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ISLAND Goldener Brotfisch

Ein Wirtschaftsaufschwung ohnegleichen beschert der Vulkaninsel einen Spitzenplatz in Europa - aber auch ungewohnte Interessenkonflikte mit Umwelt und Natur.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Im unwegsamen Hochland stieß die Reisegruppe unerwartet an eine Straßensperre. Auf einer schmalen Brücke unweit des Gletschers Vatnajökull blockierte ein quergestellter Jeep ihren Bus.

Ein Grüppchen von Umweltaktivisten stoppte die Expedition, zu der Islands nationales Energieversorgungsunternehmen seinen gesammelten Vorstand gebeten hatte. Die Manager mussten zwei Protestresolutionen über sich ergehen lassen, mit anschließender Diskussion, danach erst durften sie ihren Trip fortsetzen.

Die feine Gesellschaft war auf dem Weg zu Islands größtem und umstrittenstem Industrieprojekt. Im Feuchtgebiet Eyjabakkar am Fuße des mächtigsten isländischen Gletschers soll in den nächsten Jahren ein gigantisches Wasserkraftwerk entstehen, um eine neue Aluminiumschmelze - die größte in Europa - mit Strom zu versorgen. Dafür will die Regierung über 46 Quadratkilometer unberührter Natur fluten. Der Stausee würde nicht nur eine in Westeuropa beispiellose Landschaft vernichten, sondern auch die Weidegründe für die einzige wilde Rentierherde der Insel sowie Mauserplätze von tausenden besonders geschützter Kurzschnabelgänse.

Der World Wide Fund for Nature (WWF) vergleicht die Gegend mit dem Yellowstone-Nationalpark in den USA. »Eyjabakkar muss unter besonderen Schutz gestellt werden«, verlangt Arni Finnsson vom Naturschutzverband, der den Widerstand organisiert.

Blockaden und Protestaktionen zum Schutz der Landschaft, das hatte es im Land der Gletscher und Geysire bis dahin noch nicht gegeben. Die 274 000 Einwohner der entlegenen Republik hoch oben im Nordmeer interessierten sich in erster Linie für den Laichstand von Kabeljau oder Hering, urtümliche Natur haben sie im Überfluss.

Doch seit die Regierung in Reykjavik die vierte große Aluminiumhütte plant und dafür weite Flächen opfern will, schwappt eine Protestwelle über die Insel. Die spülte im Mai erstmals die Grünen ins Parlament und bringt inzwischen auch die Intellektuellen auf. An die hundert Künstler machten sich kürzlich auf den beschwerlichen Weg, um zwischen Moosen und Mooren für deren Schutz zu demonstrieren.

»Wir brauchen die Fabrik für unsere wirtschaftliche Entwicklung«, hält Handels- und Industrieminister Finnur Ingólfsson dagegen. »Es handelt sich schließlich um grüne Energie«, beschwichtigt selbst die Umweltministerin Siv Fridleifsdottir, »die beste, die man bekommen kann.«

Das umkämpfte Industrieprojekt ist der Preis für einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung. Binnen weniger Jahre entwickelte sich die kleine Nation zu Europas Musterschüler. Wachstumsraten von mindestens 5 Prozent jährlich seit 1996 brachten dem Eiland einen Spitzenplatz unter den OECD-Ländern (Durchschnitt: 2,9 Prozent) ein. Die Arbeitslosigkeit sank von über 5 auf konkurrenzlose 1,5 Prozent in diesem Sommer; die Inflation fiel von über 50 Prozent noch vor 15 Jahren auf inzwischen 2 Prozent. Die Realeinkommen stiegen in den letzten zwei Jahren um acht bis neun Prozent, die Kaufkraft explodierte.

Grund für das Hoch im Norden ist die florierende Fischindustrie. Acht von zehn Kronen im Export werden mit Kabeljau und Rotbarsch, Hering und Heilbutt verdient. »Der Kabeljau ist der Brotfisch der Isländer«, sagen die Einheimischen. Mit Fangquoten von über 230 000 Tonnen jährlich entpuppt er sich geradezu als Goldfisch. So lässt es sich Staatspräsident Olafur Ragnar Grímsson nicht nehmen, persönlich auf der Fischereimesse zu erscheinen und zwischen Kabeljauköpfen und entgräteten Filets, Frostergeräten und Filetiermaschinen herumzustiefeln.

Längst haben sich die Isländer an ihren hohen Lebensstandard gewöhnt, der Kneipen und Restaurants trotz horrender Preise (Bier: zwölf Mark) bis tief in die Nacht füllt. Doch die Regierung traut dem neuen Wohlstand nicht ganz. »Wir sind zu abhängig von der Fischerei«, hat Ministerpräsident David Oddsson erkannt. Man profitiere derzeit von geringen Energiekosten für die Kutterflotte und hohen Marktpreisen für die Meeresprodukte. Aber »die Preise können rauf und runter gehen, der Fisch kann auch wegbleiben«, sagt Oddsson und erinnert daran, wie in den sechziger Jahren plötzlich der Hering verschwand.

Um die geplanten Wachstumsraten von rund drei Prozent für die nächsten Jahre zu garantieren, müsse Island neue Arbeitsplätze in anderen Zweigen schaffen, warnen Wirtschaftsexperten. Der Tourismus, der 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht und an zweiter Stelle liegt, stößt an Grenzen. Mit gut 250 000 Urlaubern jährlich ist der Fremdenverkehr schon jetzt, gemessen an der Einwohnerzahl, fast so stark wie im Reiseland Spanien.

Was liegt da näher, als Islands wichtigste Ressourcen verstärkt auszubeuten, die Energiegewinnung aus Wasser und Geothermik. Nur rund zehn Prozent der sauberen Energiequellen sind bislang genutzt. »Wir müssen die energieintensive Produktion fördern«, verlangt Industrieminister Ingulfsson und setzt dabei ausdrücklich auf den Zukunftsmarkt von Aluminium, etwa beim Bau energiesparender Autos.

Gänzlich ungelegen kommt der Regierung gerade zu diesem Zeitpunkt eine andere Debatte, die immer wieder neu entflammt: der ewige Streit um den Beitritt zu EU und Euro. »Island darf politisch nicht hinter dem Polarkreis verschwinden«, bekommt Reykjavik immer wieder vom Kontinent zu hören.

Die Beitrittskriterien wären längst erfüllt, und über 70 Prozent des Außenhandels werden ohnehin mit der EU abgewickelt. Doch während sich die Union sonst kaum vor Bewerbern retten kann, widersetzt sich das kleine Eiland hartnäckig. »Was sollen wir dadurch gewinnen?«, fragt Oddsson. »Im Gegenzug verlieren wir den entscheidenden Einfluss auf das für uns wichtigste Thema, den Fisch«, meint er, »das können wir nicht zulassen.«

Die Erinnerung an den Kabeljaukrieg von 1976, als britische Trawler in isländische Fanggebiete eindrangen, ist noch wach. Isländische Patrouillenboote kappten die Fangleinen und wurden dafür von Kriegsschiffen Großbritanniens bedrängt und manchmal auch gerammt.

Erst nach Drohungen, seinen Nato-Verpflichtungen nicht nachzukommen, konnte Reykjavik eine 200-Seemeilen-Grenze durchsetzen. Nur eine bescheidene Fangquote von 3000 Tonnen, garniert mit allerlei Auflagen, treten die Insel-Skandinavier derzeit an Europa ab. Für eine Änderung wären neben den Briten vor allem Spanien und Portugal dankbar, die Europas größte Fischereiflotte unterhalten.

Da stellen sich Islands Regierende lieber stur. Fabrik und Kraftwerk werden gebaut wie geplant, »und wir werden feststellen, dass dies nicht so schlecht ist für die Natur«, beteuert der Regierungschef. Und der EU-Beitritt bleibt ausgesetzt, so Oddsson, zumindest so lange, »bis ich nicht mehr im Amt bin«. MANFRED ERTEL

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