Zur Ausgabe
Artikel 35 / 72

ITALIEN Goldene Tangente

Ölbosse schmierten Roms Regierungsparteien mit Millionensummen. Der Skandal zur Zelt wirtschaftlichen Niedergangs und verbreiteter Putschgerüchte heizte die Krisenstimmung an.
aus DER SPIEGEL 7/1974

In der Villa Garrone zu Genua forschten Finanzpolizisten nach einem Safe. Sie fanden ihn in der Wand, versteckt hinter einem wertvollen Renaissance-Gemälde.

Der Safe-Inhalt -- Briefe und Zahlungsanweisungen -- kompromittiert den Hausherrn Riccardo Garrone, 37. Der Raffinerie-Besitzer gilt seither als Schlüsselfigur in einer Bestechungsaffäre zwischen Petroleum und Politik, die der römische »Espresso« den »Skandal der Skandale« nannte.

Gegen Garrone war zunächst wegen des Verdachtes ermittelt worden, er horte Erdöl-Produkte, um die Preise hochzutreiben. Die zwei Genueser Amtsrichter Sansa und Almerighi ließen Villa und Stadtbüro des Raffinerie-Erben durchsuchen -- der Fall weitete sich aus. Almerighi eilte mit zehn Finanzpolizisten nach Rom zum Verband der Erdölindustriellen, um Material zu beschlagnahmen.

Die Beute-Dokumente zeigen: Seit Jahren zahlten die Verbandsmitglieder, wann immer Roms Regierung eine Entscheidung in Sachen Petroleum zu fällen hatte, Schmiergelder an die Parteien. Und wann immer Rom den Bossen Gutes tat, zeigten sie sich dankbar,

Beispiel: Dank einer Steuervergünstigung kassierten die Ölgesellschaften in den vergangenen fünf Jahren etwa 100 Milliarden Lire zusätzlich. 20 Milliarden davon, so heißt es, gaben sie als »Tangente« an die Regierungsparteien weiter. Die Benzinpreis-Erhöhung im Herbst 73 wurde nach der »Zwei-plus-fünf-Methode« honoriert: zwei Milliarden Vorauszahlung, fünf Milliarden als Belohnung hinterher. Die Beweise für Korruption, behaupteten Mitarbeiter der Genueser Amtsrichter, »sind groß wie Wolkenkratzer«.

Das Tangenten-Geschäft, bei dem offenbar sogar der Staatsholding Eni mitmischte, lief über Banken in Rom und Genua. Wahrscheinlich flossen die Öl-Prozente an die regierende Democrazia Cristiana (DC), ihre Koalitionspartner und etliche Bürokraten im Industrieministerium. Einer der beschlagnahmten Schecks (über 1,2 Milliarden Lire) war angeblich auf das Hausmädchen eines DC-Managers ausgestellt,

Der Bestechungsskandal erschüttert von neuem das Ansehen einer Demokratie, die ohnehin in dem Ruf steht, unfähig und korrupt zu sein. Schwächlich laviert die Vier-Parteien-Koalition unter Premier Rumor in einer ständig gefährlicher werdenden wirtschaftlichen und sozialen Krise.

Die Preise für Nahrungsmittel steigen rapide. Am Donnerstag und Freitag voriger Woche streikten Hunderttausende Industriearbeiter. Sie forderten einen erweiterten Preisstopp, Sicherung ihrer Jobs und soziale Reformen.

Niemand wunderte sich, daß in diesem Klima versprengte rechte Ultras Putschpläne schmiedeten. In Norditalien deckten Polizei und Justizbehörden das Komplott der Gruppe »Windrose« auf. Die Verschwörer planten, 1267 Mitglieder der Regierung und der Links-Parteien zu ermorden. Anschließend sollte ein faschistisches Regime entstehen. In Verona verhaftete die Polizei den Major Amos Spiazzi, der bei der »Windrose« mitputschen wollte. Gegen andere Militärs wird noch ermittelt.

An »Windrose« dachten denn auch Millionen Italiener, als am 27. Januar bekannt wurde, daß ein Teil der Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt worden sei. Die Luftwaffe verstärkte die Bewachung der Militärflughäfen, Lastwagen- Kolonnen der Carabinieri ratterten nachts nach Rom, Ministerien erhielten Sonderschutz. »Alles Maßnahmen gegen Terror-Akte«, erklärte das Verteidigungsministerium.

Der Innenminister dagegen wußte von nichts, die Motive des Alarms blieben unklar. Linke Politiker argwöhnten, das Militär benutze Attentats-Gerüchte als Vorwand, um selber zu putschen -- nach chilenischem oder griechischem Muster. »Der italienische Staat«, resignierte der »Corriere della Sera«, »löst sich in eine Reihe von »Inseln« auf: Polizei, Carabinieri« Heer, Justiz, Superbürokratie.«

Was die Atmosphäre weiter vergiftet, ist die bedrückende Erfahrung, daB Politskandale und Affären in Italien nicht etwa aufgeklärt, sondern zerredet, vertuscht oder archiviert werden -- so sicherlich auch der Öl-Bestechungsskandal. Schon hat der Streit begonnen, welches Gericht denn zuständig sei. Sollte bei den Ermittlungen etwa Verdacht auf Minister X fallen, werden die Akten ans Parlament weitergeleitet.

Und die Parlamentarier, betonen römische Juristen, werden den X bestimmt nicht verdammen. »Sie haben ja selber ausgiebig bei den Ölbossen getankt.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 35 / 72
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.