem Papst. Er hoffe, so verkündete er in New York, daß die Streit-Parteien den Aufruf befolgen würden. Eine Waffenruhe von rund 50 Tagen wäre »eine goldene Gelegenheit für Verhandlungen«.

Auch im eigenen Land wurde Johnson von Friedens-Aposteln bedrängt. Der Nationalrat der amerikanischen Kirchen ersuchte den Präsidenten, jede Möglichkeit zur friedlichen Beilegung des fernöstlichen Konflikts wahrzunehmen. Die Hauptgegner des Vietnamkriegs im Senat, die Johnson -Parteifreunde Mansfield und Fulbright, plädierten für die Annahme des Papst -Vorschlags. Mansfield: »Wir haben dabei nichts zu verlieren.«

Gerade aber weil die USA dabei doch etwas zu verlieren haben, zögert Lyndon Johnson, das Feuer zwischen dem 24. Dezember und 12. Februar ruhen zu lassen. Seine Generäle opponieren offen dagegen.

Denn so willkommen Washington eine Beendigung des Krieges wäre, der Amerika allein in diesem Jahr 80 Milliarden Mark und 5000 Gefallene kostete, so verheerend könnten die Folgen eines anderthalbmonatigen Waffenstillstands sein, wenn er

nicht zu einem Verhandlungs-Frieden führt.

Den Präsidenten plagt die Erinnerung an das Ergebnis des vorjährigen Weihnachtsfriedens. Damals hatte Johnson - gleichfalls einem Appell des Papstes folgend - die Bombenangriffe auf Nordvietnam 37 Tage lang unterbrochen.

Gleichzeitig schwärmten sechs Sonder-Emissäre in 40 Hauptstädte aus, um Friedens-Chancen zu erkunden. Die »intensivsten, schwierigsten, am sorgfältigsten vorbereiteten und wichtigsten weltweiten Anstrengungen in der Geschichte der amerikanischen Diplomatie« (so das Nachrichtenmagazin »Time") blieben jedoch ohne Erfolg. Hanoi weigerte sich, an den Verhandlungstisch zu kommen.

Die Roten nutzten hingegen die unverhoffte Bomben-Pause, um ihre strategischen Positionen entscheidend zu verbessern. Eine Viertelmillion einheimische und 40 000 chinesische Kulis schufteten Tag und Nacht, um die von amerikanischen Bomben und Raketen zerstörten Straßen, Eisenbahnen und Brücken notdürftig zu reparieren.

Bald zählten amerikanische Aufklärungsflugzeuge täglich Hunderte von Lastkraftwagen, die vollbepackt in Richtung Süden rollten. Sie brachten Waffen und Ausrüstung aus China nach Nordvietnam sowie gut ausgerüstete Soldaten zum Ho-Tschi-minh-Pfad - dem Einfallstor der nordvietnamesischen Infiltranten nach Südvietnam -, von dort aus transportierten Fahrradkolonnen den Nachschub weiter.

In den 37 bombenfreien Tagen vervielfachten die Nordvietnamesen ihre Flak-Stellungen. Sie verdoppelten die Zahl ihrer Luftabwehrraketen-Rampen von 30 auf 60.

Der rote Chef-Stratege General Giap nutzte die Pause, um die von der Ersten US-Kavallerie-Division schwer angeschlagenen roten Einheiten im Zentralen Hochland wieder aufzufüllen. Er verstärkte den roten Ring um Saigon und schickte eine seiner Elite-Einheiten - die 324. Division - an die entmilitarisierte Zone am 17. Breitengrad, der seit dem Indochina-Abkommen von 1954 Vietnam in zwei Hälften teilt.

Als wenige Wochen nach dem Ende der Bomben-Pause die Buddhisten-Unruhen in Südvietnam ausbrachen und die Regierungstruppen im Norden des Landes gegen die Regierung in Saigon meuterten, rückte die 324. über die Grenze und setzte sich in den nördlichsten Provinzen Südvietnams fest.

Monatelang versuchten die Amerikaner in verlustreichen Operationen, das verlorene Terrain wiederzugewinnen. Ganz ist es ihnen bis heute nicht gelungen. Noch immer kämpfen im Norden Marine-Infanteristen gegen die mit schweren Waffen ausgerüstete 324. Division. Noch immer tappen Einheiten der Ersten Kavallerie-Division in Hinterhalte der Roten. Noch immer bedrohen intakte kommunistische Einheiten die südvietnamesische Hauptstadt.

Eine neue, noch längere Bomben -Pause, die diesmal nach den Wünschen der Initiatoren von einer allgemeinen Waffenruhe begleitet sein soll - würde, so fürchtet das US-Oberkommando in Vietnam, die militärischen Erfolge dieses Jahres zunichte machen. Sie würde auf lange Sicht nicht nur »eine verdammt große Zahl von amerikanischen Soldaten das Leben kosten« (so US-Admiral David McDonald), sondern den Kommunisten auch die Gelegenheit zu Truppenmassierungen bieten. Die Vietcong könnten dann vielleicht starten, was ihnen bisher Hunderte Luftangriffe täglich verwehrten: eine große Offensive.

Deshalb wich Johnson dem Papst -Appell zunächst aus. Er antwortete nur, er werde den Vorschlag »prüfen«.

Außenminister Dean Rusk gab sich bei einem Besuch in Saigon ablehnend. »Ich sehe kein Anzeichen dafür«, erklärte er, »daß die Gegenseite daran interessiert ist, den Konflikt auf den Konferenztisch zu bringen. Und wir können nicht nur die eine Hälfte des Krieges stoppen. Die anderen müssen ihre Hälfte ebenfalls stoppen.«

Mittwoch letzter Woche wies das Weiße Haus die einseitige Verkündung einer lang dauernden Waffenruhe zurück. Johnsons Pressesprecher Bill

Moyers sagte, die USA seien zur »Erörterung« eines verlängerten Waffenstillstands nur bereit, wenn auch Delegierte Hanois daran teilnähmen.

Dafür aber besteht wenig Aussicht. »Die amerikanischen Reden über Friedensbemühungen«, verkündete Radio Hanoi, »sind nur ein weiterer krimineller Schritt, um die Eskalation des Krieges zu verschleiern.«

Der Sender forderte die roten Soldaten und Partisanen im Süden zu verstärkten Angriffen auf, um die »Bevölkerung von Hanoi, die von den US -Aggressoren abgeschlachtet wird, zu rächen«.

Denn Anfang letzter Woche hatten amerikanische Maschinen, die über der nordvietnamesischen Hauptstadt von Flak, Mig-Jägern und Sam-Raketen bedrängt wurden, sich ihrer Bomben durch Notwurf entledigt. Sie trafen Wohnviertel Hanois nahe dem Palast Ho Tschi-mihhs und dem Diplomatenviertel. Über hundert Zivilisten kamen um.

Vietcong beim Nachschub

Pause genutzt

New York Herald Tribune

»Laß sie beten - wir schaffen derweil die Munition an die Front«

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